Nach dem Auslandseinsatz in Quarantäne

Welfenkaserne Landsberg: durchhalten in Pandemie-Zeiten

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Kasernenkommandant Gerhard Bechtold

Landsberg – Das Coronavirus macht auch vor einer Uniform nicht halt. Der KREISBOTE hat in der Welfenkaserne nachgefragt, welche Auswirkungen die Pandemie hat und wie die Bundeswehr mit den veränderten Bedingungen umgeht.

Die Ausnahmesituation wird schon am Eingang der Kaserne erkennbar, denn der Wachmann trägt eine der Masken, die heutzutage zur Normalität geworden sind. Hauptmann Gerhard Bechtold steht einige Meter entfernt und sorgt für den reibungslosen Einlass. Der 49-jährige ist seit 1992 Berufssoldat und ist als Kasernenkommandant seit zwei Jahren für die Liegenschaft „Welfenkaserne“ verantwortlich. Dazu gehören Absicherung, Bewachung, Infrastrukturmaßnahmen. Zudem ist er Ansprechpartner für alle Dienststellen, die sich auf dem Gelände befinden: Instandsetzungszentrum 13, Bundeswehrdienstleistungszentrum (BwDLZ), Bundeswehr Feuerwache, Fuhrparkservice, Bundeswehr IT (BWI) und eine Abteilung für bundesweite Reisekostenabrechnungen. Insgesamt arbeiten rund 400 Soldaten und Zivilisten in der Welfenkaserne.

Das ist noch nicht alles. Weiterhin betreut er die militärgeschichtliche Sammlung. In den letzten Kriegsjahren 1944/45 wurde am Standort von Zwangsarbeitern und jüdischen Häftlingen ein Bunker von 233 Metern Länge gebaut. Diese traurige und leidvolle Geschichte erzählt Bechtold regelmäßig Besuchern. Er führt Schulklassen, Vereine, Politiker und Volkshochschüler in die unterirdische Anlage, denn Aufklärung über die Vergangenheit ist ihm wichtig. Momentan finden aufgrund der Pandemie natürlich keine Veranstaltungen statt, aber ein festes Konzept für eine baldige Wiedereröffnung hat Bechtold in der Schublade.

Getrennt in die Kantine

Das Virus traf die Kaserne wie viele andere Einrichtungen. Und auch für Soldaten gibt es keine Ausnahmen. Umfassende Hygienemaßnahmen konnten umgehend eingeleitet werden. Büros wurden auf Einzelbelegung umgestellt. Risikopatienten, Schwangere und Personal mit Vorerkrankungen bleiben zuhause. Die Menschen, die noch in der Welfenkaserne schlafen, haben ohnehin Einzelzimmer, oder besser gesagt „Stuben“, sodass hier keine Vorkehrungen getroffen werden mussten. Für den Speisesaal wurden die Zeitfenster erweitert und die Dienststellen gehen streng getrennt zu den Mahlzeiten. Besprechungen und Meetings mussten auf das absolute Minimum reduziert und durch Video- und Telefonkonferenzen ersetzt werden. Ausbildungen und Lehrgänge wurden ausgesetzt. Märsche finden unter Einhaltung der Abstandsregeln noch statt. Kegelraum, Sporthalle und Fitnessräume liegen brach oder sind unter strengen Auflagen nutzbar.

Hauptmann Bechtold ist sich seiner Verantwortung bewusst: „Wir müssen das Ansteckungsrisiko extrem minimieren, denn diese Dienststelle hat einen wichtigen Auftrag. Wenn wir nicht mehr in der Lage sind, die Luftfahrtgeräte instandzusetzen, dann fliegt die Luftwaffe irgendwann nicht mehr. Deshalb haben die verschiedenen Schichten auch keinerlei Kontakt miteinander. Es muss gewährleistet sein, dass immer jemand einsatzbereit ist. Die Devise heißt: Durchhaltefähigkeit.“

Kompanieabende, Feierlichkeiten, Betriebsausflüge und auch das geplante Familienfest im Juli – das alles fällt nun natürlich flach. Die groß geplante Gedenkfeier zum Kriegsende fiel ebenfalls ins Wasser, nur zwei Bürgermeister durften kommen und Kränze niederlegen.

35 Soldaten sind dem Katastrophenschutz zugeordnet. Sie kommen aber erst zum Einsatz, wenn das THW und andere Dienststellen nicht mehr reagieren können. Sie sind im Notfall die letzte Reserve. 21 Soldaten, die an der zivilen Aus- und Weiterbildung (ZAW) teilnehmen, müssen sich im Moment mit E-Learning zuhause begnügen. Die notwendige Technik, Software und ausreichend Geräte stehen zur Verfügung.

Die Routine fehlt

Hauptmann Bechtold wirkt gut organisiert und scheint die Situation im Griff zu haben. Es gab zwar verschiedene Verdachtsfälle, aber bisher keine Infektionen. Das Personal zieht mit, jeder hat Verständnis für die Notwendigkeiten, die sich durch die Pandemie ergeben. Frei von Gefühlen und Sorgen ist Bechtold nicht: „Es ist schon irgendwie erschreckend, dass sich der Alltag innerhalb kürzester Zeit extrem verändert. Gerade auch Alleinstehende haben nicht mehr die gewohnten Routinen, was auch nach hinten losgehen kann. Die Leute versumpfen oder werden depressiv. Und niemand weiß, wie lange das noch so geht.“

Er ist sich auch durchaus bewusst, dass er und seine Soldaten sich in einer privilegierten Situation befinden, denn Job und Sold sind krisensicher. Kurzarbeit gibt es in der Welfenkaserne nicht. Ein Vorteil, wenn man sich in den Dienst des Staats gestellt hat.

Dass es sich bei der Welfen­kaserne aber nicht um einen Ponyhof handelt, wird spätestens dann klar, wenn das Thema „Auslandseinsätze“ auf den Tisch kommt: „Auch wir stellen Leute für Mali oder Afghanistan ab. Bevor die in den Flieger einsteigen und nachdem sie vor Ort gelandet sind, müssen sie je zwei Wochen in Quarantäne.“ Dann leisteten sie ihren Dienst, der bis zu sechs Monate dauern könne. „Und sobald sie hier wieder aus dem Flieger steigen, müssen sie erneut in häusliche Quarantäne.“ In Köln habe man extra ein Hotel angemietet, wo die Kameraden vor dem Abflug ins Einsatzland zwei Wochen „eingesperrt werden“. Personal, das sich im Einsatz infiziere, könne in Gebäuden an anderen Standorten untergebracht und betreut werden. Insgesamt seien diese Maßnahmen eine enorme psychische und physische Belastung für die Frauen und Männer im Auslandseinsatz.

Insgesamt ist Hauptmann Bechtold zuversichtlich, dass er „seinen Standort“ sicher durch die Krise steuern wird. Für Demonstrationen und Verweigerung der Maßnahmen hat er nur wenig Verständnis: „Ich begreife nicht, was in den Köpfen der Menschen vor sich geht, die nun auf alle Regeln pfeifen und sich in großen Gruppen versammeln. Ich möchte nicht, dass wir die Lockerungen wieder rückgängig machen müssen.“
Dietrich Limper

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