Inklusion bleibt schwierig

Regens Wagner schafft im CAP Möglichkeiten

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Der im CAP Landsberg Beschäftigte Sebastian Grossek (vorne) beim Einräumen der Regale. Das Miteinander von Menschen mit und ohne geistige Beeinträchtigung funktioniert bestens.

Landsberg/Holzhausen – Menschen mit Behinderung sollen nicht mehr in Nischen leben. Sie sollen Teil am normalen Leben haben. Und das selbstbestimmt. So könnte man Inklusion beschreiben. Inklusion fordert auch die UN-Behindertenrechtskonvention, die Deutschland vor zehn Jahren unterschrieben hat. Regel- statt Sonderschulen, ein gemeinsamer Arbeitsmarkt statt Behindertenwerkstätten. Viel ist noch nicht passiert. Aber dass so ein Miteinander funktionieren kann, zeigt Regens Wagner Holzhausen. Menschen mit und ohne Behinderung arbeiten zusammen in Landwirtschaft oder Gärtnerei. Und vor allem in den CAP-Supermärkten.

„Uns bei Regens Wagner geht es darum, die Menschen so zu nehmen, wie sie sind“, sagt Werkstättenleiterin Margit Gottschalk. Im Moment betreut die Stiftung 235 Menschen mit geistigen und körperlichen Behinderungen. Sie bietet Förderschulen und Arbeitsplätze. Zum Beispiel auch in den Werkstätten. Dabei suche man sich die Werkstätten-Mitarbeite nicht selbst: „Die Agentur für Arbeit wendet sich an uns mit einem Eingliederungsvorschlag“, erläutert Gottschalk. Die Werkstätten seien die erste Anlaufstelle für Menschen mit Behinderung nach der Schule – fast zu 100 Prozent eine Förderschule, betont Gottschalk. „Ich vermute, dass auf Regelschulen keine Menschen mit geistiger Behinderung zu finden sind. Leider sind wir noch nicht so weit.“ Wobei sie nicht die seelisch beeinträchtigten Kinder meint, mit Verhaltensauffälligkeiten wie ADHS. Sondern die, deren IQ unter 70 liegt. Eine bürokratische Messlatte, die Urteile fällt.

Einige Firmen geben Aufträge an Regens Wagner ab, die dann in den Werkstätten bearbeitet werden. Was kein Benefiz seitens der Firmen ist. Denn die Bezahlung an Regens Wagner können sie von der Schwerbehinderten-Ausgleichsabgabe abziehen – ohne dass sie dafür einen Menschen mit Behinderung in der Firma einstellen.

Der erste Arbeitsmarkt

Die Werkstätten bieten den Menschen mit Behinderung ein geschütztes Umfeld. Denn es ist nahezu unmöglich, für sie Arbeitsplätze auf dem ersten Arbeitsmarkt zu finden. Firmen bieten zwar Praktika an, aber Jobs mit regulärer Entlohnung sind für behinderte Menschen kaum zu finden. „Sie können meistens nicht das geforderte Arbeitspensum leisten“, gibt Jonsua Vincent vom Regens-Wagner-Sozialdienst zu bedenken. Aber dafür gebe es ja zum Ausgleich bis zu 75 Prozent Unterstützung vom Staat in den ersten fünf Jahren. Und auch das Integrationsamt greife bei speziellen Arbeitsmitteln wie den Firmen unter die Arme.

Einige Menschen, die Regens Wagner betreut, arbeiten in Außenarbeitsplätzen. Die jeweilige Firma zahlt dafür eine Pauschale an Regens Wagner. Die Arbeitenden erhalten zwar einen Lohn, aber der liegt weit unter Tarif. Die Tätigkeiten seien einfache, „Nischenarbeit“, beschreibt Vincent. „Dabei könnten wir die Leute schulen, was wir wollen. Wenn wir wüssten, was wir schulen sollen.“ Eine Spezialisierung wäre also machbar.

Allerdings „scheitern auf dem knallharten ersten Arbeitsmarkt auch viele andere Menschen“, weiß Vincent. So sei eben auch für die externen Arbeiter von Regens Wagner vor allem die psychische Belastung oft zu hoch – so wie auch für viele „Normalos“. Weshalb Vincent für Sozialarbeiter an den Firmen plädiert. Man müsse insgesamt Arbeitsbedingungen, ein besseres Klima schaffen, in dem die Leute zufriedener seien: psychische Unterstützung bieten, aber auch in Bezug auf die technischen Aspekte der Arbeit helfen. „Das System hinkt hinterher. Die Rahmenbedingungen müssten sich ändern.“

CAP ist abgeleitet von „Handycap“: Menschen mit und ohne Behinderung arbeiten gemeinsam. In Landsberg seit zwölf, in Penzing seit fünf Jahren. „Hier wird vorgelebt, dass Miteinander funktioniert“, sagt Michael Schiller, Einzelhandelsleiter bei Regens Wagner. Um gleich mal das Wort ‚Behinderung‘ herauszunehmen, heißen die Gehandicapten Beschäftigte, die anderen nennt man Mitarbeiter. „Behindert und nicht behindert verschwimmt hier“, sagt Schiller. Wobei die Beschäftigten weiterhin vom Sozialdienst Regens Wagners betreut werden.

