Mit Spektiv und Zähluhr

Wasservögelzählen am Lech

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Mitte Dezember zählten Ulrich Kreutzer (l.) und Reinhold Klose im Bereich vor der Staustufe 18 insgesamt 1.900 Wasservögel.

Kaufering – Es ist 10.00 Uhr morgens und das Thermometer zeigt gerade mal ein Grad plus an. Die Sicht ist trüb, der Wind gefühlt immer noch eisig. Normalerweise kein Wetter, um einen Tag im Freien zu verbringen. Genau das aber hat Ulrich Kreutzer aus Kaufering vor. Zusammen mit seinem Freund Reinhold Klose, ebenfalls aus der Marktgemeinde, wollen sie Vögel zählen. Genauer gesagt, Wasservögel.

Thermokleidung und warme Schuhe sind eigentlich Pflicht, denn die beiden Freunde wollen einige Stunden an den Ufern des Lechs verbringen. Ulrich Kreutzer packt das teure Spektiv samt Stativ in seinen Land Rover. Bis zu 70-facher Vergrößerung kann er damit die Vogelwelt direkt vor sein Auge holen. Die Optik ist so gut, dass er sogar zwischen weiblichen und männlichen Tieren unterscheiden kann, auch wenn sie einige hundert Meter entfernt sind.

Dann holt Ulrich Kreutzer seinen Freund Reinhold Klose zum Zählen ab. Der ist inzwischen 81 Jahre alt, fit wie ein Turnschuh und ein absoluter Fachmann. Das muss wohl in der Familie liegen. Sein Bruder Dr. Albrecht Klose hat sich wissenschaftlich mit Regensburgs Vogelwelt beschäftigt und ein Fachbuch darüber geschrieben. Für Reinhold Klose ist die Wasservogelzählung mehr ein Graubereich zwischen Hobby und einfacher wissenschaftlicher Arbeit. Es ist auch nicht das einzig Hobby. Ehrenamtlich begleitet der rüstige Rentner Insassen der Justizvollzugsanstalt (JVA) Landsberg auf ihren Freigängen. Die Ausbildung als Diakon hilft ihm dabei. „Ich habe immer im Sozialbereich gearbeitet“, erzählt er so nebenbei.

Für den pensionierten 68-jährigen Kriminalbeamten Ulrich Kreutzer ist die Wasservogelzäh­lung kein Spezialgebiet. „Mir kommt es darauf an, Zusammenhänge in der Natur zu erkennen“. Daher interessiert er sich auch für die Fischerei und die Jagd, für Wiesenbrüter und für Ameisen – quasi alles was sich draußen vor der Tür so abspielt.

Seit 2001 dabei

Mit dem Landrover geht es über die B17 bis nach Denklingen und dann ins Gelände am Lech. Dort beginnen Klose und Kreutzer ihre Zählung und arbeiten sich Richtung Kaufering bis zur Lechstaustufe 18 vor. Zwei Tage sind für die rund 30 Kilometer Lech angesetzt. Die Termine sind uns vorgegeben, meist jeweils zur Monatsmitte, sagt Ulrich Kreutzer. Das bedeutet für die beiden Vogelexperten, dass sie jeden Monat zwei Tage für ihr Hobby opfern, Sommer wie Winter, „wobei es im Sommer mehr Spaß macht“, merkt Reinhold Klose an. Mit dem Zählen begonnen hat er zusammen mit Fritz Willy im Jahr 2001. Ulrich Kreutzer kam 2004 dazu.

Neben dem Spektiv und Qualitätsfernglas gibt es noch ein weiteres Hilfsmittel zum Einsatz. Es ist eine simple Zähluhr. Sie kommt zum Einsatz, wenn größere Vogelansammlungen auf dem Wasser sind. Man muss schon eine große Erfahrung mitbringen und vor allem seine eigenen Methoden entwickeln, wenn der See voller Vögel ist. Ulrich Kreutzer erzählt, er bilde bei großen Seeflächen vor seinem geistigen Auge Rasterflächen, die er dann zähle und multipliziere. Wichtig sei dabei, seine eigene Zählmethode immer beizubehalten, denn entscheidend sei nicht alleine die aktuelle Zahl. Vielmehr sollten die langfristigen Veränderungen festzustellen. Langzeitmonitoring heißt das im Fachjargon. Selbstverständlich ist dabei auch, immer an den gleichen Standorten zu zählen.

Reinhold Klose und Ulrich Kreutzer sind absolute Spezialisten, wenn es um die Artenvielfalt geht. Gezählt wird nämlich nach Wasservogelarten. Beispielsweise sind am Lech alleine drei Entenarten heimisch: Reiher­-, Stock- und Tafelente. Gezählt wird auch nach männlichen und weiblichen Wasservögeln. Aktuell sind rund 5.000 bis 6.000 Wasservögel am Lech zwischen Denklingen und der Staustufe 18 heimisch oder auf der Durchreise. „Wir merken es sofort an den Zahlen, wenn es im Norden Deutschlands oder in Skandinavien kalt wird. Denn jedes Jahr ziehen hunderttausende von Wasservögeln in Deutschland zur Überbrückung der kalten Jahreszeit in ihre Winterquartiere.

Wasservogelzählungen erfassen die gefiederten Schwimmer regelmäßig und beantworten die Frage, wie viele Wasservögel in Deutschland rasten und überwintern und welche Veränderungen feststellbar sind. Daraus ergeben sich dann auch Schutzmaßnahmen für die wichtigsten Rastplätze.

Die beiden Hobby-Ornithologen haben Glück. Weder Nebel noch dichter Schneefall behindern ihre Zählarbeit. Ihre Daten melden sie online an die Vogelschutzwarte in Garmisch-Partenkirchen, wo die Zahlen für ganz Bayern gesammelt und dann an eine Meldestelle nach Münster für die deutschlandweite Auswertung geschickt werden. Wasservogelzählungen werden europaweit durchgeführt und zentral in Großbritannien ausgewertet.

Einen Wunsch haben Reinhard Klose und Ulrich Kreutzer noch an die Standup-Paddler vor allem an den Staustufen: „Sie verursachen erheblichen Stress für die Vögel, denn sie werden von den Tieren als Bedrohung wahrgenommen.“ Immer wieder sei zu beobachten, dass die Vögel von einem zum anderen Ende der Staustufen flüchten. Die Paddler sollten deshalb einen großen Bogen um die Vögel machen.

Bedrohliche Knallerei

Vögel haben keine Lobby. Ginge es nach ihnen, könnte man auf die Silvesterknallerei ganz verzichten. Sie versetzt nicht nur Hunde und Katzen in Todes­angst. Für Vögel können die Lichtblitze und Donnerschläge sogar zur tödlichen Gefahr werden, wenn sie aus dem Schlaf gerissen werden und panisch in Höhen aufsteigen, die sie sonst kaum erreichen. Werden dann noch in Ufernähe Raketen und Knallkörper gezündet, bricht die Tiere bricht „die Hölle los“, wissen die Wasservogelzähler Reinhard Klose und Ulrich Kreutzer nur allzu gut. 

Siegfried Spörer

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