Goliath gegen David

Wie viel Kunst verträgt die Dießener Politik?

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Vor der ersten Sitzung des neuen Dießener Marktgemeinderats war die Welt noch in Ordnung. Jetzt wird die Ausschussgemeinschaft der drei Einzelkämpfer Michael Hofman, Michael Lutzeier und Volker Bippus (mit Kreis, v. links) von einigen Mehrheitsfraktionen attackiert.

Dießen – Es kann der Frömmste nicht in Frieden leben, wenn es den benachbarten Fraktionen nicht gefällt … Das abge­wandelte Schiller-Zitat passt punktgenau auf die derzeitige Stimmung im Dießener Marktgemeinderat, wo gerade das Stück „Goliath gegen David“ vor dem staunenden Wahlvolk aufgeführt wird.

Der kleine David besteht aus den drei Einzelkämpfern Michael Hofmann (Bayernpartei), Volker Bippus (Unabhängige Bürgervereinigung UBV) und Michael Lutzeier (Die Partei). Sie bilden eine Ausschussgemeinschaft. Ihnen gegenüber hat sich scheinbar der 21-köpfige Goliath mit den Fraktionen der Freien Wähler, Grünen, CSU, Dießener Bürger und SPD positioniert. In einer gemeinsamen schriftlichen Erklärung der Fraktionsvorsitzenden wollen sie die Ausschussgemeinschaft lehren, wie Kommunalpolitik geht und was man in einer Gemeinderatssitzung äußern darf oder auch nicht. Und ob ein Künstler im Gremium seine Gedanken etwas anders als gewohnt präsentieren kann.

Gleich zu Beginn des vertraulichen Schreibens äußern die Verfasser schwere Vorwürfe – ohne Namen oder Vermutungen zu nennen. Es sei „unerträglich, wenn wir Tatsachen aus dem nichtöffentlichen Teil der Sitzung bereits am nächsten Tag in der Presse lesen müssen … Die Einhaltung der Verschwiegenheitspflicht ist unserer Ansicht Eignungsvoraussetzung zur Befähigung als Mitglied des Marktgemeinderats.“

Dass irgendwo im Marktgemeinderat ein Whisteblower sitzt und Pressevertretern Vertrauliches steckt, ist Fakt. Allerdings nichts Außergewöhnliches. Das gibt es in vielen Städten und Gemeinden. Bürgermeisterin Sandra Perzul und Geschäftsleiter Karl Heinz Springer bestätigten dem KREISBOTEN auf Nachfrage schriftlich, dass derlei Informationen auf keinen Fall aus dem Rathaus kommen. Doch wer mag dafür die Hand ins Feuer legen? Wie auch immer, der Zorn der Dießener Fraktionen richtet sich offensichtlich gegen die drei Einzelkämpfer. Sollte man so einem plauderigen Ratsmitglied auf die Schliche kommen, könne das „mit einem Ordnungsgeld bis 500 Euro belegt werden kann“, heißt es in dem Schreiben.

Warum die kleine David-Ausschussgemeinschaft auf der Beliebtheitsskala der anderen Fraktionen ins Minus gerutscht ist, wird in dem Papier unter ande­rem mit einem Lutzeiers Antrag zur Neugestaltung der Seeanlagen begründet (siehe Infokasten). Der Musiker hatte, anmoderiert von Kultur-Referentin Miriam Anton-Kupfer (Grüne), in einem wohlformulierten Aufsatz um Fingerspitzengefühl beim Handanlegen am „Showroom Gottes“ mit weniger Beton und Pflaster gebeten sowie um neue Überlegungen zur Nachbesserung einiger Beschlüsse.

„Wir sind nicht damit einverstanden“, so im Fraktionsschreiben, „dass Argumente in Gedichtform oder vergleichbarem Stil vorgetragen werden. Die Sitzung des Gemeinderates darf nicht zu einer Theatervorstellung verkommen. Das Bild an die Öffentlichkeit ist der Verantwortung, die wir tragen dürfen aber auch müssen, unwürdig, wenn eine Art des Vortrages gewählt wird, die die Ernsthaftigkeit des Amtes vermissen lässt. Selbstdarstellung hat gegenüber Qualität der Sitzung und Würde des Amtes zurückzustehen.“

"Kleingeistig"

Ausschusskollege Hofmann stellte sich sogleich auf die Seite Lutzeiers und platzierte dessen Aufsatz im Internet. Auf Facebook schreibt er dazu: „Dießen ist stets ein Ort der Künstler gewesen, worauf wir alle sehr stolz sind. Wird dann aber ein namhafter Künstler in den Gemeinde­rat gewählt und macht seine Arbeit eben anders als gewohnt, ist das Geschrei groß. Frischen Wind wollen wir doch alle in den Ratsstuben. Aber ja nicht zu feste.“ Und fügt in Goliaths Richtung hinzu: „Wie kleingeistig muss man sein, sich über diese Liebeserklärung aufzuregen.“

Hofmann ist einer, der gerne unerschrocken seinen Mund aufmacht. Und der es gewagt hatte, zu Beginn der neuen Legislaturperiode die Fähigkeiten von Tourismusreferentin Hanni Baur (SPD) anzuzweifeln und gegen sie zu kandidieren. Weil er damit keinen Erfolg hatte, folgte gleich eine Vermutungskampagne um eine anonyme 5.000-Euro-Spende an die SPD, die in Form von Gutscheinen der Corona-­gebeutelten Dießener Gastronomie zugutekommen sollte. Auch hier lief Hofmann ins Leere, hinterließ im Gremium aber ein „Gschmäckle“, das sicher auch zum Verfassen des besagten Schreibens beitrug.

