Kinderoper "Brundibár"

"Jeder Mensch ist wertvoll"

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Intensive Szene: Abgang von der Bühne mit Ablegen der Kleidung – Symbol für die Deportation der Kinder von Theresienstadt nach Auschwitz.

Kaufering – Dass jeder Mensch unabhängig von seiner Herkunft, Religion und Hautfarbe „wichtig und wertvoll ist“ (Zitat von Bürgermeister Erich Püttner): Dies ist die Kernaussage der Kinderoper Brundibár. Sie wurde von Kindern und Jugendlichen in Kaufering Anfang Mai viermal aufgeführt. Mehr als tausend Erwachsene und Kinder kamen zu den vier Vorstellungen in die Aula der Realschule. Mit mehr als 300 Besuchern war der Zuspruch bei der letzten Aufführung am Sonntagnachmittag am größten.

Die Kinderoper Brundibár war ein groß angelegtes Projekt der evangelischen Gemeinde von Kaufering. Die Hinführung auf den schwierig zu vermittelnden Inhalt und die Proben bis hin zu den Aufführungen: All das war konzentrierte Arbeit, die sich über mehrere Monate erstreckt hat. Die Pauluskirche in Kaufering hat sich mit dem Projekt beim bundesweiten Wettbewerb des evangelischen Monatsmagazins „chrismon“ be- teiligt. Und sie ist dafür mit einem Förderpreis bedacht worden.

Dreh- und Angelpunkt ist künstlerisch und organisatorisch die studierte Kirchenmusikerin und freiberufliche Musikpädagogin Silvia Elvers. Sie leitet seit einigen Jahren den Landsberger Kammerchor und hat im Sommer 2013 den Kinderchor DoReMi der Pauluskirche in Kaufering aus der Taufe gehoben, dem inzwischen 100 Buben und Mädchen zwischen fünf und zwölf Jahren angehören.

Geprobt wird in vier Altersstufen. Zwei davon waren in die Kinderoper eingebunden. Eine entscheidende Szene im Stück ist der traurige Abgang von der Bühne. Es erinnert an die Kinder im KZ Theresienstadt, die ins Vernichtungslager Auschwitz deportiert wurden, wo sie in den Gaskammern ums Leben kamen. Dass die leise summenden Kinder Taschen, Koffer, Mäntel, Mützen, Schuhe auf der Bühne ablegen und dann die Bühne verlassen: Die Entscheidung zu dieser Ausgestaltung ist im Verlauf der Proben erst vor wenigen Wochen getroffen worden, wie Musikpädagogin Silvia Elvers auf Nachfrage des KREISBOTEN erklärt.

Die vier Aufführungen der Kinderoper waren wesentlicher Bestandteil der Gedenkwoche zur Befreiung des KZ-Außenlagers Kaufering vor 70 Jahren. Unter den Besuchern waren auch drei Überlebende aus der Zeit. Sie waren – wie so viele in der Aula – von der Aufführung berührt.

1943 wurde im KZ Theresienstadt eine Kinderoper mit dem Namen Brundibár uraufgeführt. Der Komponist, Hans Krása, ein Tscheche jüdischer Herkunft, hatte diese Oper bereits 1938 für einen Wettbewerb in Prag komponiert, bei seiner Deportation nach Theresienstadt hatte er die Partitur im Gepäck. Das Werk wurde in Theresienstadt mit den Kindern einstudiert, über 50 Mal offiziell und auch in den Hinterhöfen aufgeführt.

Die Geschichte handelt von einem halbwaisen Geschwisterpaar, Aninka und Pepicek, deren Mutter schwer krank ist. Zur Genesung braucht die Frau vor allem Milch. Die Kinder wollen auf dem Markt welche besorgen, haben aber kein Geld, und der Milchmann gibt nichts umsonst her.

Da sehen sie den Leierkastenmann Brundibár, der mit seiner Musik viel Geld verdient; ihm wollen sie es gleichtun. Sie stellen sich auf den Marktplatz und singen ihre Lieblingslieder, werden aber von den Erwachsenen ausgelacht und vom Leierkastenspieler verjagt. Erst mit Hilfe von drei gewitzten Tieren und der Stimmkraft aller Kinder der Stadt gelingt es ihnen, Brundibár zu besiegen und Milch für die kranke Mutter zu besorgen.

Obwohl die Aufführungen zu Propagandazwecken missbraucht wurden, hat diese Geschichte mit ihrer einfühlsamen, anspruchsvollen und begeisternden Musik unzähligen Menschen in Theresienstadt Mut gemacht. Die Szene mit dem Marktplatztreiben vor einem farbenprächtigen Bühnenbild ist bei der Kinderoper heiter und lebendig dargeboten worden. Den Leierkastenmann hat bei den vier Aufführungen der Schauspieler Manuel Scherer verkörpert, dessen zwei Töchter ebenfalls im Kinderchor dabei gewesen sind.

Musikalisch intensiv ausgestaltet wurde die Kinderoper von einem zwölfköpfigen Orchester, in dem Pfarrer Jürgen Nitz mittendrin saß und sich gut aufgehoben fühlte. Nahezu alle Instrumentalisten kamen aus der evangelischen Gemeinde; erste Geige und Klarinette waren professionell besetzt.

Mitsamt den Helfern hinter der Bühne waren knapp hundert Kinder, Jugendliche und Erwachsene in die Kinderoper eingebunden. Dazu gehörte auch, dass Pfarrer Stephan Ranke szenisch noch einen Rahmen fertigte – mit dem Dialog zweier Teenager und ihres Vertrauenslehrers über Geschichtsunterricht und das menschenverachtende Dritte Reich.

Am Schluss stehen zwei Sätze, die Pfarrer Jürgen Nitz am Anfang der Aufführung gesagt hat: „Es ist nicht leicht, das zu spielen. Es ist aber auch nicht leicht, da zuzuhören.“

Johannes Jais

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