Kultursommer 2021 in Landsberg

Wunderland Alte Wache

Holzwege alte Wache Landsberg
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Leuchtende Pflanzen haben Johanna Krach und Lennart Möller für die Ausstellung im Rahmen des Kunstprojektes „Holzwege“ in einem Raum der Alten Wache aufgebaut. Dahinter wartet ein zweiter Raum auf die Zuschauer.
  • Susanne Greiner
    VonSusanne Greiner
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Landsberg – Herrrreinspaziert! Die Manege im Frauenwald ist eröffnet. Zu sehen: aussagekräftige Arbeiten und kryptische Kunst, Rehe in Ruinen, strapazierte Strumpfhosen oder – ja! – Magic Mush­rooms (zumindest einer). Elf Künstler und vier ‚Kunstfrischlinge‘ präsentieren in „Holzwege“ ihre Gedanken zur Nachhaltigkeit, dem Motto der diesjährigen Kunstaktion von „Kunst hält Wache“ in der Alten Wache. Zu sehen sind außerdem die Workshop-Ergebnisse: zum Beispiel des Comicworkshops mit Paul Rietzl oder des Fotoworkshops mit Noah Cohen (der KREISBOTE berichtete). Gerahmt wird die Ausstellung von Veranstaltungen unterm Pavillon, auf nachhaltig bezogenen Baumstumpfsitzen am lauschigen Frauenwaldrand.

Alice wird von einem weißen Kaninchen ins Wunderland gelockt. Das steht an der Alten Wache nicht. Ein Wunderland öffnet sich dennoch hinter der Eingangstür. Aber man kann auch erst einmal davor stehenbleiben und über die Aussage von Andreas Stetka sinnieren, die quer über dem Eingang prangt. „Erst denken sie, es dauert ewig, dann sind ganze Sekunden weg.“ Nicht vergessen, es geht um ‚Nachhaltigkeit‘. Die breite Straße ‚eindeutige Aussage‘ führt hier offensichtlich auf einen Holzweg. Helfen können da Assoziationen und Gedankenflüge. Ein Konzept, dass auch durch die Ausstellung trägt.

Deren Kurator ist der Dießener Künstler Janos Fischer. Nachhaltigkeit, das bedeutet ihm „eine Ressourcen-Nutzung, die das eigene System schont und vor dauerhaftem Schaden bewahrt“. Verwenden die Künstler Recyceltes, ist der Weg zwischen Motto und Kunstwerk gerade und kurz. Fischer setzt aber den Menschen in den Mittelpunkt. Denn „in dessen innerer Verfassung wurzelt jeder Begriff von Nachhaltigkeit“. Der Rohstoff der (Künstler-)Wahl ist die Kreativität. Nutzt man die nachhaltig, geht es nicht um das, was gefragt ist, nicht um Gewinn. Wichtig ist, sagt Fischer, „die stetige Entwicklung künstlerischer Ansätze.“ Ansätze, die Assoziationen beim Betrachter erwecken.Denn Fischer denkt bei Nachhaltigkeit auch an den Austausch zwischen Besuchern und Künstlern. Es geht ihm um eine „kommunikative Angelegenheit“.

Bedrohte Schönheit

Will man Fischers Gedankengang da nicht folgen: Nur zu. Es bieten sich zahlreiche Nachhaltigkeitsaspekte, die direkt den Arbeiten der Künstler entspringen. Im ersten Zimmer spannt und lockert Matthias Rodach recycelte Strumpfhosen per Motor – konstruiert Bewegung, aus der nichts entsteht. Im Zimmer gegenüber Kleidung, die Doris Trummer aus Blumensamen gestaltet: Hut, Rock, Schuhe – der Mensch dazwischen ist abhanden gekommen. Im Flur steht eine marode Puppenstube im Glaskasten, die der Wiener Künstler Bruno Hoffmann fluten wird – immer wieder. Nahezu klassisch muten Michael Goldgrubers Fotos von schmelzenden Gletschern an. Eine Ecke mehr drehen die Gedanken bei seinen Videoarbeiten: schwebende Betonklötze und fließende Meeresstatik, Schönheit, hinter der Bedrohung lauert. „Rilke: Das Schöne ist nur der Anfang des Schrecklichen“, zitiert Fischer. Dazu passen die Rehböcke, die Rita Heusen in Fotos der Frauenwald-Fabrikruinen schneidet und mit fragilen, aber exakt geplanten Linien auf die umliegenden Wände ausdehnt.

Im Dachstuhl der Alten Wache wartet ein Traumort.

