Trinkwasser aus einem Quellstollen

Die goldene Tür von Kinsau

Kinsau - Quellstollen - Goldenes Tor
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15 Liter reines Wasser fließen pro Sekunde in den Kinsauer Quellstollen.

Kinsau – Bei den Kindern des Ortes ist die „goldene“ Tür seit vielen Jahren ein Platz, der die Fantasie anregt. Was mag sich dahinter verbergen? Ein geheimes Königreich? Ein alter Bunker? Die Antwort ist ebenso harmlos wie spannend: Es handelt sich um den Kinsauer Quellstollen, der das Dorf mit bestem Trinkwasser versorgt. 

Erst seit 1965 gibt es eine zentrale Wasserversorgung in Kinsau. Vor dieser Zeit war jeder selbst dafür zuständig, einen Brunnen auf seinem Grundstück zu bohren. 1963 wurde unter tatkräftiger Hilfe der ortsansässigen Landwirte der Stollen in den Hang getrieben, weil man dort Grundwasser vermutete. Ein knappes Jahr später war das Werk vollendet und frisches Wasser sprudelte in eine Rinne und von dort zur Pumpstation. Kinsau ist weit und breit der einzige Ort, der einen solchen Quellstollen aufweisen kann.

Andreas Helmschrott kümmerte sich über die nächsten Jahrzehnte um die Instandhaltung des Stollens, der Pumpen und der Wasserleitungen im Dorf. Als der Autodidakt in Sachen Trinkwasser schließlich im Mai 2019 im gesegneten Alter von 82 Jahren starb, hinterließ er eine große Lücke und so manche spannende Geschichte, wie Bürgermeister Marco Dollinger zu erzählen weiß: „Wenn es im Dorf einen Wasserrohrbruch gibt, ist es gar nicht so leicht diesen einzugrenzen, denn man weiß ja nicht ganz genau, wo der ist. Heute haben die Wasser­versorger moderne Geräte, aber früher gab es die nicht. Der Herr Helmschrott ist also mitten in der Nacht, wenn keine Autos mehr unterwegs waren, losgezogen. In der Hand hatte er einen langen Eisenstab, an dem eine Blechdose befestigt war. Damit ging er die Straßen ab und horchte am Boden, bis er das verdächtige Rauschen gefunden hatte. Das konnte ein paar Nächte dauern, aber irgendwann hat er gesagt ‚Hier ist es!‘ und dann konnte die Stelle instandgesetzt werden.“

Eine junge Fachkraft

In der folgenden Zeit beauftragte Marco Dollinger externe Firmen, die sich um alle Belange rund um das Trinkwasser im Ort kümmerten. Aber irgendwann tat sich Kinsau mit den Gemeinden Thaining und Vilgertshofen zusammen, sie gründeten eine Wasserzweckgemeinschaft und wollten das Wasser quasi wieder selbst in die Hand nehmen. Anfang des Jahres schrieben sie eine Stelle dafür aus und es meldete sich neben anderen Bewerbern auch Tobias Knogler.

Tobias Knogler kümmert sich um die Kinsauer Wasserversorung und hat natürlich einen Schlüssel für die goldene Tür.

Da staunten die Ratsherren der Gemeinden nicht schlecht, als ihnen ein 23-jähriger Jungspund beim Bewerbungsgespräch gegenüber saß. Eigentlich ist Knogler gelernter Einzelhandelskaufmann, aber er stellte nach absolvierter Lehre schon bald fest, dass der Job in einem Baumarkt nicht zum Lebensglück reichte: „Ich bin sehr früh ins Berufsleben eingestiegen und habe gemerkt, dass ich noch einmal was anderes machen möchte. Also habe ich noch eine zweite Ausbildung angefangen.“

Aber warum gerade als „Fachkraft für Wasserversorgungstechnik“ bei den Stadtwerken Landsberg? Das lag auch daran, dass Knogler im Baumarkt in der Sanitärabteilung arbeitete und oft mit dem Thema Wasser in Berührung kam. Als er die Stellenausschreibung sah, bewarb er sich spontan und ging nach erfolgreichen Vorstellungsgesprächen erneut zwei Jahre in die Lehre. Er lernte sehr viel über Wasserschutzzonen sowie Was­sergewinnung und -qualität. Er führte Rohrnetzwartungen durch, richtete Rohrbrüche und tauschte die Wasserzähler in Haushalten aus. Seit 2020 ist er Geselle und trägt sich mit dem Gedanken berufsbegleitend die Ausbildung zum Meister abzuschließen.

