Handgeschmiedete Grabkreuze

Für den letzten Weg

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„Man muss das Eisen schmieden solange es warm ist, wenn es heiß ist, ist es bereits verbrannt“, sagt Walter Spensberger und korrigiert damit eine alte Lebensweisheit.

Dießen – Ein nebliger Vormittag vor Allerheiligen. Reges Treiben herrscht in der Werkstatt von Schmiedemeister Walter Spensberger. Die Enkel Maria und Xaver wärmen sich an der Glut, die in der Esse glimmt, und schauen dem Großvater zu, der eine Rosenranke für ein Kreuz arbeitet. Bald wird es ein Grab auf dem Friedhof in Dießen zieren.

Rosen und Akanthusblätter gehören zu den zahlreichen Ornamenten, die der Kunstschmied bis ins kleinste Detail nach selbstgezeichneten Entwürfen fertigt. Der Zukauf von Fertigteilen ist tabu. Der 72-Jährige fühlt sich wohl in seiner Werkstatt, einem archaisch anmutenden Ort, und er erzählt gerne von seiner Arbeit. „Das ist mein Leben“, sagt er. Und zum Leben des Schmiedemeisters gehört auch der Tod, aber das schreckt ihn nicht, im Gegenteil. Er versucht den Verstorbenen auf ihrem Weg noch etwas Schönes mitzugeben, manchmal sogar mit einer Prise Humor.

„Jedes Grabkreuz aus meiner Schmiede ist ein Einzelstück und es soll zu demjenigen passen, der drunter liegt.“ Einem Flieger, der mit seinem Gleitschirm abgestürzt war, hat Spensberger zwei kleine Vögel „ins Kreuzl“ geschmiedet. Ein Teddybär am Grabkreuz einer alten Dame, erinnert an deren Leidenschaft, das Sammeln von Plüschbären. Ein Schriftsteller bekam ein Buch mit auf den Weg und für die letzte Ruhestätte des Fürsten von Fürstenberg in Donaueschingen durfte der Dießener vor einigen Jahren ein großes Kreuz schmieden, dessen Fuß ein Abbild des Jagdhundes des Adligen schmückt.

„Wenn Kinder oder Jugendliche sterben, ist ein Kreuz manchmal zu hart. Dann entscheiden sich die Hinterbliebenen oft für einen Lebensbaum.“ Als er den Auftrag bekam, einen Apfelbaum für ein verstorbenes Mädchen zu schmieden, färbte er die handgeschmiedeten Früchte rot. Ein bunter Vogel ziert den Baum und ein kleiner Engel fliegt vorbei. Doch die Friedhofsverwaltung in München legte ihr Veto ein. Das Grabmal sei „zu lustig“, lautete die Begründung. Als der Vater des Kindes, ein bekannter Kunsthistoriker, dann mit fachlichen Argumenten intervenierte, lenkte die Behörde ein.

„Ein wichtiger Bestandteil von Grabkreuzen sind auch die Seelenhäusl“, erklärt Spensberger. Kleine, kunstvoll gestaltete Kästchen, in denen sich die Seele nach dem Tod des Menschen erholen soll, bevor sie sich auf ihren weiteren Weg macht. Wenn es an der Zeit ist, können die Türen des Seelenhäusls geöffnet werden.

Früher, so der Schmied, waren geschmiedete Grabkreuze wohl eher etwas für weniger begüterte Leute. Heute muss man für ein Kreuz etwa 3000 Euro ausgeben. Einst gab es fast in jedem Dorf einen Schmied und die Kreuze konnte man vererben: Das „Namenstaferl“ wurde ganz einfach ausgetauscht oder übermalt.

Den Grundstock für Walter Spensbergers Sammlung alter Grabkreuze legte dessen Vater und Lehrmeister Simon. Rund 40 Unikate umfasst Spensbergers „Kreuzlwald“. Sie stammen aus Gotik, Barock und Empire, künden in ihrer Symbolik allesamt von Glaube, Liebe und Hoffnung und sind am Wochenende im Dießener Taubenturm zu sehen. Einige sind schlicht, von einfachen Dorfschmieden angefertigt, andere sind kunstvoll mit geschmiedeten Rosetten, Lilien und Girlanden verziert, mit einem „Dacherl“ ausgestattet oder in stilisierter Herzform gehalten.

„Im Laufe der Jahre hob i viele Kreuzl auf der Auer Dult oder auf Antiquitätenmärkten dazu gekauft, oder vom Schrottplatz grettet“. Rund 150 Kreuze hat er in 40 Jahren selbst geschmiedet. Viele seiner Arbeiten kann man auf den Friedhöfen in Dießen und Umgebung bewundern, nicht zuletzt auf den zahlreichen Gräbern der Ordensschwestern, aber auch in der gesamten Region zwischen München, Augsburg und Garmisch. Sein Sohn Simon wird das Handwerk als „Metallgestalter“ wie man die Schmiede heute nennt, in die Zukunft tragen.

Seine Sammlung, sagt Spensberger, inspiriere ihn. „Aber die Ideen für die Gestaltung meiner Kreuze, die müssen immer von mir selber kommen. Die Kreuzl müssen filigran sein, eine Leichtigkeit haben. Sie müssen meine Handschrift tragen so dass die Leut´sagen, das ist vom Spensberger“.

Ursula Nagl

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