Marketingprodukt Mozart

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„Vergessen Sie Mozart!“ lautet der provokante Titel von Wolfgang Antesberger Buch. Der Chorist der Bayrischen Staatsoper las aus seinem Werk, umrahmt von Liedern aus Mozarts Zeit und einer anschließenden Diskussion mit dem Autor.

St. Ottilien – Am 27. Januar wäre er 260 Jahre alt geworden: Wolfgang Amadeus Mozart, das Genie der Klassik. Anlässlich dieses Datums holten die Benediktiner in St. Ottilien Wolfgang Antesberger samt seinem Buch „Vergessen Sie Mozart!“ zum Lesungs-Konzert und anschließender Diskussion in den Rittersaal. Der Autor und Chorist der Bayerischen Staatsoper ist überzeugt, dass man dem berühmten Salzburger nur in seiner Zeit und über seine Zeitgenossen auf die Schliche kommen kann.

Es war eine angenehme Mischung, die im Rittersaal präsentiert wurde. Antesberger las aus seinem Buch und spielte Teile seiner Radiosendungen. Teresa Tièschky sang Lieder aus Mozarts Zeit – teilweise von „Wolferl“, teilweise von seinen Kollegen. Die Sopranistin erhielt am Gymnasium in St. Ottilien ihren ersten Gesangsunterricht, bevor sie am Mozarteum in Salzburg studierte. Begleitet wurde sie von Sophie Raynaud am Klavier, die nach zahlreichen Auftritten in Frankreich, England und Spanien nun an der Bayerischen Staatsoper tätig ist. Den Abschluss machte ein von Christoph Goldstein moderiertes Gespräch.

Das erste Lied sang Tièschky mit einer augenzwinkernden Mischung aus Schmelz und Ernsthaftigkeit. Geht es doch in Mozarts „Dans un bois solitaire“ um einen Spaziergänger, der aus Versehen Amor weckt – der daraufhin seinen berühmten Pfeil abschießt, um dem Spaziergänger neue Liebesqualen zu verschaffen. Die folgenden „Arietten“ stellten einen berühmten Zeitgenossen Mozarts vor: Adalbert Gyrowetz‘ Interpretation von „Voi che sapete“ schien etwas schwerer als Mozarts Version desselben. Doch vielleicht liegt dieser Eindruck nur an dem Bild, das vom Genie Mozart gemalt wird? Es gehe ihm nicht darum, den Mozartkult zu zerstören, meint Antesberger. Dessen Musik sei „zeitlos schön, weil sie etwas zu sagen hat“. Doch man könne Mozart nur aus seiner Zeit heraus und durch seine Zeitgenossen kennenlernen. Genau so ist das 2006 erschienene Buch „Vergessen Sie Mozart!“ aufgebaut. Als Antesberger das Buch begann, hatte er zweieinhalbtausend Musiker- und Komponisten-Kollegen Mozarts recherchiert. Nur zehn davon wählte er aus.

Einer davon ist der damals als bester Schachspieler der Welt bezeichnete François-André Philidor. Mit zwölf hatte der bereits drei Motetten komponiert, die Ludwig XV. so begeisterten, dass er dem jungen Talent fünf Goldmünzen schenkte. Auch der böhmische Komponist Adalbert Gyrowetz hatte als 20-Jähriger sechs Symphonien komponiert, die ihm später immer wieder zu Ohren kamen – als Werke Haydns. Irgendwie waren seine Notenblätter wohl in einen Stapel mit Haydns Kompositionen gerutscht. Als weiterer Zeitgenosse Mozarts ist noch Joseph Eybler zu nennen: Ihn beauftragte Constanze als Ersten mit der Vollendung von Mozarts Requiem, doch Eybler lehnte ab.

Im an die Lesung anschließenden Gespräch fragte Musikwissenschaftler Christoph Goldstein, warum Antesberger gerade Mozart für sein Buch gewählt habe. „Mozart überstrahlt alle. Er wurde zum Star gepuscht, ein Marketingprodukt.“ Deshalb kenne ihn jeder, aber kaum einer seine Zeitgenossen: „Vielleicht noch den Salieri: ‚Der hat ihn doch umgebracht‘ hört man da immer – aus dem Film eben.“ Der provokante Titel des Buches entstand aus einem Streit. Den hatte Antesberger Jahre, bevor die erste Letter des Buches gesetzt wurde. Als er ein Mozartfestival in Wien mitorganisierte, sei er mit seinem damaligen Chef aneinandergeraten. „Heute verstehen wir uns wieder hervorragend, aber damals hinterließ ich ihm als Abschiedsgeschenk einen Zettel mit den Worten ‚Vergessen Sie Mozart!‘ Darunter habe ich 200 andere Komponisten der Zeit aufgelistet.“ Das sei die Geburtsstunde der Idee gewesen, die er dann mit Erfolg beim Piper-Verlag vorgestellt habe. „Und wer soll das schreiben?“ habe ihn seine Frau kritisch befragt. „Und genau dieser Kommentar war letztendlich der entscheidende Ansporn für das Buch.“

Susanne Greiner

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