Ayad Akhtars "Geächtet"

Hassbrief an die Menschheit

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Was als Essen beginnt, endet im Streit: Das LTT Tübingen zeigte im Stadttheater Ayad Akhtars „Geächtet“. Von links: Carolin Schupa (Emily), Jennifer Kornprobst (Jory), Andreas Guglielmetti (Isaac) und Raphael Westermeier (Amir).

Landsberg – „Ich empfand Stolz am 11. September. Wir siegten letztendlich. Ich habe nur vergessen, welches wir ich meine.“ Das sagt Amir, pakistanischer Moslem, Protagonist in Ayad Akhtars Pulitzer-Preis-gekröntem Stück „Geächtet“. Daneben gibt es den Juden Isaac, mehr dem „Großen Ganzen“ verpflichtet, denn: „Jede Religion hat ihre Macken.“ Und Emily samt naiver Islamdefinition neben Jory, die eigentlich nur ihr Ego verehrt. Akhtars Stück mutet wie ein moderner Nathan an. Nur geht es nicht um einen Wettstreit der Religionen. Vielmehr darum, wie Religion – und damit Kultur – das Individuum definiert. Sowohl durch die eigene Stellung zu ihr als auch durch die Ansichten des Gegenübers, in dessen Blickwinkel jeder unweigerlich gerät.

Amirs Nachname ist Abdullah. Den hat er geändert, in Kapoor, und auch sein Chef in der Kanzlei hält ihn für einen Inder. Amir hat Angst vor den Vorurteilen, die einem Muslim entgegenstehen. Dabei hat er sich schon lange vom Islam abgewandt: „Der Koran ist ein einziger, ganz langer Hassbrief an die Menschheit.“ Doch seine Herkunft und seine Religion sind Teil dessen, was ihn ausmacht. Er leugnet beides. Was von ihm übrig ist, weiß er schon lange nicht mehr. Das zeigt sich, als sein Neffe ihn bittet, einen Imam zu verteidigen. Amir fürchtet um seinen Ruf, ist bei der Urteilsverkündung dennoch anwesend. Ein Zeitungsartikel erwähnt seinen Namen und letztendlich wird dieser Artikel dazu führen, dass Amir in seiner Kanzlei nicht zum Partner gemacht wird. Denn wie sagt sein Chef über ihn: „Amir ist falsch.“ Amir hat seine Identität verloren.

Amerikanischer Traum

Akhtar zeigt dieses Identitätssuche-Stück als Essen, zu dem Amir und seine Frau Emily in ihr Zuhause an der schicken New Yorker East Side laden. Emily ist Künstlerin, ihre Kunst „eine Unterwerfung vor der Formensprache des Orients“. Isaac ist Kurator und sieht in Emilys Arbeit eine dienende Haltung dem Islam gegenüber, ein „ungewöhnliches, bemerkenswertes Statement.“ Überhaupt ist Religion für ihn nur ein Aspekt der Kunst: „Wer Gott sagt, will betrügen.“ Seine Frau Jory arbeitet mit Amir in der Kanzlei. Im Gegensatz zu Emily hat sie sich ihre gesellschaftliche Stellung hart erarbeiten müssen – der amerikanische Traum des Tellerwäschers.

Karrieretreu verrät sie Amirs Beteiligung am Imam-Prozess dem Kanzleichef und wird an seiner statt Partner. Neben all dem steht die Affäre, die Emily und Isaac hatten. Ein Pulverfass, das am Ende hochgeht und alle Protagonisten aus ihrer Bahn wirft.

Die Gespräche beim Essen drehen sich um Religion und Kunst, um Babyartischocken und Schweinelende, um Rassismus und Terrorismus, den Mohr und den Sklaven. Emily und ihr Mann liefern sich einen Wettstreit mit Koranzitaten, Isaac rastet aus, Jory scheint sowieso gegen jeden zu kämpfen. Ein wenig erinnert Akhtars Stück an Jasmin Rezas „Kunst“. Doch gehen die Zerwürfnisse bei Akhtar weiter, sind die Selbstzweifel tiefer, der gegenseitige Hass und die Hilflosigkeit aller größer. Als am Ende Amir seine Frau schlägt und alles verliert, schickt ihn Regisseur Sascha Bunge in die Thoreau’sche Einsamkeit. Dort wiederholt Amir stur die Präambel der amerikanischen Verfassung samt dort festgehaltener Absicht, „Gerechtigkeit zu verwirklichen, das allgemeine Wohl zu fördern und das Glück der Freiheit zu bewahren“. Doch all das scheint es für Amir eben nur dort zu geben: fern der Zivilisation, die ihn definieren will.

Die temporeiche Inszenierung des LTT Tübingen ist gelungen, sie legt die vielen Schichten in Akhtars Stück frei und schafft es trotz ernstem Stoff und lawinenartigen Textpassagen hervorragend zu unterhalten. Nicht umsonst wählte Theater Heute das Stück 2016 zum besten ausländischen. Aber auch die Schauspieler sind exzellent, allen voran Raphael Westermeier als Amir. Der von Regisseur Bunge stammende Schluss samt amerikanischer Punk-Hymne (Are your stars still so bright?) und Filmzitat über Cowboys, die sich nehmen was sie wollen, führt „Geächtet“ grandios zu Ende.

Der 1970 in New York als Sohn pakistanischer Einwanderer geborene Akhtar sagt, „Geächtet“ sei kein Stück über den Islam. Und niemand anders als ein Muslim hätte es schreiben dürfen, denn dann „schreibst du auf gewisse Weise über Fremdes.“ Lange Zeit sei er vor dem weggelaufen, was ihn verfolgte: seine Familie, seine Religion, sein kultureller Hintergrund. Und jetzt? Jetzt schreibe er über sich selbst.

Susanne Greiner

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