Zeitenwanderer im Bibliotheksaal

Roman Viazovskiy begeisterte mit seinem Konzert im Rahmen der Reihe „Faszination Gitarre“. Foto: kb

Was gibt es schöneres, als einen traumhaften Frühlingstag mit einem musikalischen Leckerbissen ausklingen zu lassen. „Faszination Gitarre“ lud dazu zu einem Konzert des vielfach ausgezeichneten ukrainischen Gitarristen Roman Viazovskiy ein. Dass Christian Gruber nur Meister ihres Instruments verpflichtet, ist bekannt, dass man mit dem Bibliothekssaal des ehemaligen Jesuitenkonvents eine neue Variante der vielfältigen musikalischen Aufführungsstätten in der Lechstadt erkor, machte den Abend zum Erlebnis.

Kann man sich einen geeigneteren Rahmen als das Mitte des 18. Jahrhunderts fertiggestellte Ambiente für die Sonata Nr. 5 von Silvius Leopold Weiss vorstellen? Viazovskiy musizierte zu Füßen der zweigeschossigen, von überschlanken, balusterartig gegliederten Stützen getragenen Galerie. Verhalten begann er das Prelude, schlicht im Vortrag folgte die elegische Allemande. An Intensität gewann die Courante mit ihren agilen Arpeggios. Flotter wurde der Vortrag im sehr lebhaften Menuett, die abschließende Gigue wirkte durch die verzierten Wiederholungen tänzerisch verspielt. Mit dem Zeitgenossen von Johann Sebastian Bach hatte der ukrainische Künstler seine Reise durch vier Jahrhunderte begonnen, „Zeitenwanderer“– wie er das Motto seines Konzerts nannte. Die Wanderung führte weiter zu Napoléon Coste, der als bedeutendster französischer Gitarrist und Gitarrenkomponist des 19. Jahrhunderts gilt. „Introduction und Variationen über ein Thema von Rossini“ bleibt in der Tradition der italienischen Gitarrenvirtuosen, mit brillanten Verzierungen und einem sprühenden Finale. Mit spielerischer Leichtigkeit bringt der Interpret die Saiten zum Klingen, reizt die Klangvielfalt des Instruments bis in den Nachhall hin aus. Für den Zuhörer spielt es keine Rolle, dass das Thema eigentlich eine Arie aus Bellinis „Il Pirata“ ist, stürmische Passagen wechseln mit sinnlich ausdrucksvollen Partien. Verdienter Beifall entlässt den Künstler in die Pause. Weiter geht die Klangreise ins 20. und 21. Jahrhundert. Konstantin Vassiliev komponierte „Fatum“ 1998 für Roman Viazovskiy. Die Fantasie über ein russisches Volkslied verbindet Harmonien mit Dissonanzen, vom Interpreten technisch vollkommen gespielt. Was vielleicht fehlt ist die Impulsivität, die Ausstrahlung etwa eines Pavel Steidl. Viazovskiy zeigt seine Stärken in Joaquin Turinas Sonata op.61, einer Musik zum Träumen. Leidenschaftlicher und klangvoll reiht er motivisch verspielte Stimmungsbilder aneinander, die leisesten, zarten Töne werden gefühlvoll angeschlagen. Temperamentvoll und rhythmisch akzentuiert endet das Allegro vivo. Telenous Monk, der US-afroamerikanische Jazzpianist und Komponist, besticht in seinem Titel „Round midnight“ durch seine kultivierte, intellektuelle Pianoversion. Jeder virtuose Jazz-Musiker hat dazu seine eigene Interpretation abgeliefert. Der Gitarrist schlägt in seiner Version Saiten an, die auch die Gedanken in Schwingung bringen, in rhythmischem Fluss, intelligent umgesetzt. Das Konzert im Bibliotheksaal klingt aus mit Sergio Assads „Aquarelle“, einem der beeindruckendsten Stücke der Gitarrenliteratur der Gegenwart. Zart, empfindsam entwickelt der Ukrainer das Bild des Künstlers, der auf seinem Instrument Klanggemälde kreiert, ein Meister der Nuancen, technisch brillant. Die Seele klingt mit in Harmonie mit der altehrwürdigen Bibliothek der Jesuiten. Der Beifall der Konzertbesucher holt den ukrainischen Gitarristen zurück in den Saal. Mit zwei Zugaben, eine davon das ihm auf den Leib geschriebene „Zeitenwanderer“ von Konstantin Vassiliev, zieht er in irrwitziger Geschwindigkeit noch einmal alle Register seines musikalischen und technischen Könnens. Und er bringt sich damit in die Nähe des jesuitischen Bildungsideals, das über dem Portal des Bibliothekssaals geschrieben steht: „Den Lebenden zur Bildung, den Toten zur Unsterblichkeit“.

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