Dreimal Faust, dreimal Mephisto

Die Waldorfschule Landsberg beim deutschlandweiten Faust-Projekt

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Faust-Darsteller Tilman Töllner und die beiden Mephistos Alva Folkerts und Hannah Lohbrunner bei den Proben zum deutschlandweiten Faust-Projekt der Waldorfschulen, bei dem Landsberg den fünften Akt von Faust II spielen wird.
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Faust-Darsteller Tilman Töllner und die beiden Mephistos Alva Folkerts und Hannah Lohbrunner bei den Proben zum deutschlandweiten Faust-Projekt der Waldorfschulen, bei dem Landsberg den fünften Akt von Faust II spielen wird.
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Faust-Darsteller Tilman Töllner und die beiden Mephistos Alva Folkerts und Hannah Lohbrunner bei den Proben zum deutschlandweiten Faust-Projekt der Waldorfschulen, bei dem Landsberg den fünften Akt von Faust II spielen wird.
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Die beiden Mephistos Alva Folkerts und Hannah Lohbrunner bei den Proben zum deutschlandweiten Faust-Projekt der Waldorfschulen, bei dem Landsberg den fünften Akt von Faust II spielen wird.
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Faust-Darsteller Tilman Töllner und die beiden Mephistos Alva Folkerts und Hannah Lohbrunner bei den Proben zum deutschlandweiten Faust-Projekt der Waldorfschulen, bei dem Landsberg den fünften Akt von Faust II spielen wird.
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Faust-Darsteller Tilman Töllner und die beiden Mephistos Alva Folkerts und Hannah Lohbrunner bei den Proben zum deutschlandweiten Faust-Projekt der Waldorfschulen, bei dem Landsberg den fünften Akt von Faust II spielen wird.
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Die Lemuren
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Die beiden Mephistos Alva Folkerts und Hannah Lohbrunner bei den Proben zum deutschlandweiten Faust-Projekt der Waldorfschulen, bei dem Landsberg den fünften Akt von Faust II spielen wird.

Landsberg – Faust I ist jedem bekannt. Und sei es nur wegen Zitaten wie „Hier bin ich Mensch, hier darf ich‘s sein!“. Faust II fristet hingegen ein Nischendasein. Und Aufführungen beider Teile zusammen sind wahre Raritäten. Vier Waldorfschulen stellen sich anlässlich des 100-Jährigen Waldorfschulen-Jubiläums dieser Herausforderung und führen den gesamten Faust I und II in Ismaning auf. Mit dabei sind Potsdam, Wendelstein, Dresden. Die vierte in diesem exklusiven Bund ist Landsberg: mit dem krönenden Abschluss, dem V. Akt. In Ismaning sind alle Aufführungen vom 24. bis zum 27. Februar zu sehen. Für Landsberg gibt‘s ein Zuckerl: Die Waldorfschüler zeigen Akt V auch am 21. und 22. Februar um 20 Uhr in der hiesigen Waldorfschule.

Als Goethe sich 1825 an den zweiten Teil des Mammutwerks setzte, hatte er den ersten schon seit 20 Jahren abgeschlossen. Sechs Jahre brauchte er für die Vollendung, veröffentlicht wurde Faust II 1832. Doch die Uraufführung des Gesamtwerkes fand erst 1875 im Hoftheater zu Weimar statt. Denn eigentlich galt dieser Riesen-Faust als ‚unspielbar‘. Dass dem nicht so ist, zeigte 1909 Max Reinhardt am Deutschen Theater in Berlin. Mit einer Aufführung, die ganze elf Stunden dauerte.

Der Gründer der Anthroposophie und der auf ihr beruhenden Waldorfpädagogik Rudolf Steiner liebte Goethe. Davon zeugt das von ihm entworfene Goetheanum im schweizerischen Dornach, Grundsteinlegung 1913. Gerne wurde das Gebäude auch als Theatersaal genutzt. Zum Beispiel 1938 für die siebentägige und ungekürzte Aufführung beider Faust-Teile. Inszeniert hatte damals Steiners Witwe Maria, samt Eurythmie-Einsatz. Das hatte Folgen: Bis heute war das Gesamtwerk dort 75 Mal zu sehen, zuletzt 2017.

In einer der ‚Epochen‘ genanten Unterrichtseinheiten hat sich die 12. Klasse der Landsberger Waldorfschule mit dem Gesamt-Faust beschäftigt. Kerngedanke der Interpretation ist ein Faust-I-Zitat: „Dass ich erkenne, was die Welt im Innersten zusammenhält.“ Wie Faust selbst versuchten die Schüler, der Natur auf den Grund zu gehen – mit unterschiedlichen Ansatzpunkten: vom kleinsten Atom in Chemie bis hin zum Größten, dem Universum.

