Wie im Wilden Westen

Aus dem Fenster einer Wohnung im Landsberger Osten fallen Schüsse auf Mauerwerk und Verkehrsschilder. Eine Kugel prallt ab und trifft einen VW Polo. Entsetzte Passanten, die die Attacke beobachten, alarmieren die Polizei. Sieben Beamte in schusssicheren Westen rücken daraufhin an, klingeln an der Wohnungstür – und stehen den Schützen gegenüber: zwei an sich harmlosen jungen Männern, 15 und 20 Jahre alt. Ihr Motiv ist banal: Langeweile. In der vergangene Woche standen die beiden Täter nun am Landsberger Amtsgericht vor dem Jugendrichter.

„Wir haben uns nichts weiter dabei gedacht, es war bloß Unterhaltung für uns“, sagte der 20-Jährige reumütig. Ihm gehörte die Waffe, eine Luftdruckpistole, er hatte sie Jahre zuvor geschenkt bekommen „und seitdem eigentlich nur gelagert“. Dann begann er gemeinsam mit einem 15-jährigen Freund, Schießübungen im Wohnzimmer zu machen. Die beiden, die im gleichen Mietshaus wohnen, feuerten dabei auf selbstgemalte Zielscheiben. Anfang März diesen Jahres kamen die beiden schließlich auf die Idee, sich noch andere Ziele zu suchen. Aus dem Fenster schossen sie mit ihrer Handfeuerwaffe auf Verkehrszeichen, Bäume und die Mauern nahe gelegener Häuser. „Wir haben darauf geachtet, dass keine Leute in der Nähe waren“, beteuerte der 20-jährige Angeklagte. Er lebt allein in seiner eigenen Wohnung, geht einer Ausbildung in der Metallbranche nach und machte insofern auf das Gericht einen deutlich besseren Eindruck als sein 15-jähriger Mitangeklagter. Schlechte Aussichten Dessen Weg sei „vorprogrammiert“, wenn sich nichts ändere, warnte Richter Kessler. Der Jugendliche verließ die Hauptschule ohne Abschluss, hat keine Hobbies oder Interessen, dafür aber oft Langeweile und verbringt viel Zeit mit Kumpels beim ausufernden Alkoholgenuss am Lechufer. Wegen einer Sachbeschädigung in einer Tiefgarage – begangen in betrunkenem Zustand – hat er derzeit noch ein weiteres Verfahren am Hals. „Sie haben einfach viel zu viel Zeit“, kritisierte Kessler. „Ein 15-Jähriger ohne Hobbies, das ist doch ein Armutszeugnis.“ Mehr als „bedenklich“ fand auch Rob van der Flies von der Jugendgerichtshilfe diese Entwicklung, zumal der Jugendliche selbst seinen hohen Alkoholkonsum herunterspielt und nicht als gravierendes Problem empfindet. Sport als Strafe „Wenn ich ein amerikanischer Richter wäre, würde ich Sie dazu verurteilen, dreimal in der Woche zum Sport zu gehen“, sagte Staatsanwalt Thomas Weith zu dem 15-Jährigen. Da das deutsche Strafrecht derartige Erziehungsmaßnahmen jedoch nicht vorsieht, sprach Kessler den beiden Schützen nur eine Verwarnung aus und verurteilte sie zu je 40 Stunden gemeinnütziger Arbeit. Dem Jüngeren wurde außerdem aufgegeben, an fünf Alkoholberatungsgesprächen der Caritas teilzunehmen.

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