"Wie Sklaven gehalten"

Sie lockten junge Frauen aus Rumänien nach Deutschland – mit dem Versprechen, sie könnten hier der Beruf der medizinischen Masseurin erlernen und gut verdienen. Stattdessen fanden sich die Mädchen in Etablissements wieder, die „Oase für Bodymassage“ und „Victoria’s Massage-Lounge“ hießen und mit medizinischen Anwendungen rein gar nichts zu tun hatten. Ohne ein Wort Deutsch zu sprechen, ohne zu wissen, in welcher Stadt sie sich befanden, eingeschüchtert und angeekelt, wurden die 18 bis 28 Jahre alten Frauen zu Zwangsprostituierten. Die vier Drahtzieher, zwei Männer und zwei Frauen, standen jetzt wegen schweren Menschenhandels und Zuhälterei vor dem Landgericht Augsburg.

Begonnen hatte alles im Jahr 2007. Der 53-jährige Hauptangeklagte (Verteidiger: Norbert Dotterweich) mit Wohnsitz im nordöstlichen Landkreis Landsberg verkaufte zu dieser Zeit für eine deutsche Firma Hörgeräte nach Rumänien. Dort tat er junge Frauen aus ärmlichen Verhältnissen auf und brachte sie nach Deutschland, wo er hinter den Fassaden harmloser Wohnhäuser eine straff organisierte Kette von illegalen Bordellen betrieb. Eines davon befand sich in der Donnersberger Straße in Kaufering, weitere in Fürstenfeldbruck, Augsburg, Untermeitingen, Memmingen sowie in mehreren Städten in Baden-Württemberg sowie in Thüringen. Die jungen Frauen wurden „mehr oder weniger wie Sklaven gehalten“, so Richter Karl-Heinz Häusler, Vorsitzender der 3. Strafkammer des Landgerichts. Arbeiten mussten sie an sieben Tagen in der Woche, von 9 bis 22 Uhr. Die Mädchen durften die Wohnungen nicht verlassen und die Tür nur öffnen, wenn ein zuvor angekündigter Kunde klingelte. Sie mussten eine Reihe exakt definierter Dienstleistungen anbieten – der Renner war offenbar die „Ganzkörpermassage mit Handentspannung“, eine Stunde für 90 Euro. Kein Freier durfte abgelehnt werden. Zur Qualitätskontrolle schickten die Betreiber gelegentlich Testkunden vorbei. Es gab auch ein e-Mail-Postfach für Beschwerden. Der Hauptangeklagte erschien unangemeldet, um zwei Drittel der Einnahmen zu kassieren. Alle ein, zwei Wochen fuhr er die Frauen in eine andere Filiale, um überall ständig neue Gesichter präsentieren zu können. „Sie wurden hin- und hergeschoben wie in einem Roulette“, sagte Staatsanwältin Tanja Horvath, „es war ein menschenverachtendes Unternehmen.“ In der Nähe des Klosters Zwei 18 und 20 Jahre alte Frauen wurden auch noch von dem 53-Jährigen selbst missbraucht. Er zwang sie in seinem Privathaus und weiterhin in seinem Auto auf einem Feldweg in der Nähe des Klosters St. Ottilien zu intimen Massagen. Deshalb wurde dem gelernten Elektrotechniker zusätzlich zu Men­- schenhandel und Zuhälterei auch Vergewaltigung, schwere Nötigung und Körperverletzung vorgeworfen. Mitangeklagt war seine Ex-Frau, eine 44-jährige Mannheimerin, die per Telefon die Freier vermittelt hatte (Verteidiger: Hermann Kühn). Im Jahr 2010 stiegen außerdem ein 32-jähriger Rumäne (Verteidigerin: Cornelia McCready) und seine 28-jährige Lebensgefährtin (Verteidiger: Werner Ruisinger) als Juniorpartner in das Unternehmen ein. Die 28-Jährige hatte zuvor selbst in den Massagestudios gearbeitet. Sie habe trotz eines Bachelorgrades in Management in Deutschland keinen adäquaten Job gefunden, sagte sie aus. Vor dem Landgericht bot die 28-Jährige ein Bild des Jammers. Klein und zierlich, weiße Bluse, die hellblonde Tönung nach sieben Monaten Untersuchungshaft ein gutes Stück aus ihrem langen Haar herausgewachsen, saß sie tränenüberströmt auf der Anklagebank. Auch die übrigen Angeklagten zeigten sich sichtlich bewegt. Alle vier legten Geständnisse ab und bekundeten Einsicht und Reue. Den Opfern, deren Interessen Nebenklagevertreterin Marion Zech wahrnahm, ersparten sie dadurch den Auftritt vor Gericht. Unter der Höchststrafe Die Strafkammer honorierte das, indem sie deutlich unter den möglichen Höchststrafen blieb. Der 53-Jährige muss für sechs Jahre und neun Monate ins Gefängnis, der 32-Jährige und die 28-Jährige für jeweils drei Jahre und sechs Monate. Die Ex-Frau des Hauptangeklagten erhielt zwei Jahre auf Bewährung und durfte das Landgericht Augsburg auf freiem Fuß verlassen. Im Rahmen des Täter-Opfer-Ausgleichs werden die Verurteilten außerdem 10000 Euro Schmerzensgeld an zwei der jungen Rumäninnen zahlen.

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