„Sarajevo - Die Toten tanzen noch“ im Stadttheater Landsberg

Von der Freude auf die Morgenbombe

Die Moreth Company (hier (von links) Juri Kannheiser, Alexander Bambach und Pascale Schmidt) überzeugt mit „Sarajevo – Die Toten tanzen noch“
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Leben und Tod im skurrilen Nebeneinander: Die Moreth Company (hier (von links) Juri Kannheiser, Alexander Bambach und Pascale Schmidt) überzeugt mit „Sarajevo – Die Toten tanzen noch“ mit schauspielerischer Leistung.
  • Susanne Greiner
    vonSusanne Greiner
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Landsberg – 1.425 Tage belagern bosnische Serben die Stadt Sarajevo. Die längste Belagerung im letzten Jahrhundert. Ein Rekord. Von April 1992 bis Februar 1996 sterben über 11.000 Menschen, mehr als 50.000 werden verletzt. Es ist kein Leichtes, diesen Teil des für viele in Europa kaum nachvollziehbaren Bosnienkrieges als Thema eines Theaterstückes zu setzen. Der Landsberger Schauspieler und Autor Konstantin Moreth hat es gewagt – und samt seinen vier Kollegen mit Bravour bestanden. Die Uraufführung von „Sarajevo – Die Toten tanzen noch“, gespielt von der Moreth Company, weckte nach sieben Monaten Theaterstille die Bühne des Stadttheaters wieder auf.

Cellomusik, ein Kneipentresen inmitten der zerstörten Stadt, Gäste, die nach feuchtfröhlicher Nacht erwachen. Einer steht auf, erzählt von seiner Stadt Sarajevo, lyrische Worte, Poesie, Romantik der Erinnerung. „So kannst du nicht anfangen“, weist ihn sein Tresennachbar zurecht. „Ich mochte die Belagerung.“ Als es Sex an jeder Ecke gab. Denn da, wo der Tod am nächsten ist, brennt das Leben am hellsten, weil es in jeder Sekunde vorbei sein kann. Es ist dieser Widerspruch von Tod und Lebensenergie, den Konstantin Moreth in seinem Stück „Sarajevo – die Toten tanzen noch“ thematisiert. Das Leben, das versucht, am Leben zu bleiben.

Entsprechend dem Krieg, der die Normalität zerstückelt, bietet „Sarajevo“ Episodentheater. Einzelschicksale in einer Stadt, die vor dem Krieg das Miteinander demonstrierte: Muslime, Serben, Jugoslawen, Kroaten, alle zusammen Sarajlije genannt. Da ist die Hochzeit des jüdischen Pärchens, die vom Sniper ins Visier genommen wird; und dieser Sniper, der beim Anblick der Hochzeit seine eigene, in glücklichen Vorkriegszeiten, erinnert. Der Mann, der alles aufsammelt, was er auf der Straße findet: nur Scherben. Da ist die Tochter, die für den kranken Vater durch den Sarajevo-Tunnel aus dem Kessel flieht, um Insulin zu beschaffen, der Mann, der seine große Liebe im Krieg findet und verliert. Und Feiernde, die jede Zigarette wie die letzte genießen, jede Sekunde als letzte leben, weil ihnen die Zukunft abhanden gekommen ist. Aber damit auch der Lebenssinn. „Wir sind alle Überlebenskünstler, Tote auf Abruf.“

Moreth knüpft zwar Verbindungen zwischen den Lebensentwürfen, bricht aber konsequent die einzelnen Schicksale in Teile auf, die wie Perlen aneinandergereiht das Gesamtbild malen. Als Perlenschnur tritt der Professor auf, mit Reminiszenzen an die Vergangenheit, das „Verlorene Paradies“ unter Tito. Er wandert beobachtend durch Sarajevo, versucht zu verstehen – und verweigert sich letztendlich, geprägt vom Gesehenen, dem Leben.

