Kurze Wege retten Leben

Wann kommt die App "Mobile Retter" im Landkreis Landsberg?

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Ein Netzwerk interkommunaler Zusammenarbeit: Das Konzept „Mobile Retter“ startet im Landkreis Landsberg. Initiator ist Chefarzt des BRK Landsberg Dr. Tim Voegele.

Landkreis – In Deutschland gibt es mehr als 50.000 Herz-Kreislauf-Stillstände pro Jahr außerhalb eines Krankenhauses. Und nur 5.000 überleben. Denn oft dauert es zu lang, bis der Rettungsdienst vor Ort ist. Insbesondere in ländlichen Gebieten wie dem Landkreis Landsberg kann der Notarzt schon mal bis zu 13 Minuten brauchen – für 90 Prozent zu spät. Um das zu ändern, gibt es ‚Mobile Retter‘: eine App, die Ersthelfer vor Ort alarmiert, die innerhalb von gut vier Minuten mit lebensrettenden Notfallmaßnahmen eingreifen können. Im Landkreis soll das Projekt in rund drei Monaten an den Start gehen.

Die Initiative für Mobile Retter im Landkreis kommt vom Chefarzt des BRK Landsberg Dr. Tim Voegele. Er habe in den letzten sechs Monaten selbst zwei Fälle erlebt, in denen Notfallmaßnahmen vor Eintreffen des Rettungsdienstes Leben retten konnten. Bei einer 26-Jährigen mit Herz-Kreislauf-Stillstand habe der Nachbar, ein Kardiologe, sofort einschreiten können. Bei einem verunglückten Jogger konnte die alarmierte Leitstelle einen Laien via Telefon zu lebensrettenden Maßnahmen anleiten. Beide seien inzwischen wieder vollkommen gesund, auch in Bezug auf den neurologischen Zustand. Ein Ergebnis, das mit dem normalen Rettungsdienst, der im durchschnitt neun Minuten benötigt, vielleicht nicht erreichbar gewesen wäre. „Die beiden hatten Glück. Und dem wollen wir in Zukunft auf die Sprünge helfen.“

„Meist gibt es viele Qualifizierte, von denen niemand weiß“, beschreibt Dennis Brüntje, Leiter Operatives bei dem Verein Mobile Retter aus Köln. Der Erfinder der Idee, mittels App geeignete Ersthelfer aus medizinischen und Noteinsatz-Bereichen zu alarmieren, ist Neurochirurg Dr. Ralf Stroop. Er initiierte 2013 die App-Entwicklung. Und inzwischen gibt es Mobile Retter deutschlandweit in 13 Regionen. Die mit leichtem Gepäck – Einmal-Handschuhe und Beatmungsfolie – ausgestatteten Helfer konnten über 100 Menschen das Leben retten.

So wird die App aussehen.

Als Mobile Retter seien nur zwei bis drei Prozent der Bevölkerung geeignet. „Notärzte, Feuerwehrkräfte oder Mitarbeiter beim THW beispielsweise“, führt Timo Dreier vom Vereins-Technologiepartner medgineering aus. Diese Personen laden sich die für ihre Region passende App herunter und registrieren sich. Bei der Registrierung werde bereits die medizinische Laufbahn abgefragt, betont Dreier.

Nach der Registrierung folge eine Schulung durch die von der Kommune beauftragte Organisation – meistens das BRK. Themen der Schulen seien natürlich Informationen zum Einsatz, aber auch rechtliche Grundlagen oder die Zusammenarbeit mit dem Rettungsdienst. Erst danach schließe der Mobile Retter mit dem Landkreis eine Teilnehmervereinbarung. Und erst dann sei er via App auch einsetzbar.

Bei einem Einsatz melde die App der jeweiligen Leitstelle mögliche Mobile Retter im engen Umkreis. Nach Berechnung des Anfahrtsweges werden die zwei Schnellsten angefragt. Melden sie sich nicht positiv zurück, werden automatisch der Dritt- und Viertschnellste alarmiert. Während des Einsatzes könne die Leitstelle den Weg der Ersthelfer verfolgen und auch mit ihnen kommunizieren.

Die App diene zudem als Ausweis vor Ort, „aber das war bisher nie nötig“, weiß Brüntje. „Die waren immer froh, dass jemand vor dem Rettungsdienst da war.“ Gebe es auf dem Weg einen öffentlichen Defibrillator, könne auch der durch die Mobilen Retter abgeholt werden. Seien die Notfälle versorgt, könnten die Ersthelfer eventuell bei der Betreuung der Angehörigen helfen. Bei belastenden Einsätzen könnten die Helfer eine Nachsorgebetreuung in Anspruch nehmen.

Die Mobilen Retter können sich auch zeitweise als Einsatzkräfte abmelden. Genauso dürften sie jeden einzelnen Einsatz annehmen oder ablehnen. „Manche Helfer haben lange überhaupt keine Anfrage“, sagt Dreier. Deshalb gelte es zu motivieren, auch wenn die Hilfe momentan nicht benötigt werde.

Sollte es bei der Behandlung durch die Mobilen Retter zu Komplikationen kommen, seien sie über die kommunale Haftpflicht des Landkreises abgesichert, informiert Maria Mattheis, Leiterin des Amts für öffentliche Sicherheit und Ordnung beim Landratsamt. Prüfen müsse man allerdings noch, wie eventuelle Sachschäden während des Einsatzes – beispielsweise eine Delle im eigenen Auto – gehandhabt würden.

Bisher seien die Mobilen Retter immer nur in der jeweiligen Region einsetzbar, teilt Dreier mit. Ein deutschlandweiter Einsatz sei geplant – dass also ein Retter, der zu Besuch in Berlin ist, dort auch eingesetzt werden kann. „Technisch ist das überhaupt kein Problem. Aber dafür müssen wir noch einige rechtliche Aspekte abklären.“ Zum Beispiel, wer dann haftet.

Es dauert noch

Als erster Schritt muss nun der Landkreis mögliche Organisationen wie das BRK mit der Einführung des Systems und allen dazu notwendigen Maßnahmen beauftragen. Noch gebe es diesen Auftrag nicht, informiert Kreisgeschäftsführer des BRK Landsberg Andreas Lehner. Ist er erteilt, unterstützt der Verein Mobile Retter das Projekt im ersten Jahr mittels Beratung.

Sollte der Auftrag an das BRK ergehen, rechnet Chefarzt Voegele damit, innerhalb von drei Monaten mit der App einsatzbereit zu sein: „Bis dahin müssten wir die notwendigen 100 Helfer für den Anfang haben.“ Um den gesamten Landkreis lückenlos abdecken zu können, seien rund 250 Helfer notwendig.

Interessierte müssen sich noch gedulden. Sollte eine Kooperation mit dem BRK zustande kommen, wird es wohl dort einen konkreten Ansprechpartner für freiwillige Retter geben.
Susanne Greiner

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