Das Flimmern des Ammersees

"Der See und wir" im Blauen Haus in Dießen

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Großer Andrang bei der Vernissage zu „Der See und wir“ im Blauen Haus im Dießen.

Dießen – Es ist, als ob eine Woge das Auge flutet. Wellen von Blau, Grün, Weiß, die Farben des Wassers. Dazwischen ein Funkeln, sirrendes Licht an der Oberfläche oder Dunkel in Tiefblau. Das Element Wasser dominiert das Blaue Haus in Dießen: „Der See und wir“ aus der Serie „Biennale Blau Dießen“ präsentiert noch bis zum 17. November Ansichten von 41 Künstlern darüber, wie es ist, dieses Leben mit See. Was er mit einem macht und was man mit ihm macht. Unterschiedlichste An- und Aussichten laden ein: zum Vertiefen, Versinken, Treibenlassen. Am sicheren Ufer oder auf hoher See.

Lisa Rodrians „Seedschungel“, davor Trine Peschs „Luftikusse“, Schlingpflanzen aus Filz.

Zur Vernissage am Sonntag gleiten wahre Schwärme durch die Ausstellung. Kurzzeitig sind Schleusen blockiert, Passagen unmöglich. Hat sich genug Treibgut am Staupunkt gesammelt, bricht der Damm – es kann weitergehen mit der Begutachtung der über 70 Bilder und Skulpturen im Blauen Haus. In dem gleich noch ein Blaues Haus auf einer hohen Holzlatte thront: Leonhard Schlögels Skulptur – ein „Blaues Haus“ schwimmend über dem Nichts. Schwebend Ulrike Schroeters „Segel“ aus Alabaster, an den Spitzen fast transparent: ein Steinsegel, das im Wind zu flattern scheint. Am Kopfende schimmert Algengestrüpp: Lisa Rodrians Diptychon „Im Seedschungel“ erinnert an den Gang ins Wasser. Fast fühlt man den Schlick unter den Füßen glitschen. Passend davor Trine Peschs „Luftikusse“, Filzskulpturen wie Schlingpflanzen. Daneben lasierende Geometrie von Reinhard Giebelhausen, die an vom See geschliffenes Glas denken lässt. Auch Menschen sind Thema: Gudrun Daums „Isarflimmern“ zeigt Willy Michls „Wahnsinnshas“ als Nackerte auf dem Wasser, die Haut schimmernd. Oder Sybille Engels Kugelschreiber-Momentaufnahmen von „Menschen und all ihren Befindlichkeiten und Siebensachen“: Flip-Flops und Eis neben spielenden Kindern und bierbäuchigen Großen.

„Ich war begeistert von der Qualität der eingereichten Arbeiten!“ Kuratorin Dr. Karin Sagner ist von der Kreativität in Bezug auf ein Thema, die Vielfalt der Arbeiten beeindruckt. Die normalerweise an größeren Häuser tätige Kunsthistorikerin betont, dass sie die Auswahl der Werke gerne übernommen habe: „Man musste mich wirklich nicht überreden.“ Aber: „Es war schwer zu sagen, wer fällt raus, wer kommt rein“, gesteht sie. Kein Wunder, reichten doch über 80 Künstler ihre Arbeiten ein. Weshalb parallel zum Blauen Haus elf weitere Werke in der VR-Bank in der Herrenstraße zu sehen sind. Sie habe versucht, einen Ausgleich zu schaffen: in den Techniken – Malerei, Collage, Fotografie, Skulptur ¬–, von Künstlern und Künstlerinnen – es sind 17 Männer und 24 Frauen – und von Stilen. Gerne hätte sie mehr genommen. „Es war aber sicher gut, dass jemand von außen kuratiert hat.“ Entstanden sei eine „Hommage an den See, an die Gegend hier“. Für die zukünftigen ‚Blau-Ausstellungen‘ könne sie sich eine Reduzierung der Themenbreite durch Vorgabe eines Stils vorstellen. „Aber ich kann alle kommenden Kuratoren nur zu dieser Arbeit beglückwünschen. So viel Engagement wie in dieser Ausstellung wünscht man sich öfter.“

Die Organisatoren Elke Jordan, Christiane Graf und Gregor Netzer planen alle zwei Jahre eine Ausstellung in Dießen zum Thema „Blau“ – eine Biennale, immer mit einem anderen Kurator. Begonnen haben Graf und Christian Waal die ‚Blau-Serie‘ 2016, 2017 stellten sie „Blau II“ auf die Beine. Heuer startet die Teamarbeit mit Netzer aus Landsberg und Jordan aus Grafrath. Sozusagen ‚Dießen-übergreifend‘ – eine Zusammenarbeit, die Landrat Thomas Eichinger zu schätzen weiß: An der Ammersee-Westküste, insbesondere in Dießen, seien Künstler ja schon sehr lange ansässig. „Hier sind nun diese Dießener und Landsberger Künstler zusammengebracht.“ Auch Dießens Bürgermeister Herbert Kirsch zeigt sich angetan von der Nutzung des Gemeindeobjekts Blaues Haus: „So haben wir uns das vorgestellt.“

Übrigens, auch Objektkunst ist in der vielfältigen und spannenden Ausstellung „Der See und wir“ zu finden: Walter Frieseneggers „See(h)-Wasser“, ein Tragerl mit 20 Plastikflaschen, in ihnen „Seewasser, handgeschöpft“. Einige Vernissage-Gäste können nicht widerstehen. Zwei Flaschen werden gemopst, eine dritte ist irgendwann nur noch halbvoll. Friesenegger schmunzelt, als er es sieht. Beuys hat sicherlich lauthals gelacht.

Die Ausstellung ist noch bis zum 17. November täglich von 13 bis 18 Uhr, donnerstags und freitags bis 20 Uhr zu sehen.

Susanne Greiner

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