Weil ihn die Musik gefunden hat

Wann im Leben entscheidet sich, was aus einem wird oder auch nicht? Bei Hans-Günter Schwanzer? Er hätte genauso gut Pilot werden können. Doch das Leben machte ihn zum Musiker. Welche Fäden des Schicksals mussten ineinander wirken, damit ein Mensch, der über seine Kindheit sagt, „bei uns war die Musik nicht zu Hause“, eben ein Leben in und mit der Musik leben kann?

Der Mann, in dessen Elternhaus weder Musik gehört noch gemacht wurde, ist Hans-Günter Schwanzer. Damit aus ihm der Dirigent werden konnte, unter dessen Leitung das Stadtjugendkapelle Landsberg zu einer der besten Deutschlands avancierte, musste der Zufall nachhelfen. Wo waren die Kreuzungen in Schwanzers Leben, an denen er sich für den richtigen Weg entschieden hat? Wer oder was hat im entscheidenden Moment an den Strippen des Glücks gezogen? Als erste glückliche Fügung mag der Geburtsort selbst gelten. Seine Eltern waren 1960, nur zehn Tage vor der Geburt Hans-Günter Schwanzers, aus Ostdeutschland nach Landsberg gekommen. Hier ist er im alten Krankenhaus an der Lechstraße, dem heutigen Sozialzentrum St. Martin, zur Welt gekommen. Als er vor ein paar Jahren mit „seiner“ Stadt- jugend­kapelle Probenräume in der Stadtbibliothek, nur wenige Meter von seinem Geburtsort entfernt, zur Verfügung gestellt bekam, schloss sich für ihn ein Kreis. Doch erst musste die Musik einen Weg in sein Leben finden. Und sie kam in Form einer Trompete. Wenn man von den zwei Kochlöffeln absieht, mit denen er als kleiner Bub auf ein Kissen eintrommelte, und damit die Musik begleitete, die aus dem Wurlitzer in der Gaststätte seiner Eltern in Igling kam. Alte Trompete Vielleicht hatte Schwanzers Vater genau das im Kopf, als er ihn im Jugendblasorchester Untermeitingen anmeldete. „Ich bekam gleich eine Trompete in die Hand gedrückt. Da stand ich, mit hochrotem Kopf und vielleicht sogar Tränen in den Augen, und musste vor allen Anwesenden meine ersten Töne produzieren.“ Trotzdem nahm er „die alte Trompete“ mit nach Hause und erlebte, dass er schnell lernte und sich durch die Etüden spielen konnte. „Zufällig“ war der Leiter der Untermeitinger Jugendkapelle Richard Seidl. Er hatte in den ersten Nachkriegsjahren als Solo­trompeter bei den Berliner Philharmonikern mitgewirkt und war mittlerweile 1. Solotrompe­ter am Stadttheater Augsburg. Seidl war auch Blechbläserlehrer in St. Ottilien. Er nahm Schwanzer mit zu den wöchentlichen Proben dort und war auch verantwortlich dafür, dass Schwanzer ins Internat St. Ottilien ging. „Ich bin wegen der Musik nach St. Ottilien gegangen und habe entsetzt festgestellt, dass ich dort auch Latein lernen musste“, lacht er heute. Doch damals konnte er absolut nicht lachen. Er litt stark unter Heimweh, sodass seine Eltern ihn nach Hause holen wollten. „Ich erinnere mich gut daran“, erzählt er, „wie ich innerlich zerrissen war. Aber ich entdeckte, wie wichtig es für mich war, Musik zu machen.“ Also entschied er sich zu bleiben. Er sei kein strebsamer Instrumentalschüler gewesen, urteilt er über sich selber. Eher habe er zur „Lausbubenfraktion“ gehört, die nachts schon mal aus dem Fenster stieg und Erdbeeren im Klostergarten genascht hat. Es zeigte sich schnell, dass hier ein Talent heranwuchs. Schwanzer war der erste Schüler des Internats, der bereits in der 5. Klasse ins Schülerblasorchester aufgenommen wurde. Hier traf er seinen zweiten Förderer: Pater Albert. Er meldete ihn, 16-jäh­rig zu einem Dirigentenkurs an. Es folgten Erfolge beim Wettbewerb „Jugend musiziert“, und Schwanzer wurde in das Bayerische Landesjugendorchester aufgenommen. Schönheit der Musik Bis dahin hatte er sich immer noch vorstellen können, eines Tages Pilot zu werden. Doch im Landesju­gend­orchester passierte es, dass die Musik endgültig eine zen­tralen Rolle in seinem Leben bekam. Hans-Günter Schwanzer erinnert sich: „1980 spielten wir das Weihnachtsoratorium mit Karl Richter. Musik, die ich vorher noch nie gehört hatte. Es war diese Schönheit der Musik, die mich endgültig zur Musik gebracht hat.“ Von hier führte ihn der Weg über ein Musikhochschulstudium in München zurück nach Landsberg an die Städtische Sing- und Musikschule und zur Stadtjugendkapelle. Die Frage aber, in welchem Maße welcher Schicksalsfaden dazu geführt hat, die muss unbeantwortet bleiben. Freuen wir uns, dass ihn die Musik gefunden hat. Fliegen können andere.

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