Gute Ausbildung, gutes Gehalt

»WeGebAU« verschafft Geringqualifizierten und ältere Arbeitnehmern eine Perspektive

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Gruppenbild mit Blumenstrauß (von links): Annemarie Berchtold, arbeitgeberorientierte Arbeitsvermittlerin bei der Agentur für Arbeit mit Pflegehelfer Mario Millares, der mit dem bayerischen Staatspreis ausgezeichneten Pflegefachkraft Melanie Röthig und Einrichtungsleiter des Seniorenzentrums Ralf Dietrich.

Landsberg – Seit 2006 steht Geringqualifizierten und älteren Arbeitnehmern mit der Weiterbildungsmaßnahme „WeGebAU“ der Bundesagentur für Arbeit ein besonderes Instrument zur Verfügung. Es weiß nur kaum jemand davon. Dabei verbirgt sich dahinter eine durchdachte Möglichkeit, durch Ausbildung eine neue Perspektive auf dem Arbeitsmarkt zu erhalten. Welche Voraussetzungen zu erfüllen sind, um in den Genuss der Maßnahme zu kommen, welche Möglichkeiten einem die Teilnahme daran eröffnen und welche Berufsgruppen dafür überhaupt in Frage kommen, all das lohnt einen genaueren Blick.

Die Vita Melanie Röthigs ist eigentlich nicht anders, als bei anderen. Nach ihrem Schulabschluss absolvierte die Ettringerin eine Ausbildung zur Industriekauffrau, arbeitete auch einige Jahre in diesem Bereich. Ein Pflegefall innerhalb der Familie brachte Röthig eng mit dem Aufgabenbereich Pflege in Kontakt, sie selbst versorgte ihre Großmutter in den eigenen Räumlichkeiten. In dieser Zeit ihrem erlernten Beruf nachzugehen, war da nicht mehr möglich, zugleich fand Melanie Röthig Gefallen an ihrer neuen Aufgabe. „Eigentlich bin in den Pflegebereich eher hineingerutscht“, fasst sie zusammen. Zwischenzeitlich wurde ihr Traumberuf daraus. Vor kurzem hat Melanie Röthig ihre dreijährige Ausbildung zur Pflegefachkraft abgeschlossen und sogar den Staatspreis dafür erhalten.

Die heute 39-Jährige wäre selbst wohl nicht auf die Idee gekommen, noch einmal die Schulbank zu drücken, noch einmal ganz von vorne anzufangen. Zweifelsohne hätte sie sich zudem eine klassische Ausbildung bei gleichzeitig klassischem Ausbildungsgehalt gar nicht leisten können. In diesem Alter ist man fest im Leben integriert, dazu muss der Lebensunterhalt bestritten werden. Da ist nicht viel Zeit für die Verwirklichung von Träumen.

Möglich gemacht wurde Melanie Röthig die Ausbildung durch „WeGebAU“. Hinter diesem Begriff verbirgt sich die Weiterbildung Geringqualifizierter und beschäftigter älterer Arbeitnehmer in Unternehmen. Anders als bei klassischen Vermittlungsangeboten über die Agentur für Arbeit finden hier zuerst Arbeitgeber und Arbeitnehmer zusammen. Signalisiert der Unternehmer „grünes Licht“ und stellt einen Ausbildungsplatz für die in Frage kommende Person zur Verfügung, kann es eigentlich schon losgehen. Der besondere Anreiz bei diesem Modell: Gezahlt wird eine doppelt so hohe Vergütung, wie der Auszubildende tatsächlich tariflich erhalten würde.