Darin wird auch aufgefordert, sich vernünftig auf die Gemeinderatssitzungen vorzubereiten: „Das Stochern mit der Stange im Nebel auf der Suche nach der Wahrheit sollte künftig vermieden werden.“ Es sei schlichtweg ein Zeichen des Respektes gegenüber der Bürgermeisterin und der Verwaltung, die Debatten zielführend mit guten Argumenten zu gestalten, anstatt sich im Extremfall ahnungslos im Kreis zu drehen. Wohlwollend heißt es weiter, dass es selbstverständlich jedem Gemeinderat freistehe, die eigene Meinung zu äußern und auch mal falsch zu liegen. Schulmeisterlich geht es weiter: „Es werden nochmals alle Gemeinderäte aufgefordert, sich intensiv über die Rechte, Pflichten und Regeln im Zusammenhang mit der Ausübung des Amtes zu informieren und im Zweifelsfall nachzufragen.“

Von der Ausschussgemein­schaft der drei Einzelkämpfer wird gefordert, ein gemeinsames politisches Programm zu erarbeiten und einen Fraktionsvorsitzenden zu wählen: „Die Wählerinnen und Wähler von UBV,

Die Partei und Bayernpartei haben ein Recht darauf zu erfahren, wie die politisch großteils sehr weit auseinanderliegenden Grundrichtungen als Fraktion zusammenarbeiten möchten.“ Hofmann konterte auf Facebook: „Wir drei machen das, wofür wir gewählt wurden. Dass drei so unterschiedlich eingestellte Gemeinderäte so gut zum Wohle der Marktgemeinde zusammenarbeiten, verstehen nicht alle Kollegen. Da spielen persönliche Empfindlichkeiten eine viel zu große Rolle. Auf jeden Fall hat dieses Pamphlet mehr Schaden angerichtet, als es nützt. Außer es geht um irgendwelche persönliche Abrechnungen. Die haben aber im Gremium nix zu suchen.“

Wer von den Fraktionsvorsitzenden das Schreiben letztlich unterzeichnet hat, ist nicht bekannt. Dazu Hofmann: „Die Freien Wähler haben das Pamphlet nicht unterschrieben. Die haben uns von Anfang an anständig und mit Respekt behandelt. Danke dafür. Das sollte und müsste eigentlich selbstverständlich sein.“ Auf Facebook wird über die Aktion fleißig diskutiert. Ein User schreibt, es sei unmöglich, geradezu schäbig von den Mehrheitsfraktionen, die Ausschussgemeinschaft einfach auszugrenzen. „Da soll demokratischer Dia­log unterbunden werden, weil er einfach zu lästig ist.“

Bürgermeisterin Sandra Perzul hat inzwischen die Fraktionvorsitzenden und einen Sprecher der Ausschussgemeinschaft zu einer Art Friedensgipfel in das Rathaus eingeladen. Ob die Aussprache etwas gebracht hat, wird sich in der nächsten Gemeinderatssitzung am 20. Juli zeigen.
Dieter Roettig

Michael Lutzeiers Antrag im Wortlaut

Musiker Michael Lutzeier (Die Partei)

"Der Ammersee wird demütig und scherzhaft zugleich „Badewanne Gottes“ genannt. Er prägt den Ort und uns, seine Bewohner, so nachhaltig, wie es nur die Natur vermag. Wenn wir in ruhigen Momenten unseren Blick von den Seeanlagen aus übers Wasser schweifen lassen und das wunderbare Schauspiel der Natur erleben, ja – es vielleicht sogar erkennen –, dann genießen wir allemal und verstehen gern, dass sich über Jahrhunderte in Dießen Geist, Handwerk und Kunst angesiedelt haben. Auf diese Weise hat also der See eine wertige, einmalige, typisch Dießener Kultur entstehen lassen.

Wenn wir nun Hand anlegen an den „Showroom Gottes“, an diese in die Jahre gekommenen Seeanlagen, ist Fingerspitzengefühl gefragt. Der See – anders als die See – ist ein Inbegriff der Ruhe, des stillen Erlebens und der Harmonie. Dießen ist wie viele andere Orte am Wasser geprägt von Offenheit, Willen zum Miteinander und einer wettergegerbten Herzlichkeit.

Das sind zweifellos Eigenschaften, die für Besucher und Einheimische gleichermaßen attraktiv wirken. Es ist diese Offenheit dem Anderen und Neuen gegenüber, die gleichzeitig beinah nostalgische Pflege der Tradition, die besondere Ruhe, mit der man seine individuelle Kugel schiebt, welche den Dießener Charme ausmachen. Es ist eben keine Event-Kultur, nicht gefertigt – sondern gewachsen, eher leise und ruhig, als aufbrausend, aktiv und laut.

Wir vom Kulturreferat (Miriam Anton-Kupfer, Johann Rieß und Michael Lutzeier) hoffen stark, dass der Marktgemeinderat dieses „Weniger-ist-Mehr“ für die weitere Planung und Feinabstimmung mit einbezieht, für viel Beschaulichkeit und weniger Beton und Pflaster votiert, dem Miteinander den Vorzug vor Verboten gibt und die Seeanlagen, welche derzeit so wunderbar unaufdringlich den eigenen Blick auf die Natur schärfen, mit sorgfältigem Augenmaß erneuert."

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