Das Mysterium des Glühwürmchens

Vocalensemble: frühlingshaftes Konzert für den neuen Rathausflügel 

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Das Vocalensemble unter der Leitung von Matthias Utz sang am Samstagabend im Rauthaussaalzugunsten des neuen Konzertflügels. Auf dem Programm standen Strauss und Brahms, aber auch moderne Komponisten wie Erik Satie oder der Amerikaner Eric Whitacre.

Landsberg – Viel fehlt nicht. Vielleicht noch eine Saite, eine schwarze Taste, dann wird er seinen Platz im Historischen Rathaus finden: der neue Flügel. Um die letzten Schritte zum wohltemperierten Klavier zu gehen, konzertierten am Samstag das Vocalensemble Landsberg sowie Sopranistin Teresa Boning mit Pianist Stellario Fagone. Titel des Abends: „Schöne Fremde“. „Und die ist durchaus zweischneidig zu sehen“, betont Dirigent Matthias Utz. Schließlich wisse man nie, was einen erwarte. Was folgte, war ein frühlingshafter Ausflug mit Abstechern in unerfüllte Liebe und dunkle Nacht. Kurzum, in die Romantik der Melancholie.

Oder eben die Melancholie der Romantik. Zum Beispiel mit Schumann. Texte Rückerts oder des Schriftstellers mit dem klangvollen Namen Philipp Gotthard Joseph Christian Karl Anton Freiherr von Zedlitz und Nimmersatt entführen in übermächtige Natur. Bodenhaftung verschaffen zwei nordische Volkslieder. Das schwedische „Uti var Hage“ lädt mit tanzenden Tonfolgen auf die Blumenwiese ein. Nahezu weihnachtlich mutet ein dänisches Volkslied an, das in den Garten eines Serails entführt. Den Abschluss des ersten Teils „Naturbeschreibungen“ bildet Brahms: dissonanter, nicht mehr gar so gefällig. Keine Blumenwiesen, eher lautmalerischer Gesang auf die Vergänglichkeit. Da scheint ein „leblos Blatt“ vom Wind getragen im Hin und Her von Ton und Rhythmus abwärts zu schweben. Und ein brausender Wind in Wald und Bergen untermalt die „Verlorene Jugend“.

Als nahezu lieblicher Brahms-Kontrast beweist sich Edvard Griegs „Die verschwiegene Nachtigall“. Der Text dazu stammt aus dem 13. Jahrhundert, von einem der zwölf Meister des Sängerkriegs auf der Wartburg: Walther von der Vogelweide. Der besingt darin die Abkehr von der „Hohen Minne“ des edlen Ritters zum Burgfräulein, die per se unerfüllt bleiben muss. Hin zur Liebe eines einfachen Mädchens. Denn die ist erfüllbar. Präsentiert wird das Stück von der aus dem Landkreis stammenden Sopranistin Theresa Tièschky – seit Dezember Theresa Boning, nach ihrer Heirat mit dem gleichnamigen Musiker und Komiker Wigald. Ihr spielerisch leichter Koloratursopran imitiert perfekt die Vogelstimme. Ihr Begleiter Fagone kommt aus Turin, ist seit 2006 stellvertretender Chordirektor bei der Bayerischen Staatsoper. Und stimmt mit sanftem Anschlag ins Konzert der Vogelstimme ein.

„Keine Angst, das Stück ist nicht atonal“, bereitet Fagone die Zuhörer auf Schönbergs „Arie aus dem Spiegel von Arkadien“ vor. Tatsächlich, was da folgt, ist ein wahrhaft operettenhaft anmutendes Stück über einen Hals über Kopf verliebten Herren. Nicht unbedingt in eine Frau, eher in das Weib schlechthin. Was ihn zum „Tanzen wie ein Murmeltier“ verführt. Und dessen Herzschlag Schönberg mit einem gesungenen „bum, bum, bum“ parodiert. Auch Lehárs „Meine Lippen, sie küssen so heiß“ aus der Operette „Giuditta“ gehört zur leichten Muse. Ein Kapitän und eine Sängerin, die nicht zueinander finden. Er verlässt sein Schiff, aber sie macht lieber Karriere. Erst als ihr Ruhm schwindet, sucht sie ihn auf – aber er ist inzwischen mit einer jüngeren Dame liiert. Gewidmet hat Lehár die Operette Mussolini. Der das Werk nicht tolerierte, die Titelrolle verhöhne die Führerautorität: „Kein Mann würde ein Schiff für eine Frau verlassen!“

Nach der Pause stimmt das Vocalensemble „Animal crackers“ des 1970 geborenen Komponisten Eric Whitacre an. Darin muhende Kühe, eintönig trällernde Kanarienvögel. Oder das unbenannte Glühen des Glühwürmchens: Gebe es doch nichts Unheimlicheres, „als mit einem nicht identifizierten Glühen am Hinterteil herumzufliegen“. Dass dieser Komponist auch ganz anders kann, zeigt „Water Night“ nach einem Gedicht des Mexikaners Octavio Paz: Sich überlagernde Akkorde in Vielstimmigkeit, oftmals Dissonanzen, die sich in einem Summen aufzulösen scheinen. Gänsehautmomente voller Schönheit.

Als er das Gedicht gelesen habe, sei die Musik dazu in der Luft gelegen, sagt Whitacre. Er habe nur danach greifen müssen. Nach weiteren Darbietungen von Strauss und Mendelssohn Bartholdys älterer Schwester Fanny Hensel von Boning und Fagone stimmt das Vocalensemble den Schlussakkord mit zwei Franzosen an: Francis Poulencs „Chemins de L‘amour“ und „Je te Veux“ von Erik Satie: einem der Wegbereiter des Jazz. Satie war rebellisch, gegen jegliche Konvention. Schrieb Stücke mit Anweisungen wie „Begraben Sie den Ton in Ihrer Magengrube“ und Titeln wie „Quälereien“. Letzteres ist eines der längsten – und eintönigsten – Stücke der Welt. Dazu gab er den Rat: „Um dieses Motiv achthundertvierzigmal zu spielen, wird es gut sein, sich darauf vorzubereiten, und zwar in größter Stille, mit ernster Regungslosigkeit.“ Aufgeführt wurde es nur einmal.

Zum Abschluss des Abends stimmte der Chor eine A-Cappella-Version von Billy Joels „Lullabye“ an: Ein Schlaflied, das der New Yorker für seine Tochter schrieb.

Was den Flügel betrifft: „Ende des Jahres dürfte es soweit sein“, hofft Axel Flörke, Vorsitzender des Rathauskonzerte-Vereins. Die 100.000-Euro-Grenze sei bereits überschritten. Allerdings ist darin der erhoffte Erlös für den noch zu verkaufenden Flügel schon eingerechnet. Zum Konzert kamen trotz sommerlicher Temperaturen und lauer Nacht gut 160 Besucher. Und lieferten mit ihren Eintrittsgeldern einen weiteren Baustein für das perfekte Instrument.

ks

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