Knogler blieb nur kurz bei den Stadtwerken der Lechstadt, denn ihm schwebte es vor, selbständig zu arbeiten und „mein eigener Chef zu sein“. Da kam ihm die Anzeige der frisch gegründeten Wasserzweckgemeinschaft im Lechrain gerade recht. Wenig später saß der ambitionierte junge Mann den drei Bürgermeistern gegenüber und überzeugte sie durch seine Fähigkeiten und Motivation.

„Ich bin nun viel unterwegs, denn es gibt immer irgendwo in den Gemeinden was zu tun. Genauso habe ich mir das vorgestellt“, berichtet er mit leuchtenden Augen von seinem aktuellen Job. Keine Langeweile, Abwechslung und nur 30 Prozent seiner Arbeit muss er im Büro verrichten. Und dann gibt es ja auch noch den ganz besonderen Stollen in Kinsau, der nun in seiner Obhut ist.

15 Liter pro Sekunde

„Die meisten Wasserversorger beziehen das kostbare Nass aus Brunnen, Quellen oder einem Fluss. Der Quellstollen ist einfach eine sehr seltene Örtlichkeit, die ich so noch nirgendwo gesehen habe“, räumt Knogler ein. Der Stollen führt rund 20 Meter tief in den Hang. Durch Rohre, die man in die Wand getrieben hat, strömen nun ungefähr 15 Liter Wasser pro Sekunde in eine Rinne und fließt zu den Pumpen. Davon braucht Kinsau um die zwei Liter, der Rest speist den Mühlbach, der wiederum bei Apfeldorf in die Lechstau­stufe 9 mündet.

Bürgermeister Marco Dollinger kann erzählen, dass die Kins­auer die Sache damals ziemlich „hemdsärmelig angegangen“ seien: „Die haben gesehen, dass überall an dem Hang Wasser austrat. Bevor sie nun Bohrungen machen, die ein Vermögen kosten, haben sie einfach mal diesen Stollen gegraben. Und sie hatten recht, es gibt dort Wasser im Überfluss.“

Alle drei Monate kommt ein Probennehmer vorbei, nimmt ein Glas Wasser mit und bringt es ins Labor nach Eching am Ammersee. Die Prüfberichte gehen zurück nach Kinsau. Damit es nur ja nicht zu Beanstandungen des Wassers kommt, fließt es noch durch eine Anlage mit UV-Licht, durch das auch die letzten Keime abgetötet werden. Im Gegensatz zu anderen Gemeinden, hat Kinsau keine Angst vor Wasserknappheit. Auch bei langen Dürreperioden, wie im Sommer 2018, musste man sich hier keine Sorgen machen.

1,22 Euro für 1.000 Liter

Alle 30 Jahre muss die wasser­rechtliche Genehmigung vom Wasserwirtschaftsamt erneuert werden. „Es gab einen umfangreichen Maßnahmenkatalog vom Amt, der erst einmal umgesetzt werden musste. Nach und nach haben wir alles abgearbeitet und 2018 ist uns die Erlaubnis wieder erteilt worden“, schildert Marco Dollinger die viele Hürden. Daran denkt wahrscheinlich niemand, wenn zuhause der Wasserhahn aufgedreht wird.

Ungefähr 200.000 Liter, also auch 200 Kubikmeter Wasser braucht Kinsau pro Tag. Knapp 1,3 Millionen Liter Wasser fließen täglich aus dem Quellstollen. Die Natur geht hier verschwenderisch mit ihren Ressourcen um. Der Kubikmeter Wasser kostet den Endverbraucher in Kinsau 1,22 Euro. Und es ist von einer Qualität, die regelmäßig überprüft wird. Da muss natürlich die Frage gestellt werden, warum die Kinsauer eigentlich noch vergleichsweise teure Wasserkisten im Supermarkt kaufen?
Dietrich Limper

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