Warum der ganze Wahnsinn?

Die drei „Physiker“ (von links) Newton (Andreas Bernhard), Möbius (Erich Stracke) und Einstein (Thomas Zagl) stoßen auf die erdrosselten Krankenschwestern an, die vor ihrem Tod ihre Geliebten waren. Foto: Nagl

Wer kennt sie nicht – ob als Schullektüre oder Theaterklassiker – „Die Physiker“ von Friedrich Dürrenmatt. Als neue Produktion der „Commedia Diessen“ verspricht das Stück aus der Zeit des Kalten Krieges einen vergnüglichen und intellektuell anregenden Theaterabend. Zugleich ist die Inszenierung ein Neuanfang für das versierte Laienensemble: Nach nahezu 20 Theaterjahren unter der Leitung von Regisseur Wolfgang Noack hat die „Commedia“ mit Alois Kramer einen neuen Spielleiter gefunden. Noack, der seinen Lebensmittelpunkt ins Sauerland verlegt hat, war ein gern gesehener und begeisterter Premierengast.

Alois Kramer, Geisteswissenschaftler und Journalist liefert ein eindrucksvolles Regiedebüt. Er inszeniert Dürrenmatts groteske Tragikkomödie textgetreu und damit auch in vollem Vertrauen auf seine Schauspieler, die das anspruchsvolle Stück weitgehend bravourös meistern. Kleine, Lampenfieber bedingte Textunsicherheiten wur-den bei der Premiere am Freitagabend souverän und humorvoll weg improvisiert, und mit sicher wird die Inszenierung mit jeder weiteren Vorführung an Schlagkraft und Tempo gewinnen. Da sind sie also, die drei vermeintlich irren Physiker im Sanatorium der durchaus beeindruckenden Irrenärztin Frau Dr. von Zahnd (Andrea Schmider): Johann Wilhelm Möbius (Erich Stracke) spielt den Wahnsinnigen, um die Welt vor seinen Entdeckungen zu schützen, die in den Händen der Macht das Ende der Menschheit bedeuten könnten. Ausspioniert wird er von seinen beiden Mit-Patienten Newton (Andreas Bernhard) und Einstein (Thomas Zagl), die in Wirklichkeit Spione der westlichen und östlichen Geheimdienste sind. Die Wirtshausbühne im Gasthof „Drei Rosen“, wo die Gäste in der Pause, sowie vor und nach der Vorstellung aufmerksam und freundlich bewirtet werden, ist klein. Aber das ist, so scheint es, für Kramers Inszenierung nur von Vorteil: Ein Sofa, ein Sessel, ein Tisch und eine kleine Bar müssen als Bühnenbild ausreichen, und in Ermangelung einer Hinterbühne verlassen die bedauernswerten Krankenschwestern, die im Laufe des Stücks erdrosselt wurden, die Szene auf Krankenbahren liegend, quer durch den Zuschauerraum. Ganz charmant wird aus der Not eine Tugend, denn zwischen Zuschau-ern und Schauspielern entsteht räumliche Nähe und damit Wirtshaustheater im besten Sinne des Wortes – die „triadische Kollusion“, die Beziehung zwischen Autor, Schauspieler und Zuschauer – um mit dem Theaterwissenschaftler Klaus Lazarowicz zu sprechen – funktioniert hier bestens. Komödiantischer Höhepunkt ist ein Abschiedsbesuch bei Möbius: Seine Ex-Frau Lina, gespielt von der wunderbaren Angelika Forster-Walter, rückt bei ihrem „Johann-Wilhemchen“ nicht nur mit ihren drei drolligen Buben ( Max Wittfeld, Levin Schmider, Florentine Panizza), sondern auch mit ihrem neuen Mann, dem potenten Missionar Oskar Rose (Georg Nesch) an. Und kaum hat sich die schrullige Familie verabschiedet, um sich zur Missionsstation beim Mariannengraben aufzumachen, erdros-selt Physicus Möbius seine neue Liebe, Schwester Monika, die mit ihm ein neues Leben außerhalb der Anstaltsmauern beginnen will. Aber warum dieser ganze Wahnsinn? Wer es noch nicht ahnt, sollte auch nach der noch Pause aufmerksam zuhören. Zuhören war eine Fähigkeit, die Konversationsstücke der 60er Jahre den Zuschauern ganz selbstverständlich abverlangten – was sich bei Dürrenmatts „Die Physiker“ immer wieder aufs Neue lohnt. Das weiß auch Kommissar Voß (Josef Steinle). Der hat allerdings ein Privileg: Er darf auf offener Bühne genüsslich Zigarren rauchen – auch das eine Reminiszenz an die 60er Jahre. Weitere Vorstellungen: Donnerstag, 11. Oktober, Freitag, 12. Oktober, Samstag, 13. Oktober jeweils um 19.30 Uhr im Theatersaal der Gaststätte „Drei Rosen, Schützenstraße 22. Vorverkauf unter Tel. 08807-8433, www.commedia-diessen.de.

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