Schafe für die Artenvielfalt

Der Windacher Schafzüchter Stephan Graf und seine Coburger Füchse

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Der Windacher Stephan Graf züchtet Schafe nur im Nebenerwerb – das aber mit Leib und Seele.

Windach – Wenn Stephan Graf in den ersten Frühlingswochen morgens zu seinen Schafen kommt, ist er gespannt. Und ein bisschen aufgeregt. Jeden Tag kann sich ihre Zahl geändert haben, denn jetzt ist Lammzeit in der Windach-Au. Im besten Fall steht wieder ein hübsches, gesundes Lämmchen neben seiner Mutter in einem abgetrennten Bereich des Stalls, der sogenannten Ablammbucht. Während der Lammzeit wächst die Herde um zwei bis drei Tiere täglich.

„Es gibt ein Schäfer-Sprichwort: Lammzeit ist Erntezeit“, erzählt Graf. „Und das stimmt hundertprozentig.“ In diesen Tagen entscheidet sich der Zuchterfolg. Sind die Lämmer gesund? Werden sie von ihren Müttern angenommen? Die kritische Phase dauert ein bis zwei Tage, danach geht meistens nichts mehr schief. Bei Stephan Graf ist es gut gelaufen in diesem Jahr. Es ist ein schon ein richtiger Kindergarten, was da zwischen den Mutterschafen durch den Stall tobt. Niedliche weiße, braune und schwarze Lämmer rennen, springen, balgen sich. „Da könnte ich stundenlang zuschauen“, sagt der Züchter. „Das ist Lebensfreude pur.“

Sobald die Weiden nahrhaft genug sind, können die Lämmer draußen herumspringen. Dann darf die Herde hinaus ins Freie. Einige der Schafe können es schon beim KREISBOTEN-Besuch nicht mehr erwarten. Als versehentlich ein Gatter aufspringt, strömen sie begeistert hinaus in die Sonne. Als Mensch hätte man absolut keine Chance, die Tiere aufzuhalten. Aber die beiden Hüte-Hündinnen Luna und Sunny sind sofort zur Stelle und treiben die Ausreißer zurück in den Stall. Graf hat den Border Collie und den Schafpudel – eine selten gewordene altdeutsche Hütehunderasse – selbst ausgebildet

Gut im Fell, aber vom Aussterben bedroht: das Coburger Fuchsschaf.

Schafe hat der 42-Jährige schon, seit er 14 ist. In der elter­lichen Landwirtschaft wurde damals die Rinderhaltung eingestellt. „Wenn man gewohnt ist, dass Tiere auf dem Hof sind, fehlt einem etwas.“ Heute hat er 70 Mutterschafe der Rasse Coburger Fuchs. Sogenannte Easy-Care-Schafe sind das, eine genügsame Rasse also, die vergleichsweise wenig Arbeit macht. Während der Lammzeit verbringen Graf und sein Vater zwar morgens und abends Stunden bei den Schafen, ansonsten jedoch ist der Aufwand gering.

Noch etwas ist bemerkenswert am Coburger Fuchsschaf: Es ist eine gefährdete Nutztierrasse. Sie ist inzwischen so selten, dass sie vom Aussterben bedroht ist. Deshalb wird für jedes eingetragene Zuchttier eine Prämie von 25 Euro gezahlt. Viel mehr als eine Anerkennung ist das aber nicht. Um die Rasse nachhaltig zu stützen, müsste sich das Lammfleisch besser vermarkten lassen und höhere Preise erzielen. Doch in Deutschland wird traditionell wenig Lamm gegessen, Vorurteile gegenüber dem Geschmack halten sich hartnäckig. Dass das zarte, milde Fleisch der einige Monate alten Lämmer nicht nur lecker ist, sondern auch noch ein wertvolles Lebensmittel mit wenig Fett, vielen Vitaminen, Mineralstoffen und Eiweiß – diese Erkenntnis setzt sich nur langsam durch.

Letztes Jahr ist Stephan Graf sein regionales Produkt kaum losgeworden, weil Lammfleisch­importe aus dem Ausland den Markt überschwemmten. „2019 war das schlechteste Jahr überhaupt.“ Im Sommer kam der Punkt, an dem Metzger den Schäfern schlicht nichts mehr abkauften.

Gutgemeinte Ratschläge, er möge doch selbst vermarkten, quittiert Graf mit einem müden Lächeln. Der Geoinformatiker betreibt Schafhaltung und Ackerbau nur als Nebenerwerb. Wie soll er sich da zusätzlich zu seinem Hauptberuf und der Landwirtschaft auch noch ums Schlachten kümmern, halbe Tage auf Bauernmärkten stehen oder einen Hofladen betreiben? „Mein Tag hat auch nur 24 Stunden“, sagt der Vater zweier Kinder. Seine Familie muss schon jetzt oft genug auf ihn verzichten. „Die Situation ist frustrierend. Deshalb hören auch viele Schafzüchter auf.“

Weniger Schafe

Das bestätigen offizielle Zahlen vom Bayerischen Landesamt für Statistik. Demnach nimmt der Schafbestand im Freistaat seit Jahren ab. Noch im Jahr 2011 wurden 2.400 Schafhaltungen mit insgesamt 284.100 Tieren gezählt. Seitdem ist die Zahl der Schafe um 7,7 Prozent gesunken, die Zahl der Haltungen sogar um 16,3 Prozent. Im vergangenen Jahr hielten 2.000 Betriebe zusammen 262.000 Schafe. Erfasst werden in der Statistik Haltungen mit 20 oder mehr Tieren.

Der Rückgang ist durchaus ein Problem. Denn Schafe spielen eine Rolle im Naturschutz. „Das Haupteinkommen bei der Schafhaltung ist die Landschaftspflege“, erklärt Stephan Graf. Seine Tiere beweiden im Rahmen des Vertragsnaturschutzes Flächen, die dem Landkreis Landsberg oder der Gemeinde Windach gehören, meist artenreiches Grünland, zum Beispiel Streuobstwiesen oder das Gelände von Freiflächen-Photovoltaikanlagen. „Es sind Flächen, wo kein Rind laufen und kein Bulldog fahren kann“, erklärt Graf. „Schafbeweidung ist das beste für die Artenvielfalt.“

Die Wolle seiner rötlich-braunen Coburger Füchse verkauft der Züchter für einen Euro pro Kilo an eine Genossenschaft namens Goldenes Vlies. „Das ist nicht viel, deckt aber die laufenden Kosten.“ Einige der Tiere sind bereits geschoren, die Wolle mit ihrem goldenen Schimmer wartet in großen Säcken auf den Abtransport.

Ein paar schwarze Schafe gibt es auch in der Herde. Sie gehören zur niederländischen Rasse Zwartbles. Die Tiere mit der weißen Blesse und zwei weißen „Socken“ an den Hinterbei­nen sind die Lieblinge von Stephan Grafs Kindern. Sie sind gern im Stall dabei – die nächster Schafzüchter-Generation wächst also schon heran. Ulrike Osman

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