Den Wolken fällt immer etwas ein – Malerei im Taubenturm

41 ungerahmte Ölbilder aus den Jahren 1954 bis 1965 beleben in diesen Tagen die drei Ebenen des historischen Taubenturms. Schlicht an die weiß gekalkten Wände gepinnt verleihen die Arbeiten der Malerin Èva- Ninu Fischer (1924 bis 2008), die in Dießen ihren Lebensabend verbrachte, dem alten Gemäuer eine ungeheuere Lebendigkeit, beinahe schon Werkstatt-Charakter.

Gewidmet wurde der Künstlerin die posthume Ausstellung vom Dießener Heimatverein. Aus dem Nachlass arrangiert wurde die Schau von Èva Ninu Fischers in Dettenschwang und Entraching lebenden Kindern Janos Fischer, Maler und Performance-Künstler, Katalin Fischer, Tänzerin und Schau- spielerin und Krisztina Haucks, Rechtsanwältin. Im Kloster versteckt 1924 wurde Èva Ninu in Munkács geboren. Die ehemals ungarische Stadt gehört heute zur Ukraine. Wegen ihrer jüdischen Herkunft musste sich die junge Frau während des Krieges in einem Kloster verstecken. Vor dem Einmarsch der Nazis gelang ihr mit dem letzten Zug die Flucht aus ihrer Heimatstadt. In Budapest studierte sie – inzwischen mit einem Wissenschaftler verheiratet und Mutter von drei Kindern – nach dem Krieg Malerei, durfte jedoch im sozialistischen Regime nicht ausstellen, weil sie aus großbürgerlicher Familie stammte. Fischers Lehrer und Förderer, ein angesehener Kunstprofessor, ermöglichte die Präsentation ihrer Arbeiten, indem er sie unter seinem eigenen Namen ausstellte. Daraufhin erfolgten zahlreiche öffentliche und private Ankäufe. 1965 wanderte die Familie illegal nach Deutschland aus. Ihre Bilder musste die Künstlerin in Ungarn zurücklassen. Nur ein Teil konnte später von Freunden und Bekannten nach Deutschland überführt werden. Ebenso bewegt wie ihr Leben wirken auch die Arbeiten der Künstlerin. „Sie hat ihr ganzes Leben in Budapest gemalt – einfach alles“, erinnert sich Katalin Fischer während der Ausstellungseröffnung: Ihre Kinder beim Spiel im Sandkasten, die alte Tante die zu Besuch kam, ein Fabrikgelände, Handwerker auf einem Baugerüst, Menschen im Bahnhofswartesaal, Stadt- , Land-, Alltagsimpressionen, Landschaften – das Leben eben. Janos Fischer erinnert sich an die große künstlerische Kraft mit der seine Mutter impulsiv und intuitiv ans Werk ging: „Sie hat sehr schnell gemalt. Manchmal zwei bis drei Bilder pro Tag.“ Während die frühen Arbeiten von Èva-Ninu Fischer, die in der unteren Etage des Taubenturms zu sehen sind, noch sichtbar impressionistische Züge tragen, leistet sie sich schon wenig später einen freien, künstlerischen Strich und beginnt zugleich, sich zugunsten der Abstraktion vom Motiv zu lösen. Vortrag und Ausstellung Mit ihren Arbeiten gestaltete die Künstlerin aus einem sehr persönlichen Blickwinkel heraus ein authentisches Kaleidoskop jener Jahre, vor und vor allem nach der unga- rischen Revolution im Jahr 1956. Eine Zeit, mit der die Kinder der Malerin teilweise noch durch persönliche Erinnerungen verbunden sind: Inspiriert von der Malerei ihrer Mutter laden Janos und Katalin Fischer deshalb am Samstag, 11. Juli, zu einem Vortrag zum Thema „Budapest 1956 – politisch und persönlich“ ein. Die Ausstellung „Den Wolken fällt immer etwas ein“ im Taubenturm ist am kommenden Wochenende, 11. und 12. Juli, jeweils von 14 bis 18 Uhr sowie nach Vereinbarung unter Telefon 08807/8618 und /7228 zu sehen.

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