Widerhall im Leben des Einzelnen

Die Figuren führen sich selbst ein. Während sie in ihr jeweiliges Kostüm schlüpfen, lässt Moreth sie über historische Ereignisse berichten: Karadžić, der die Hochzeitsgesellschaft bombardieren lässt, das Geschoss, bei dem 1994 68 Zivilisten sterben, der 800 Meter lange Tunnel aus dem Kessel heraus. Oder der „Cellist von Sarajevo“ Vedran Smailović, der nach dem Mörsereinschlag vor einer Bäckerei, bei dem 22 Zivilisten starben, 22 Tage lang auf offener Straße im Visier der Schützen Albinonis Adagio spielte. Diese Szenen werden nicht ‚nachgespielt‘. Moreth geht es nicht um die Wiedergabe von Fakten, sie können nur berichtet werden, bleiben damit abstrakt. Was Moreth zeigen will, ist deren Widerhall im Leben des Einzelnen: in der einen, konkreten Hochzeit des jüdischen Pärchens, in dieser einen Tochter, die durch die Tunnelflucht das Insulin beschaffen kann. Oder dadurch, dass in der Schlange vor dem Bäcker die erst vor wenigen Tagen gefundene große Liebe dieses einen Mannes steht: eine von 22 Toten.

Auch die Täter lässt Moreth auftreten. Neben dem Sniper erhält Radovan Karadžić selbst, Psychologe und Kriegsverbrecher, Bühnenzeit. Moreth spielt ihn ihn mit Anklängen an Chaplins Hitlerfigur, als größenwahnsinnigen Poeten, samt realem Zitat aus einem seinem Gedichte: „Endlich werde ich die Morgenbombe werfen.“

Die Absurdität von Leben im Gegenüber des Todes wird mit Musik verstärkt. Gleich zu Beginn tanzen die fünf Schauspieler (neben Moreth Pascale Schmidt, Michaela Weingartner, Alexander Bambach und Juri Kannheiser) zum „Time Warp“ der „Rocky Horror Picture Show“ den „Shell Shock“, die psychische Traumatisierung durch den Krieg. Als Reaktion auf Karadžić‘ Befehl „Bombardiert sie an den Rand des Wahnsinns.“ Das Liebespaar verliert sich in der Pop-Ballade „Every breath you take“, im Visier des Snipers: „I‘ll be watching you“ (vielleicht etwas zu überfrachtet). Ergreifend sind vor allem die Momente, in denen Arrangeur und Komponist der Stückmusik Kannheiser auf seinem Cello Melodiefetzen anklingen lässt, ins Ungewisse improvisiert. Und dabei, als Parallele zum erzählenden Professor, zum musikalischen Beobachter dessen wird, was sich im Kessel Sarajevo abspielt.

Ein weißer Raum aus Papier

„Sarajevo“ ist das erste Stück, das Moreth ohne Vorlage selbst geschrieben hat. Entstanden ist ein beeindruckendes und berührendes Bild, das die ‚banale Essenz‘ des Krieges, seine Lebensfeindlichkeit, darstellt. Dass Moreth sich mit diesem Thema theatralisch auseinandergesetzt hat, liegt nicht an einer möglichen persönlichen Verbindung. Er habe den Krieg damals aber sehr intensiv verfolgt, die Ereignisse hätten sich ihm eingeprägt, „ein Krieg mitten in Europa“, so Moreth. Auch deshalb, weil dieser krieg im Vergleich zum eher ‚kühlen‘, strategischen Ersten Golfkrieg so „schmutzig“, so direkt gewesen sei. „Und vor allem, dass das jahrelang so ging, dass niemand etwas getan hat“ – ein Empfinden, das Moreth auch als Bild ins Stück einschreibt: Sarajevo als Kessel, in dem die Belagerer am Rand Menschen fischen. Und um den Kessel herum nur ein weißer Raum aus Papier.

Die Moreth Company spielt „Sarajevo – Die Toten tanzen noch“ heute Abend nochmals im Stadttheater Landsberg um 20 Uhr. Danach noch dreimal in der MUCCA Halle in München: vom 16. bis 18. Juni. Mehr Informationen unter www.morethcompany.de.

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