Nach der Schule kommen die Regens-Wagner-Absolventen in den Berufsbildungsbereich, in dem sie einzelne Stationen wie Gartenbau und Montage durchlaufen und austesten können – finanziert wird diese Phase von der Agentur für Arbeit. Nach zwei Jahren kommt der Beschäftigte dann in den Arbeitsbereich – der nicht mehr vom Amt finanziert wird. Dort wird ein Gehalt gezahlt. Wobei auch das weit unter Tarif liegt.

Ob die Arbeit im Einzelhandel für den jeweiligen Beschäftigten infrage kommt, wird in einem Praktikum getestet. „Hier können wir auch die Arbeitsreife und das Durchhaltevermögen testen. Und auch sehen, ob der Beschäftigte Spaß an der Arbeit hat“, erzählt Heidi Melder, pädagogische Leiterin des CAP Landsberg. Klappt das Praktikum, fangen die Beschäftigten mit einfachen Arbeiten wie Einräumen der Waren an. Und im Lauf der Zeit kommen immer mehr Aspekte dazu. Zum Beispiel auch das Zusammenstellen der Bestellungen für das benachbarten Seniorenheim oder das Ärztehaus – samt persönlicher Lieferung. Ein zusätzlicher Kontakt zu den ‚Normalen‘.

Die Stimmung im CAP Landsberg ist gut. Hier arbeiten 10 Beschäftigte und 11 Mitarbeiter. „Wir sprechen uns alle mit Nachnamen an, alle tragen die gleiche Arbeitskleidung“, berichtet Melder. Die Arbeitszeit ist von acht bis 16 Uhr mit einer Stunde Pause. Einige der Beschäftigten wohnen bei ihren Eltern, einige auch alleine oder mit Freunden oder Partnern.

„Ich habe schon beim Praktikum gleich gewusst, dass ich hierbleiben will“, erzählt der Beschäftigte Sebastian Grossek, der seit Oktober im CAP Landsberg ist. Die Arbeit sei nicht anstrengend, Landsberg gefalle ihm sehr. Und auch den Kunden könne er helfen, wenn sie Fragen hätten. Ein zusätzlicher Pluspunkt: „Ich habe in der Nachbarschaft schon Freunde gefunden.“ Wenn Grossek zwei Jahre beim CAP bleibt und sich dort wohlfühlt, kommt er in den Arbeitsbereich: „Dann fange ich an, normales Geld zu verdienen.“

Marktleiterin Laura Rizzo ist von ihrer Stelle beim CAP begeistert. Sie hat vorher lange in einem „normalen“ Supermarkt gearbeitet. Und weiß genau, was ihr hier in Landsberg gefällt: „Es ist familiär, viel weniger Druck. Man nimmt auf alle Rücksicht.“ Und auch Melder findet ihre Arbeit anregend und spannend: „Es geht auch darum, hier immer die Balance zu halten. Wenn nach der Schule 20 Jugendliche reinströmen, ist das für manchen Beschäftigten etwas zu viel.“

Der Umgang der Beschäftigten mit den Kunden funktioniere bestens. „Wir hatten da noch nie Probleme.“ Insbesondere auch deshalb, weil die Kunden offen und ‚ganz normal‘ mit den Beschäftigten umgingen. Etwas, dass diesen wiederum Selbstbestätigung gebe.

Parkplätze sind nötig

Finanziell rechnet sich der CAP in Landsberg nicht. Aber das liegt nicht am Konzept, „sondern an den fehlenden Parkplätzen“, erzählt Gottschalk von Regens Wagner. Im Vergleich zu den anderen Supermärkten sei das ein enormer Wettbewerbsnachteil. Auch gegenüber dem CAP in Penzing: „Der rechnet sich finanziell absolut. Aber dort ist der Preis des durchschnittlich eingekauften Warenkorbs auch doppelt so hoch wie in Landsberg.“ Was daran liege, dass die Leute mit dem Auto zum Einkauf kommen könnten.

„Aber wir versuchen, die Stadt für uns zu gewinnen“, sagt Gottschalk. Denn das Projekt CAP verdiene Unterstützung. Gerade sei Regens Wagner dabei, für die Parkplätze vor dem Haus einen Antrag an die Stadt aufzusetzen. „Viel müssen es ja nicht sein. Und ich hoffe, dass wir bei der Stadt offene Türen einrennen.“ 

Susanne Greiner

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