KREISBOTEN-Serie Ehrenamt des Ministerpräsidenten

Vor dem Vergessen retten: Brigitte Heigl aus Prittriching

Brigitte Heigl aus Prittriching
+
Brigitte Heigl mit einem Kinderwagen aus den 1950er Jahren – er ist eines von vielen zeitgeschichtlichen Ausstellungsstücken im Heimatmuseum Prittriching.

Prittriching – Wenn Brigitte Heigl in Archivunterlagen vertieft ist, dann kann das so spannend sein wie ein Krimi – einer, den man nicht mehr aus der Hand legt. „Man erfährt so viel“, schwärmt die Prittrichinger Ortschronistin. Manchmal stößt sie dabei auf faszinierende Fragen, wie zum Beispiel diese: Wie kam es, dass im 19. Jahrhundert eine Frau aus Prittriching in der Schweiz einen Mann aus Maastricht heiratete? Wie kamen in jener, um so vieles weniger mobilen Zeit Menschen aus unterschiedlichen Ländern zusammen – und dann auch noch gemeinsam in ein drittes Land? „Die Antwort habe ich bisher noch nicht gefunden“, sagt Brigitte Heigl. Aber aufgegeben hat sie noch nicht.

Auf das fragliche Ehepaar stieß sie über eine Anfrage aus Kanada. Dort betreibt jemand Ahnenforschung und verfolgte die Spuren seiner Vorfahren bis nach Prittriching. Solche Kontakte wären nie zustande gekommen, wenn Brigitte Heigl nicht vor über 20 Jahren zur Arbeitsgruppe Ortsgeschichte dazugestoßen wäre. Dass es so kam, sei eigentlich Zufall gewesen, erzählt die 61-Jährige. Sie leitete damals die Gemeindebücherei. Gleich daneben lag das Archiv, in dem der frühere Schulleiter Karl Arzberger aktiv war. Und er lud Heigl in die Arbeitsgruppe ein.

Dass Prittriching heute ein beeindruckendes Heimatmuseum hat, sei Arzbergers Werk, betont die langjährige Gemeinderätin. Es entstand auf dem Dachboden des Schulhauses aus Anlass der 900-Jahr-Feier des Ortes. Seit Arzberger aus Altersgründen nicht mehr aktiv ist, versuche man, die breite Sammlung ortshistorischer Gegenstände in seinem Sinne weiterzuführen. Ein siebenköpfiges Team kümmert sich darum, Heigl ist am längsten dabei. Für ihr Engagement wurde sie jetzt mit dem Ehrenzeichen des Bayerischen Ministerpräsidenten ausgezeichnet.

Der erste Computer der Gemeinde

Wie viele Stunden die vierfache Mutter und bald vierfache Großmutter wöchentlich, monatlich, jährlich ins Ehrenamt steckt? Brigitte Heigl hebt die Schultern – keine Ahnung. Sie schaut nicht auf die Uhr, wenn sie Archiv­unterlagen durchforstet, Sonderausstellungen vorbereitet, mit Menschen spricht, die alte Hausstände auflösen, Besucher durchs Museum führt oder bei den zweimal jährlichen Großputzaktionen die tausenden Ausstellungsstücke abstaubt und reinigt.

Weil Heigl und ihre Mitstreiter mit offenen Augen durch die Gemeinde gehen und schon manches historische Stück vor dem Sperrmüll gerettet haben, ist die Sammlung stetig gewachsen. Zwischen alten Landkarten. Pulten und Rechenschiebern wird Schulgeschichte lebendig. In anderen Bereichen des Museums findet man sich in der Wohnwelt der 1950er Jahre wieder, steht vor Urgroßmutters Küchengeräten und Kinderwagen, schmunzelt über den ersten Computer der Gemeinde (angeschafft 1987 für 5.000 Mark) und staunt über ein altes, noch funktionstüchtiges Grammophon.

Zwei weitere Räume sind der Landwirtschaft und dem Handwerk gewidmet. Ganze Schneider- und Schusterwerkstätten wurden hier mit originalgetreuer Ausstattung nachgebaut, ganz zu schweigen von der historischen Zahnarztpraxis, in der noch alles funktioniert, wie Heigl schmunzelnd erzählt.

Dass sie im Zuge ihrer Tätigkeit – jedenfalls vor der Corona-Pandemie – schon viele Gespräche mit älteren Menschen führen konnte, empfindet Brigitte Heigl als besonders bereichernd. „Was die Leute vom Leben in früherer Zeit erzählen, ist unheimlich interessant.“ Nicht zuletzt ruft es die Not der Kriegs- und Nachkriegszeit in Erinnerung und relativiert manches heutige Problem. „Wir jammern schon auf einem sehr hohen Niveau“, meint Heigl.

Das Jahr 2020 verging aus bekannten Gründen ohne Sonderausstellung. Dieses Mal hätte das Thema Post im Mittelpunkt stehen sollen. Es wurde auf das kommende Frühjahr verschoben. Die Ortschronistin hofft, dass am traditionellen Termin, dem 1. Mai, wieder Besucherscharen ins Museum kommen können.
Ulrike Osman

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Landkreis Landsberg: Inzidenz bleibt zwischen 50 und 80
Landkreis Landsberg: Inzidenz bleibt zwischen 50 und 80
Hans Pfister aus Egling: Ein Faible für die Zeit
Hans Pfister aus Egling: Ein Faible für die Zeit
Großbrand in St. Ottilien - Halle der Abtei brennt komplett aus
Großbrand in St. Ottilien - Halle der Abtei brennt komplett aus

Kommentare