Von der Macht des Heuchlers

+
Tartuffe (Fabian Weiss, Mitte) zeigt sein wahres Gesicht. Orgons Familie ist entsetzt (links Gabi Fischer und Bettina Balk, rechts Klaus Wächter).

Landsberg – „Tartuffe“ von Molière ist der Inbegriff der klassischen französischen Komödie. Uraufgeführt im Jahre 1664 wurde der Fünfakter um die Machenschaften des scheinheiligen Betrügers unzählige Male inszeniert und verfilmt. In ihrer Version „Theaterskizzen – zum Beispiel Tartuffe“, die am Freitag im Stadttheater zu sehen war, spielt die Virtuelle Companie aus Dießen virtuos mit den verschiedenen Interpretationsweisen des Stückes.

Ist Tartuffe wirklich ein heuchlerischer Betrüger, aalglatt und verabscheuenswürdig, oder strahlt er doch einen gewissen Charme aus? Hassen ihn die Frauen des Haushaltes oder fasziniert er sie trotz allem? Fragen wie diese werden in der Inszenierung von Katalin Fischer primär beleuchtet, die Vielschichtigkeit des Textes und der Charaktere betont. 

So kann es passieren, dass die Regisseurin inmitten der Szene unterbricht, erklärt und plötzlich eine andere Interpretationsweise vorgibt. Die Szene wiederholt sich, der gleiche Text, aber alles ist plötzlich anders. Funktioniert es, oder ist die ursprüngliche Version schlüssiger? Braucht man alle Nebenfiguren, oder streicht man sie einfach weg? Mit einem erläuternden Satz macht Fischer kurzen Prozess mit scheinbar unwichtigen Randfiguren oder Handlungssträngen und konzentriert sich auf die Haupthandlung, getragen von typisierten, nach Tradition der Commedia dell’Arte angelegten Figuren. 

Tartuffe – die Handlung ist bekannt. Der frömmelnde Heuchler (Fabian Weiss) schleicht sich in den Haushalt des Großbürgers Orgon (Klaus Wächter) ein und erlangt schier grenzenlosen Einfluss auf ihn und dessen Mutter. Der Einspruch von Gattin, Tochter Mariane (Bettina Balk) und Dienst- mädchen (der heimliche Star des Abends: Yasmin Afrouz), verhallt ungehört. Die Situation eskaliert, als Orgon seine bereits mit Valère verlobte Tochter mit Tartuffe verheiraten will. Erst als die Gattin Elmire (Gabi Fischer) dem ungläubigen Orgon live vorführt, dass Tartuffe sie verführen und damit seinen Gönner betrügen will, weist Orgon Tartuffe die Tür – leider hat er ihm vorher bereits seinen Besitz überschrieben. Orgon droht, alles zu verlieren. 

Mit seiner drastischen Kritik am religiösen Heuchlertum löste Molière bei der Uraufführung einen Skandal aus – und handelte sich eine Menge Ärger ein. Erst die dritte und einzige überlieferte Überarbeitung, die fünf Jahre später gezeigt wurde, fand Gnade vor den Augen des „Sonnenkönigs“ Ludwig XIV, der daraufhin die Zensur aufhob. Dementsprechend ließ Molière den Herrscher dann auch als Deus ex machina die Machenschaften des Betrügers beenden und so für ein Happy End sorgen. 

Bei Katalin Fischer sind es die Schauspieler, die gegen das tragische Ende protestieren, sie wollen eine Komödie, kein Schlussbild des gebrochenen Orgon. Und so beendet das wiedervereinte Liebespaar Mariane – Valère den kurzweiligen und temperamentvollen Theaterabend.

Patricia Eckstein

Auch interessant

Meistgelesen

Tiefe Einblicke ins Landsberger Klosterleben
Tiefe Einblicke ins Landsberger Klosterleben
Kaltenbergs "letzter Ritter"
Kaltenbergs "letzter Ritter"
Umzug startet mit Schreck
Umzug startet mit Schreck
Babys der Woche im Klinikum Landsberg
Babys der Woche im Klinikum Landsberg

Kommentare