KREISBOTEN-Serie "systemrelevant und schlecht bezahlt"

Warum Sophia Linder aus Fuchstal Krankenpflegerin werden will

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Trotz Schichtdienst und eher schlechter Bezahlung: Für die Krankenpflege-Auszubildende Sophia Linder (links) und die Leiterin der Premiumstation im Klinikum Landsberg Silvia Kott gibt es keinen schöneren Beruf als Krankenpfleger.

Landsberg – Sie werden beklatscht. Sie erhalten Pralinen als Dankeschön. Sie bekommen gerade jetzt viel Lob und Anerkennung in der Bevölkerung. Denn in der Coronakrise gelten sie als systemrelevant, sind besondere Leistungsträger. Derzeit hat niemand ein höheres Ansteckungsrisiko als die Pflegerinnen und Pfleger im Krankenhaus. Aber reicht ihnen die öffentliche Anerkennung? Pflegekräfte gelten als unterbezahlt. Trotzdem möchten viele jungen Menschen diesen Beruf erlernen. Warum das so ist – der KREISBOTE hat nachgefragt.

„Die Nähe zum Menschen war ausschlaggebend für mich“, sagt die 18-jährige Auszubildende Sophia Linder aus Fuchstal über ihre Motivation, ihre dreijährige Ausbildung zu beginnen. Derzeit ist sie im zweiten Lehrjahr der Berufsfachschule für Gesundheits- und Krankenpflege am Klinikum Landsberg. Die Ausbildung beinhaltet einen theoretischen Teil in der Schule, der sich abwechselt mit der praktischen Arbeit in der Klinik. Im Unterricht wird Wert gelegt auf Anschaulichkeit und Selbstverantwortung. „In der Praxis durchlaufen wir alle Stationen“, erzählt Sophia, „von der Chirurgie, der inneren Medizin über die Psychiatrie bis zur Notaufnahme.“

Vier bis sieben Wochen arbeitet Sophia auf Station, dazwischen gibt es immer zwei- bis dreiwöchige Schulblöcke. „Wie lange und wann genau diese stattfinden, hängt davon ab, wie weit man mit dem Stoff ist. Das planen die Lehrer.“ Auszubildende unter 18 Jahren genießen den Jugendschutz. Ansonsten haben sie die gleichen Arbeitszeiten und Schichten wie eine normale Pflegekraft: Früh-, Spät- und Nachtschicht, letztere erst ab dem zweiten Lehrjahr. „Wichtig ist, dass zwischen den Schichten zehn Stunden Ruhezeit liegen“, erklärt Sophia.

Ab September startet die „Generalistische Ausbildung zum Pflegefachmann oder zur Pflegefachfrau“: Für Altenpfleger, Kinderkrankenpfleger und Krankenpfleger gibt nur noch eine gemeinsame Ausbildung.

Im ersten Jahr erwerben die Krankenpfleger-Azubis Grundkenntnisse wie Blutdruck- oder Puls-Messen sowie die Körperpflege vermittelt. „Das Waschen ist nicht so leicht, wie man denkt, es gibt viel zu beachten“, betont Sophia. „Für jeden Patienten müssen ganz spezielle Vorgaben, abhängig von der jeweiligen Krankheit und vom Zustand des Patienten, berücksichtigt werden.“ Im zweiten Ausbildungsjahr werden bereits Verbände gebunden, Spritzen gegeben oder Katheter gelegt. Das dritte Jahr bereitet die Auszubildenden auf ihr Examen vor – hier wird alles grundlegend wiederholt.

„Ich bin der Meinung, dass Pflegekräfte für das, was geleistet wird, zu wenig bekommen“, meint Sophia. „Wir sind ganz nah dran am Menschen und haben eine so große Verantwortung – das wird finanziell zu wenig anerkannt.“ Die Ausbildung wollte sie dennoch unbedingt machen: Krankenpflegerin ist ihr Traumberuf. „Schon als Kind bin ich mit meinem kleinen Arztköfferchen herumgelaufen. Als mir eine Tierärztin einmal ein echtes Stethoskop geschenkt hat, war das sozusagen der Anfang meiner Karriere.“

Dankbare Patienten

Auf Wunsch ihres Vaters habe sie mal ein Praktikum in der Industrie gemacht. Aber das war nichts für sie: „Ich hatte dort gar nichts mit Menschen zu tun, das hat mir sofort gefehlt.“ Die meisten Patienten seien dankbar, liebevoll und wertschätzend. Diese Dankbarkeit baue sie immer wieder auf. Und dafür liebt sie ihren Job: „Da geht man mit einem Lächeln aus dem Dienst und weiß, warum man das macht.“

Angst vor Krankheiten hat Sophia nicht. Ansteckungsangst sei in diesem Beruf fehl am Platz. Daher schreckt sie auch vor COVID-19 nicht zurück. Dennoch schützt das Klinikum die Auszubildenden. Sie dürfen weder in die Zimmer von COVID-19-Patienten noch in die Zimmer von Patienten mit Verdacht auf das Virus. Derzeit tragen sie stets, wie alle anderen, eine Schutzausrüstung – mit Maske, Haube, Handschuhen, Schutzbrille und einem Ganzkörperkittel.

Hobbys sind für die 18-jährige Sophia Linder aufgrund des Schichtdienstes eher schwierig. Sie turnt gerne und mag Bouldern, spielt in einer Kapelle, auch wenn sie nicht alle Proben wahrnehmen kann. Aber all das nimmt Sophia in Kauf. Sie steht zu ihrem Beruf.

Eine Herausforderung

Das sagt auch Silvia Kott, Stationsleiterin der Premiumstation und derzeit „Chefin“ von Sophia. „Mein Wunsch wäre, dass sich Sophia nach ihrer Ausbildung hier bewirbt.“ Sie habe sie sofort ins Herz geschlossen. Genauso begeistert, wie sie erzähle, arbeite sie auch. „Jeder hier spürt sofort: Sie liebt ihren Job.“

Silvia Kott aus Bronnen ist mit 58 Jahren die Älteste auf der Station. Die jetzige Lage sei natürlich eine Herausforderung. „Momentan ist es noch nicht dramatisch“, sagt sie. Dennoch: „Wir wollen Leben retten und stehen selbst ein wenig unter Druck und Angst.“

Wie eine zweite Familie

Auch Kott liebt ihren Beruf. „Wenn die Patienten gesund wieder nach Hause gehen – da freut sich mein Herz.“ Trotz Schichtbetrieb, „für mich gibt es keinen besseren Beruf.“ Sie selbst sei als Kind oft krank und häufig im Krankenhaus gewesen. Hier entstand ihr Berufswunsch. „So viele Menschen haben mir damals geholfen. Ich möchte das zurückgeben, was ich damals bekommen habe.“ Ihr Team, ihre Station – das sei so etwas wie ihre zweite Familie.

Die öffentliche Anerkennung ist im Moment groß, bestätigt Kott. „Der Abschleppdienst Kemeny reinigt kostenfrei unsere Autos, Scherdi hat uns Blumen geschenkt, und Ihle hat uns einen riesigen Korb Kuchen vorbei gebracht.“ Sie selbst findet den öffentlichen „Applaus“ sehr nett und betrachtet das als Wertschätzung. „Dafür möchte ich mich im Namen meines Teams ganz herzlich bedanken.“

Auszubildende und Stationsleiterin verbindet eine große Portion Idealismus, der sie über die eher schlechte Bezahlung und schwierigen Arbeitsbedingungen hinwegsehen lässt. Am Ende des Tages zählen für sie andere Werte.
Andrea Schmelzle

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