Wenn die Postbank zweimal rechnet

Weltwirtschaftsinstitut ermittelt Pendelkosten von Landsberg - und scheitert an Google

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Der Bahnhof Landsberg ist kein guter Ort, um nach München zu kommen – meint die Postbank in ihrem Wohnatlas 2020.

Landsberg – Eigentlich war es ja eine gute Nachricht, zumindest für diejenigen, die Zuzug aus München nicht gerade begrüßen. Wer in der Landeshauptstadt arbeitet, dort wegen der hohen Preise aber kein Eigentum erwerben möchte, sollte nicht nach Landsberg ausweichen. Der Grund: Die Verbindung mit den öffentlichen Verkehrsmitteln ist in 28 anderen Münchener Umlandgemeinden besser. Das steht im neuen „Postbank Wohnatlas 2020“. Die Berechnung hat das renommierte Hamburger Weltwirtschaftsinstitut (HWWI) erstellt. Aber eine Recherche des KREISBOTEN zeigt: Die Wissenschaftler haben falsche Daten zugrunde gelegt. Sie scheiterten an Google.

„Rund um München: Wo sich der Immobilienkauf für Pendler lohnt“ heißt die Überschrift einer Pressemitteilung der Postbank. „Experten berechnen Pendelkosten für das Umland der bayerischen Landeshauptstadt“, steht im Untertitel. Die Grundidee: Viele Arbeitnehmer, die in der Landeshauptstadt arbeiten, suchen Wohnungen oder Häuser außerhalb. Aber sie sollten vorher die Fahrtzeit und auch die Fahrtkosten ermitteln. „Das HWWI hat für die Postbank eine Modellrechnung entwickelt, mit der sich diese Pendelkosten beziffern lassen. Der Postbank Wohnatlas 2020 zeigt, wann die Ausgaben den Kostenvorteil beim Immobilienkauf aufgezehrt haben.“

Und das ist in Landsberg nach Berechnung der Analysten bei Nutzung der Deutschen Bahn relativ früh der Fall, schon nach 16,3 Jahren. Will heißen: Zwar ist es 16,3 Jahre lang günstiger, in Landsberg Wohneigentum zu nutzen als in München. Danach aber gilt das Gegenteil; die Rechnung schlägt um. Das sind keine guten Zahlen für aktuelle Pendler – da wären sie vielleicht doch besser in München geblieben. 28 Gemeinden haben weitaus bessere Werte. Wer beispielsweise nach Dachau zieht, müsste 63 Jahre dort wohnen, bevor er den Umzug bereut. Das ist doch ein Wort.

Zehn Jahre Unterschied

Solche rechnerisch ermittelten Hierarchien muss man nicht unbedingt ernst nehmen – sie berücksichtigen vor allem keine „weichen“ Faktoren wie die Lebensqualität einer Stadt und den Freizeitwert einer Region. Dennoch will auch der KREISBOTE mit einer Interesse weckenden Überschrift auf die Studie hinweisen. Zur Auswahl stehen „Weltwirtschaftsinstitut rät von Landsberg ab“, „Nach 16 Jahren kommt die Reue“ oder „Pendeln bis zum Umzugsschmerz“.

Doch schon bald fällt der Redaktion etwas auf. In Kaufering muss man sich erst nach 26,4 Jahren ärgern, dorthin gezogen und mit öffentlichen Verkehrsmitteln nach München gependelt zu sein. Der KREISBOTE wendet sich daher an die Pressestelle der Postbank mit der Bitte um eine Erklärung: Kaufering und Landsberg grenzen aneinander an. Woher kommt der Zehn-Jahre-Unterschied? Wieso bietet Kaufering so viel mehr Pendlerglück? Oder liegt da ein Fehler vor?

Pressesprecher Hartmut S. meldet sich schnell. Seine Nachfrage beim Hamburger Weltwirtschaftsinstitut habe ergeben, dass die Zahlen „so richtig“ sind. Denn von Kaufering nach München fahre man mit dem Zug zwischen 37 und 44 Minuten. Die Fahrtzeit Landsberg-Kaufering-München betrage hingegen 74 Minuten, habe das Institut ermittelt. Das seien 30 bis 37 Minuten mehr als von Kaufering.

Wir reiben uns die Augen. „Das ist aber sehr merkwürdig“, antworten wir. Die Fahrzeit von Kaufering nach München sei zwar korrekt angegeben. Die Fahrt von Landsberg nach München dauere aber nur 10 bis 12 Minuten länger, schreiben wir und fügen vorsichtshalber von www.bahn.de einen aktuellen Fahrplanausdruck bei. Man könne natürlich auch mit dem Bus zum Bahnhof Kaufering fahren, was vor allem für Bürger infrage käme, die nicht in der Innenstadt wohnen. Aber das Weltwirtschaftsinstitut hatte ausdrücklich darauf hingewiesen, die Messung sei vom Zentrum der jeweiligen Stadt aus erfolgt.

Nicht aufgeführt

Die daraufhin folgende letzte E-Mail aus der Pressestelle der Postbank erstaunt uns dann sehr. Nun meldet sich Anna A. bei uns, der Signatur zufolge „Praktikantin“ in der Pressestelle. Sie schickt uns die weitere Antwort des Hamburger Weltwirtschaftsinstituts. Sie lautet: „Für die Fahrtzeitermittlung wurde als Quelle Google Maps genutzt. Hier werden diese Bahnverbindungen merkwürdigerweise nicht aufgeführt.“

Was sagt nochmal das HWWI über sich? „Wir identifizieren die Zukunftsfragen einer globalen Gesellschaft und analysieren relevante sozio-ökonomische Zusammenhänge. Im Zentrum unserer Arbeit stehen der Transfer aus Wissenschaft und Forschung in die Praxis von Wirtschaft und Politik“. Klingt gut, aber mit dem Blick in den Bahnfahrplan waren die Forscher offenbar überfordert.

Und die Postbank? Sie gibt „jeden Tag und überall das Beste“ für ihre Kunden. Sie ist „einzigartig“ und „ambitioniert“, schreibt sie auf ihrer Website. Aber die Zahlen des HWWI kritisch zu überprüfen, bevor man sie zum Bestandteil des eigenen „Wohn­atlas“ macht, hat man offenbar nicht geschafft.

„Nutze Originalquellen“ lautet einer der Grundsätze wissenschaftlicher und auch journalistischer Arbeit. Der KREISBOTE ist jedenfalls noch nie auf die Idee gekommen, eine Bahnverbindung über Google zu ermitteln. Deswegen ist wohl bisher noch keinem Journalisten aufgefallen, dass die Verbindungsangaben bei Google tatsächlich falsch sind. Fährt man in Landsberg um 07:46 Uhr los, kommt man laut Bahn um 08:40 Uhr in München an, laut Google aber erst um 09:06 Uhr.

Guter Kompromiss

Immerhin hat das Hamburger Weltwirtschaftsinstitut nun exklusiv für den KREISBOTEN errechnet, dass man sich in Landsberg erst nach 21,4 Jahren ärgern muss, von hier aus gependelt zu sein. Das ist ein guter Kompromiss. Nicht zu kurz für diejenigen, die schon von Landsberg nach München unterwegs sind. Aber auch nicht lang genug, um weiteren Zuzug nahe zu legen. Wenn die Postbank zweimal rechnet, kommt manchmal Besseres heraus als zuvor gedacht.
Werner Lauff

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