Sterbebegleitung am Telefon

Wenn Nähe nicht mehr geht: Wie Hospizbegleiter in der Coronakrise arbeiten

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Koordinatorinnentreffen beim Hospiz- und Palliativverein Landsberg: (von links) Tina Dengel, Ruth Loose und Heidi Gampel.

Landkreis – Menschen auf ihrem Weg in den Tod und ihre Angehörigen möchten mit ihren Fragen und Sorgen nicht alleine gelassen werden. Aufgrund der Corona-Pandemie können aber derzeit viele schwerkranke oder sterbende Patienten nicht besucht werden. Die wichtige Zeit des Abschiednehmens und der Begleitung ist damit stark eingeschränkt oder teilweise gar nicht möglich. Nur der engste Familienkreis ist derzeit involviert. Was damit in der Coronakrise verloren geht, ist vieles, was das Wesen der Hospiz-Philosophie ausmacht.

Füreinander da sein – im Leben und im Sterben: So lautet das Leitbild des Hospiz- und Palliativvereins Landsberg am Lech (HPV). Der landkreisweit tätige Verein hat es sich zum Ziel gesetzt, schwerstkranken und sterbenden Menschen die bestmögliche Lebensqualität in ihrer gewohnten Umgebung zu erhalten. 90 ehrenamtlich engagierte Männer und Frauen widmen sich in ihrer Freizeit der Hospizbegleitung. Begleitungen finden ambulant statt – zu Hause, im Pflegeheim oder im Krankenhaus. Wichtig dabei ist, den Sterbenden ein menschenwürdiges und selbstbestimmtes Leben bis zuletzt zu ermöglichen.

Begleitung eingestellt

Hospizbegleiter geben den Patienten Zuwendung und Beistand. Sie hören ihnen zu oder schweigen gemeinsam, sie spenden Trost, sie lesen vor oder hören gemeinsam Musik. Sie unterstützen bei der Regelung der letzten Dinge und stehen beim bevorstehenden Abschied bei. Sie entlasten die Angehörigen. Das sind wichtige Aufgaben. Aber jetzt, in der Coronakrise, ist alles anders.

„Zum Schutz der eigenen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sowie der Ehrenamtlichen und natürlich zum Schutz unserer Patienten haben wir die persönliche Begleitung komplett eingestellt“, sagt Roswitha Schmidbaur, Vorstandsmitglied und zuständig für die Öffentlichkeitsarbeit des HPV. Viele Hospizbegleiter seien selber schon in einem Alter, das sie zur Risikogruppe zählen lässt. Die gesetzten Restriktionen lassen zudem keine Besuche zu. Anfragen für Hospizbegleitungen aus den Pflegeeinrichtigungen sind derzeit nicht möglich.

Dabei lebt die hospizliche Arbeit davon, Zuwendung und Nähe zu geben. Diese physische Nähe, persönliche, tröstende Gespräche fehlen. Die Begleitung sterbender Menschen ist aber nur schwer auf Distanz und ohne Gefühle realisierbar. Nun geht es darum, trotz der physischen Trennung emotionaler Verbundenheit Ausdruck verleihen zu können. Dies geschieht meist in Form von Telefonaten. Aber auch Briefe oder Postkarten werden geschickt – das ist manchmal wichtig, damit die Menschen etwas in den Händen halten. Zum Teil wird sogar gefensterlt – Gespräche von Gehweg zu Fenster.

Hospizbegleiter lesen ihren Patienten Geschichten am Telefon vor. Oder sie reden einfach nur mit ihnen, hören sich ihre Sorgen an. Viele brauchen einfach eine Ansprache. Jemanden, dem sie mitteilen können, wie es ihnen geht in ihrer letzten Lebensphase. Dieses Dasein am Telefon ist jedoch nur bei Patienten möglich, bei denen die Begleitung schon vor der Ausgangsbeschränkung begonnen hat. Neue Patienten können derzeit nicht angenommen werden. Das erfordere einen Erstbesuch durch eine Koordinatorin, der gerade nicht durchgeführt werden könne, so Schmidbaur.

Anders präsent sein

Durch bisherige, über einen längeren Zeitraum durchgeführte, Begleitungen seien Vertrauenssituationen entstanden, erzählt eine ehrenamtliche Hospizbegleiterin: „Ich versuche zu vermitteln, dass ich auch in einer anderen Form präsent sein kann – etwa in einer geistigen Verbundenheit.“ Das werde gespürt.

