Kleinkunstbühne s‘Maximilianeum

Koczwara in Landsberg: Die Spezies mit den langen Armen

Werner Koczwara im Stadttheater Landsberg
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Juristen erkennt man an den langen Armen – die durch das Tragen der einschlägigen Gesetzestext-Wälzer entstehen, wie Kabarettist Werner Koczwara im Stadttheater zeigte.

Landsberg – Juristendeutsch ist ein Fall für Detailversessene ohne Sprachgefühl. Wenn neben Substantivierungen und Ausschweifungen überhaupt Verben auftauchen, dann nur im Passiv. Schwer lesbar und erst recht scher verständlich, vor allem, wenn Schachtelsätze Satzanfang und Satzende gefühlte Kilometer auseinanderziehen. Ein Phänomen, das Kabarettist Werner Koczwara „sprachliche Kontinentalverschiebungstheorie“ nennt. Die natürlich im Jura stattfand. Aber nicht nur die äußere Form, auch die Gesetzes-Inhalte sind reichlich absurd. Was der 63-Jährige in seinem immer wieder aktualisierten Programm „Am Anfang schuf Gott den Rechtsanwalt“ seit 20 Jahren beweist. Am Samstagabend auch im Stadttheater.

Die Bücher auf Koczwaras Bühnentisch sind schwer. Wie schwer, hat der Kabarettist geprüft: 2.385 Gramm bringt der ‚Schönfelder‘ – die aktuelle Textsammlung der Deutschen Gesetze – auf die Waage. Mit dem Geschwisterchen „Sartorius“ – ebenfalls knappe zweieinhalb Kilo – in der anderen Hand können die Juristen-Arme schon mal lang werden. Ein deutliches Erkennungsmerkmal dieser Spezies, schenkt man dem schwäbelnden Kabarett-Urgestein Glauben. Ein weiteres Kennzeichen des Juristen: seine Ausdrucksweise. Oder wie Koczwara in Bezug auf das BGB sagt: „Vergessen Sie alles, was Sie über Sprache wissen.“

Eigentlich solle der Gesetzgeber denken wie ein Philosoph, aber reden wie ein Bauer, zitiert der Kabarettist einen deutschen Rechtswissenschaftler des 19. Jahrhunderts. „Seither warten die Juristen, dass die Bauern komplexer sprechen.“

Wobei die Jura-gedrechselten Formulierungen Unmengen an Komik bergen. Da werden Grenzsteine gerne mal „verrückt“ – Koczwara schiebt sie in die Abteilung „psychiatrische Grenzfälle“. Oder Menschen, denen beide Beine amputiert werden mussten, entwickeln sich juristisch zum „Ohnbeiner“, sprachlich ein „Schmuckstück atemberaubender Schönheit“, findet der in Schwäbisch Gmünd geborene Kabarettist. Dieser Ohnbeiner trete dabei im Verkehrsrecht auf – „oder eben gerade nicht“.

Neben der Wortkomik birgt Jura auch inhaltlich viel Absurditäten. Dass Rasenmähen nach 22 Uhr nicht mehr gestattet ist. Und dabei würde man doch so gerne in absoluter Finsternis endlich mal das Blumenbeet niedermetzeln. Dass Denkmäler „ornithologische Schutzzonen“ sind, weil Vögel dort nicht geschossen werden dürfen. „Auch schlafende Vögel dürfen Sie laut Gesetz nicht schießen“, konkretisiert Koczwara. Und wenn man einem Polizisten den Vogel zeigt, bitte immer mit zwei Fingern gegen die Stirn tippen. „Mit einem kostet Sie das 700 Euro.“

Auch die eingereichten Klagen bieten Stoff zur Komik, insbesondere bei Urlaubsreisen. Wenn die Erdkundelehrerin wegen eines zu schnellen Sonnenuntergangs auf Mauritius klagt, der ihr die Romantik versemmelt. Oder der gebuchte Abenteuerurlaub zu wenig Lebensgefahr birgt. Generell sei die Welt wohl von Termiten, Ameisen und Kakerlaken überflutet, vermutet Koczwara. „Und die Riesenspinne aus ‚Tarantula‘ lebt immer noch.“

Die gefällten Urteile kommen ebenfalls unter den Hammer. Und offenbaren ungemeine Poesie. Zum Beispiel, dass es 35 Prozent Erstattung für Hotelzimmer gibt, wenn es dort stinkt wie ein „feuchtes Frettchen oder stehengelassenes Katzenfutter an schwülen Tagen.“

Was Koczwara auf die Bühne bringt, ist äußerst kurzweilig. Ein wenig mehr Schärfe wäre aber wünschenswert. Schließlich handelte sich der Baden-Württemberger vor einigen Jahren wegen seines Vergleichs von Seescheiden und Beamten (erstere fressen ihr Gehirn, sobald sie sesshaft geworden sind) eine Beleidigungsklage ein. Wegen seiner Hiebe gegen die katholische Kirche im Programm „Wenn die Keuschheit im Bordell verpufft“ bekam er Morddrohungen. Und schon 1986, zwei Jahre nach seinem ersten Schritt auf die Kabarettbühne, hatte der Politik- und Publizistikstudent gar ein ‚Lindenstraßen-Erlebnis‘, als sich der Bayerische Rundfunk bei seinem Text „Verstrahlter Großvater“ aus dem „Scheibenwischer“ abschaltete. Diese Schärfe suchte das Publikum im mit knapp 80 Plätzen ausverkauften Theatersaal vergeblich. Was einem äußerst vergnüglichen Abend aber nicht im Wege stand.

ks

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