Arbeitgeber profitieren

Doch auch für den Arbeitgeber zahlt sich die Sache aus, wie Annemarie Berchtold, arbeitgeberorientierte Arbeitsvermittlerin bei der Agentur für Arbeit, bestätigt. Bekommen sie doch hoch motivierte Mitarbeiter, die schon mit beiden Beinen im Berufsleben stehen oder gestanden haben, und Leistungsbereitschaft und intellektuelle Fähigkeiten eines Erwachsenen mitbringen. Wenn nach bestandener Ausbildung der Arbeitsvertrag winkt, wird beiden Seiten geholfen. Dringend benötigte Fachkräfte können so im eigenen Haus ausgebildet und auch gleich verankert werden.

Im Falle Melanie Röthigs war die Ausbildung zur Pflegefachkraft ein konsequenter Schritt. Nicht umsonst stehen Pflegeberufe im Top-Ranking der „WeGebAU“-Weiterbildungsziele in Bayern, denn qualifizierte Arbeitnehmer fehlen an allen Ecken und Enden. In Ralf Dietrich, Einrichtungsleiter im Seniorenzentrum Pichlmayr in Landsberg, hat Röthig ihr Pendant gefunden. Stets auf der Suche nach Fachkräften, hat er die Unterstützung durch das Förderprogramm „WeGebAU“ gerne angenommen. Mittlerweile haben sieben Personen über diese Maßnahme eine Ausbildung in seinem Hause durchlaufen oder befinden sich darin.

Neben Melanie Röthig ist das zum Beispiel Mario Millares. Der 35-jährige Peruaner hat eine Ausbildung zum Ergotherapeuten gemacht, die jedoch in Deutschland nicht anerkannt wird. Der nahe Umgang mit Menschen liegt ihm, so war der Schritt zur Ausbildung Richtung Pflegehelfer auch für ihn logische Konsequenz. Auch er bekommt schon innerhalb der Ausbildung ein volles Pflegehelfer-Gehalt. „Es ist ein großes Geschenk, was da passiert“, folgert Ralf Dietrich. „Diese Menschen verdienen sich im wahrsten Sinne des Wortes ihr Geld und bringen bereits die richtige Haltung mit.“ Hat Mario Millares seine Ausbildung zum Pflegehelfer erfolgreich abgeschlossen, kann er sich weiterqualifizieren – und irgendwann der Einrichtung sogar als Pflegefachkraft zur Verfügung stehen.

190 Menschen befinden sich derzeit in der Maßnahme „WeGebAU“, sie kommen aus dem Agenturraum Weilheim-Schongau, Landsberg, Garmisch, Starnberg und Fürstenfeldbruck. Allein 104 unter ihnen machen eine Ausbildung im Pflegebereich, davon starten in Landsberg dieses Jahr 30 Personen. Durch die 2010 verabschiedete Qualifizierungsoffensive im Pflegebereich ist darin nun auch eine Verkürzung der Lehrzeit möglich, ein Umstand, der vorher nicht griff und deshalb am Pflegeberuf Interessierten eine Schranke setzte. Mittlerweile arbeiten zwölf stationäre Einrichtungen und 16 ambulante Pflegedienste mit der Agentur für Arbeit Raum Landsberg zusammen und partizipieren durch „WeGebAU“.

Branchenübergreifend

Die Maßnahme ist – auch das ist wichtig zu wissen – jedoch nicht nur auf den Pflegebereich beschränkt. „Das Förderprogramm greift bei allen Branchen, wenn arbeitsmarktpolitische Sinnhaftigkeit gegeben ist“, sagt Annemarie Berchtold. Das könnte dann zum Beispiel eine Ausbildung zum Berufskraftfahrer sein, zum Maschinenanlagenführer oder eben zum examinierten Altenpfleger. Seit 2016 gibt es von der Agentur für Arbeit noch eine Erfolgsprämie oben drauf: 1.500 Euro erhält, wer die Ausbildung vollendet. Allein 1.000 Euro gibt’s für die geschaffte Zwischenprüfung. Geld, das die erwachsenen Auszubildenden wohl gut gebrauchen können, denn alle bestreiten ihren eigenen Lebensunterhalt.

Regine Pätz

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