Das Gute im Menschen

Und nun steht der fünfte Akt von Teil II als Abschlusstheaterstück der 12. Klasse auf dem Plan. Ungekürzt, „eins zu eins, mit jedem Komma“, wie einer der begleitenden Lehrer, Rüdiger Damm-Blumrich (Deutsch), betont. Eher ungewöhnlich, suchen sich die Waldorfschüler als Abschlussprojekt normalerweise doch einen weniger klassischen Stoff aus. „Am Anfang hatten einige Bedenken. Es ist schon eine Hausnummer“, erzählt Anna Blessing, die als ‚Sorge‘ mitspielt. Warum also gerade den Faust? Ausschlaggebend sei natürlich das deutschlandweite Projekt gewesen. „Und wir haben auch noch den krönenden Abschluss!“ Glück, denn welche Schule was bekommt, wurde ausgelost. Die Themen im Faust seien immer noch aktuell, „zum Beispiel das Verdrängen der Subsistenzwirtschaft im V. Akt“. Generell gehe es um die Frage, ob es das Gute im Menschen gebe. „Es ist manchmal schwer, daran zu glauben“, mein Anna.

Die einzelnen Schulen spielen ihre Akte autark. Zwar habe am Anfang ein gemeinsames Treffen von Schülern und Lehrern stattgefunden, erzählt Damm-Blumrich, aber besprochen habe man dort nur die Möglichkeiten, die der Raum bietet. „Wir spielen alle unter den gleichen Bedingungen, aber es werden von jeder Schule komplett andere Facetten dargestellt werden“, ist Anna überzeugt.

Mephisto als Regisseur

Als zweiter Lehrer begleitet Andreas Götz (Eurythmie) das Projekt. Und als Regisseur agiert sein Sohn, der 20-jährige Milon, selbst zwölf Jahre Schüler an der Landsberger Waldorfschule. Sein 12.-Klasse-Stück war damals „eine Collage aus Faust, ‚Schuld und Sühne‘ und Woyzeck“, erzählt er. Seine Rolle: der Mephisto. „Für mich ist Faust das größte Stück der deutschen Literatur, der heilige Gral.“ Eine rauschende Formulierung, über die er selber lachen muss.

Es sei eine „Wahnsinns-Aufgabe“, natürlich auch wegen der Anspruchshaltung, die Faust generell erwecke. Ein fertiges Bild hat er nicht. Die Ideen zur Inszenierung entwickelt er aus dem Stegreif. „Nicht lange über die Rollen reden, sondern ausprobieren!“ Und dann sehen, ob es funktioniert.

Milon wirkt sehr selbstbewusst. Breitbeinig steht er auf den Stühlen der Aula, in der vier Wochen lang Theaterprobe pur stattfindet. Auf der Bühne einer der drei Faust-Darsteller – ja, drei: der sehende Faust, der blinde und schließlich Doctor Marianus, der unsterbliche Part von Faust. Den Sehenden spielt Tilman Töllner. Großgewachsen steht er auf der Bühne beim Warm-Up mit Milon. „Wie groß bist du?“ fragt der. Tilman reckt die Arme: „So groß bin ich!“ „Wer bist du?“ „Faust!“

Auch Mephisto ist dreigeteilt. Und in manchen Szenen im wörtlichen Sinne zwiegespalten: Hannah Lohbrunner und Alva Folkerts spielen ihn gleichzeitig. „Ab in den Psycho-Modus“, weist Milon an. Und was die Zwei zeigen, ist wahrhaft beängstigend: ein Mephisto, der unter die Haut geht. Und zwar richtig.

„Mephisto ist nicht greifbar, er hat auch kein Geschlecht“, sagt Hannah. „Das Zu-Zweit-Spielen verstärkt das“, ist Alva überzeugt. Die Rolle gehe einem nach. Man nehme davon auch was in den Alltag mit. „Man reagiert anders“, berichten beide. Aber es mache großen Spaß, trotz auch körperlicher Anstrengung. Dass die Beteiligten gerne auf der Bühne stehen, zeigt sich auch im Warm-Up für die Mephisto-Faust-Szene, die Milon sehen will. Als auftakt gibt‘s François Villons „Erdbeermund“. Mit deutlichster Prononcierung und Leidenschaft – Klaus Kinski wäre sicher nicht enttäuscht.

Die Landsberger Faust-Aufführungen Akt V am 21. und 22. Februar starten ab 19 Uhr mit einer Einführung. Die Aufführungen beginnen jeweils um 20 Uhr. Das Projekt wird über Crowdfunding finanziert. Wer hier noch unterstützen möchte, kann das unter www.startnext.com/faust-theater-landsberg.

Susanne Greiner

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