Wege in die Barbarei - Auftakt der "Landsberger Gespräche": Richard Wagner und Adolf Hitler

Dass Adolf Hitler während seiner Landsberger Festunghaft im Jahre 1924 sein unsägliches Werk „Mein Kampf“ geschrieben hat, war gewiss allen der etwa 70 Anwesenden im Stadttheater bekannt. Am Freitag war Auftakt für die Reihe „Landsberger Gespräche“. Titel an diesem Abend: „Der Weg in die Barbarei. Grundlagen und Voraussetzungen des Nationalsozialismus“. Dass Hitler dieses Werk, welches übrigens bei uns nur antiquarisch verfügbar, ansonsten übers Internet stichwortartig einsehbar ist, auf dem hauseigenen Papier vom Grünen Hügel in Bayreuth geschrieben hat, wussten wohl nur wenige.

Dr. Manfred Osten führte mit dem renommierten durch mehrere Arbeiten ausgewiesenen Wagnerforscher, dem emeritierten Professor Dr. Dieter Borchmeyer am vergangenen Freitag das erste Gespräch dieser neuen Reihe im Stadttheater. Die weiteren fünf, bis in den April nächsten Jahres folgenden wird Dr. Osten ebenfalls moderieren. Anhand des musikalischen Werkes Richard Wagners, insbesondere seiner Opern Parsifal, Lohengrin und Rienzi, sowie seiner schriftlichen Äußerungen gelang es den beiden Diskutanten, ein interessantes und sehr differenziertes Bild des Verhältnisses von Adolf Hitler zu seinem musikalischen Idol Richard Wagner zu zeichnen. Eine Fülle von Einsichten, Aspekten und Detailaufnahmen gelangen den beiden Gesprächsteilnehmern, so dass sich fast das ereignete, was einer der Initiatoren und Veranstalter dieser Gesprächsreihe, Dr. Manfred Frei in seiner Begrüßung feststellte: Dass die Zuhörer hier Dinge erfahren, die man sonst nie gehört habe. Freilich mag das eine leichte Übertreibung sein. Für die Geschichte vom versiegelten Raum im Keller der Musikhochschule München in der Meiserstraße, in dem vielleicht das Bernsteinzimmer lagere oder die Originalpartituren von Wagner-Opern, die die deutsche Industrie dem Führer schenkte, mag das gelten. Aber wenn es Professor Borchmeyer uns im Stadttheater Landsberg erzählen kann, wird auch die- ses Faktum kein großes Geheimnis sein. Das wichtigste Sozialisationserlebnis seines Lebens nannte Hitler die Begegnung mit dem Werk Wagners. Er hatte eine Aufführung seiner Oper Lohengrin als Zwölfjähriger in Linz besucht. Durch Lohen- grin sei er zum „politischen Revolutionär“ geworden, bekannte Adolf Hitler, so Dr. Osten. Lohengrin der „nicht demokratisch legitimierte Führer“, wie Borchmeyer sagte, könne als Vorbild für Hitler nur bedingt gelten, ebenso wie die Figur des Rienzi aus Wagners gleichnamiger Oper. Der Fehler Rienzis, so Hitler, sei sein Einzelgängertum wie auch seine Milde den Angehörigen des Adels gegenüber gewesen. Privat sei Wagner ein „furchtbarer Antisemit“ gewesen, sein Werk jedoch frei von Partikularinteressen, betonte Borchmeyer. Wagner vertrete auch keinen biologischen Volksbegriff. Wagners These, dass das „Judentum sich entjuden“ und im Christentum aufgehen solle, bedeute eben nicht die physische Vernichtung der Juden. Vielmehr möge die Gemeinschaft der Juden zur einen Rasse der Menschen aufsteigen, die das Blut Christi einige. Das Blut Christi sei, in den Augen Richard Wagners, nicht für eine einzige Rasse geflossen, bemerkte Borchmeyer. Der Parsifal sei nicht als Vorbild für die Inszenierung des Nürnberger Parteitages geeignet, dafür hätte Hitler besser die große französische Oper von Meyerbeer oder Halevy nehmen sollen. Das waren aber allerdings Juden. Übrigens sei der Parsifal zwar in Bayreuth während des 2. Weltkrieges nicht gespielt worden, ein dezidiertes Aufführungsverbot von den Nazis für den Parsifal habe es aber niemals gegeben. Das bewiesen die untersuchten Spielpläne verschiedener deutscher Opernhäuser, an denen Parsifal gegeben wurde. „Ich liebe Wagner, aber ich bin kein Wagnerianer.“ Mit dieser, auf den ersten Blick paradoxen Formulierung stellte Borchmeyer sein Verhältnis zu Richard Wagner vor. Interessant war auch zu hören, dass alle Nachgeborenen Wagners und die angeheirateten Familienmitglieder glühende aufrechte Nazis waren, auch wenn der eine oder andere diese Einstellung der Nachwelt relativiert hinterlassen wollte. Das stehe unzweifelhaft fest. Eine interessante kurze Diskussion beschloss den Abend, aber alle, die nicht dabei waren, sollten wissen, das seit diesem Freitag Abend die Weltgeschichte nicht neu geschrieben werden muss…

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