Und dann ist da noch der Dachboden. Den erhellt ein 15.000-Lumen-Beamer. Nicht gerade günstig, so ein Gerät. Aber es geht auch anders: „Wir haben einen Beamer mit Platinenschaden gekauft“, erzählt der künstlerische Leiter der Aktion Franz Hartmann. Reparieren konnte den ein Bekannter. Jetzt illuminiert Videokünstlerin Manuela Hartl damit nachhaltig den Dachboden der Alten Wache – und schafft einen Traum­ort aus Linien, Schrift und Schatten, samt sanftem Schafblöken im Hintergrund.

Dunkelkammer

Mit Fluoreszierendem im Dunkelraum spielen drei Nachwuchskünstler aus dem Landkreis (der vierte ist Fabian Husel mit Bildern unter dem Titel „Reise nach Osten“). Vincent Gohlich alias erwa.one lässt komplexe Fraktalmuster aufleuchten, die sich unter wechselnder Beleuchtung auf der Netzhaut einbrennen. Kunst, die zu spüren ist. Eine Variation von Alices Wunderland bieten Johanna Krach und Lennart Möller im Dunkelraum nebenan: Leuchtende Blumen, Pilz, Schlingpflanzen, String-Art-Objekte konglomerieren zu einer angenehmen Halluzination – aber hinter dem Vorhang im Nachbarzimmer lauert die Realität. Dabei strahlt der zweite Raum auf den ersten Blick Ruhe aus: Moosboden, drei Baumstumpfsitzhocker, kühle Waldstimmung. Aber an der Wand flackern Videoausschnitte von Naturkatastrophen. Und grelles Licht, manchmal stroboskopisch, flutet die Augen. „Geht man aus diesem Raum heraus, wendet man der Realität den Rücken zu“, sagt Krach. „Und geht in den Raum zurück, in dem man nur das sieht, was man sehen will.“ Der Ort, an dem alles gut und schön, aber eben nicht echt ist.

Künstlerischer Leiter der „Holzwege“ Franz Hartmann und Nachwuchskünstlerin Johanna Krach.

Was die Nachhaltigkeit der Alten Wache selbst angeht: „Wir haben innen nicht viel machen müssen“, erzählt Hartmann. Hier und da mal ein Fenster reparieren, die immer wieder aufgeknackten Türschlösser ausbessern. Die Hauptarbeit aber lag außen: Für die Open-Air-Bühne haben Künstler und „Kunst hält Wache“-Vereinsmitglieder gerodet und gestaltet. Natürlich auch hier nachhaltig mit ‚Resten‘: Die Baumstümpfe, die als Sitzhocker vor der Open-Air-Bühne stehen, sind mit blauer Schwimmbadfolie überspannt – Reste aus dem Greifenberger Warmbad. Die Baumstümpfe selbst kommen aus dem nachwachsenden Wald Hartmanns. „Der Pavillon stammt von Erich Kloker“, sagt der Waldbesitzer. Dann lacht er. „Und die Bühne sollte eigentlich meine Sauna werden.“

Die Ausstellung samt Rahmenprogramm (siehe unten) läuft ab, Donnerstag, 5. August, bis zum 15. August. Die Alte Wache ist donnerstags bis sonntags ab 12 bis 0 Uhr geöffnet. Wobei ein Nachtbesuch nicht nur Kunst, sondern auch Veranstaltungen und eine einzigartige Stimmung bietet. Nehmen Sie sich Zeit. Und einen nachhaltigen Eindruck mit nach Hause.

Rund Drumherum - Das Rahmenprogramm in der Alten Wache

Ebenso wie die Ausstellung (siehe oben) ist auch das Rahmenprogramm in der Alten Wache zwischen dem 5. und 15. August kostenlos. Fürs leibliche Wohl wird gesorgt. Und während innen 50 Personen zeitgleich schauen dürfen, passen draußen 250 Personen in den Biergarten rund um das Gebäude.

Es gibt Flamenco und Poetry Slam, die ImproLLetten wollen wieder nur spielen, so wie das Duo Birkett Hall, letztere aber musikalisch. Der Zirkusvirus Landsberg erhellt die Nacht mit seiner Flammenshow, während bei „Poly Plex & Krach“ die DJs Caiva & Massagio zur Video-Performance beitragen.

Musiksatire vom Feinsten bietet „Zum blauen Veilchen“, Literatur präsentieren Anna Münkel und Robert Valentin Hofmann. Der Film „Könnte nicht besser sein“ von Mirjam Kendler und Fabian Exter zeigt die Vorbereitung der „Offenen Hilfen“ auf ein Theaterstück. Und am Eröffnungs-Donnerstag ist ab 20 Uhr Tanzen mit dem „Global Beat Guru DJ Rupens“ angesagt.

Mehr Infos und Daten unter: www.kunst-haelt-wache.de/programm-2021.

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