„Meine letzte Begleitung erfolgte Mitte März“, berichtet sie weiter. „Danach durften nur noch Tochter und Schwiegersohn den Patienten besuchen. Sie waren jedoch überfordert, wussten nicht, wie sie damit umgehen sollten. Ich habe ihnen telefonisch geholfen, die Situation zu verstehen.“ Diese virtuelle, telefonische Begleitung könne zwar den persönlichen Kontakt nicht ersetzen, sei aber dennoch wichtig. „Auch, wenn wir körperlich nicht präsent sind, sind wir trotzdem für die Sterbenden und ihre Angehörigen da.“ Diese Hilfe werde auch dankbar angenommen.

Skypen wäre dabei auch hilfreich. Denn der Mensch ist visuell geprägt – Kommunikation ist einfacher, wenn gesehen wird. Die Verbindung Bild und Bewegung ist noch mal wichtiger. Schließlich kann man auch nonverbal kommunizieren – was über das Telefon nicht möglich ist.

Auch beim HPV können sich Angehörige telefonischen Rat einholen. „Das Büro ist besetzt und unsere Koordinatorinnen sind geschulte Gesprächspartner“, betont Schmidbaur. Mit Neuen Medien werde hier eher selten gearbeitet. Im Kontakt mit den sterbenden Patienten bisher noch gar nicht – zum einen deshalb, weil die Menschen zum großen Teil ein Alter haben, in dem sie nicht mehr technikaffin sind und eine gewisse Scheu davor haben. Zum anderen, weil sie es einfach aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr können. „Einige Kolleginnen und Kollegen beraten jedoch via Skype Angehörige zu Vorsorgevollmachten und Patientenverfügungen, so Schmidbaur.

Es tut in der Seele weh

„Wir alle hier finden die Lage sehr dramatisch“, sagt Schmidbaur. „Für uns ist es unsäglich, dass die Menschen jetzt allein gelassen werden müssen – das widerspricht unserer Philosophie und Ideologie des ‚Füreinanderdaseins’. Unsere Kernaufgabe ist die physische Begleitung. Und die können wir gerade nicht durchführen.“ Eine tragische Situation – auch für die Trauerbegleitung und die Verabschiedungsrituale. Auch hier können sich die Menschen nur per Telefon professionellen Rat einholen.

Der psychische Zustand der Patienten wird durch länger andauernde Kontaktbeschränkungen und dadurch zunehmende Isolation immer schlechter. In dem Bewusstsein zu sterben ist das Bedürfnis nach Nähe und Ansprache noch viel stärker als sonst. Jede Umarmung, jeder Körperkontakt tut gut. „Das Wertgeschätzt-Werden und in Würde diese letzte Phase zu erleben ist von großer Bedeutung – für mich das Wesentliche unserer Arbeit. Aber leider in dieser Form jetzt nicht möglich“, sagt Schmidbaur.

Ein Hospizbegleiter habe im Erleben der letzten Phase eines Menschen eine andere Positionierung als ein Angehöriger, erklärt sie. Er besitze eine große Empathie, lasse sich ohne Vorbehalt auf einen komplett neuen Menschen ein. Jede Begleitung sei anders und müsse erspürt werden. Es sei manchmal unglaublich, was zum Schluss für Gespräche aufkommen. Themen, die mit Angehörigen vielleicht nie besprochen werden. „So wird dem Sterbenden viel Leid genommen, es entsteht eine Versöhntheit, eine Ruhe im Sterben. Das ist eine Chance für diese Menschen – die sie in der jetzigen Corona-Phase nicht mehr nutzen können,“ bedauert Schmidbaur.

Diese Isolation, die die Menschen jetzt durchleiden müssen, tue allen in der Seele weh. Trotzdem würden alle die getroffenen Regelungen akzeptieren und sich daran halten.„Was vorbei ist, ist vorbei. Das können wir nicht aufholen“, sagt Schmidbaur traurig. „Die Menschen, die jetzt allein verstorben sind – für die konnten wir nicht mehr da sein. Wir werden sie aber in unserer Gedenkfeier aufnehmen.“

Corona werde jedoch nicht mit einem Schlag beendet sein, meint sie. „Das wird uns noch länger verfolgen, als wir im Moment abschätzen können. Ich könnte mir vorstellen, dass wir zukünftig andere Auflagen einhalten müssen, etwa das Tragen von Gesichtsmasken und Handschuhen.“ Wenn zwei Drittel des Gesichtes mit Maske verdeckt sind, müsse man jedoch schon eine sehr gute Augenmimik haben, um den Kontakt, der erwünscht ist, herzustellen. Und wenn Handschuhe zu tragen seien, fehle die körperliche Wärme der Hand.

Dennoch hoffe sie inständig, dass sich die Begleitungen bald wieder fortsetzen, sodass diese Menschen wieder besucht werden können. Dass die Hospizbegleiter ihre Arbeit vielleicht in nicht ganz gewohnter, aber professioneller Weise fortsetzen können. Dass auch ein persönliches ‚Füreinander Dasein’ wieder möglich ist.
Andrea Schmelzle

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