Wie die Zeit zu Geld wurde

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Widmeten sich zum 40. Gründungsjubiläum des Informationskreises der Wirtschaft (IdW) ausführlich dem Thema Zeit (von links): die Zeitforscher Karlheinz und Jonas Geißler sowie IdW-Sprecher Stefan Jörg.

Landsberg – Seit 40 Jahren besteht der Informationskreis der Wirtschaft (IdW) in der Region Landsberg-Kaufering. Unter der Bezeichnung „Kauferinger Gespräche“ 1975 vom damaligen Hilti-Geschäftsführer Heinz Otto Mattes gegründet, nahm das Forum 1991 seinen heutigen Namen an. Das Jubiläum war Grund genug, sich in der ersten Mitgliederveranstaltung 2015 dann auch näher mit dem Thema „Zeit“ zu beschäftigen.

Stefan Jörg, Vorstandsvorsitzender der VR-Bank Landsberg-Ammersee eG und Sprecher des IdW-Kernteams, hatte die Zeitforscher Karlheinz und Jonas Geißler zu einem Vortragsabend eingeladen. Unter dem Titel „Ticken wir noch richtig?“ referierten Vater und Sohn über Zeit und Beschleunigung, Vernetzung und Überforderung – und darüber, wie man ihr begegnet.

Gleich nach der Uhr

Karlheinz Geißler führte das Publikum im fast voll besetzten Festsaal des Landsberger Rathauses durch die Geschichte der Zeit und machte auf verblüffende Zusammenhänge aufmerksam: Wer hätte etwa gewusst, dass die Gründung der ersten Banken und Versicherungen unmittelbar auf die Erfindung der mechanischen Uhr folgte?

Bevor der Mensch auf die Idee kam, die Zeit zu takten, richtete sich sein Leben nach den Rhythmen der Natur, erläuterte Geißler. Nicht die Zeit war wichtig, sondern das Wetter. Man säte und erntete zu den entsprechenden Jahreszeiten, aß und schlief, wie der Körper es vorgab. Da man die Erde für eine Scheibe hielt, blieb man tunlichst am selben Ort und lebte ein Leben, in dem Beschleunigung ein unsinniges Konzept gewesen wäre.

Mit der Erfindung der Uhr „nahm der Mensch die Zeit in die eigene Hand“, so Geißler senior. Durch die Taktung koppelte man die Zeit von der Natur ab und machte sie zum herrschaftlichen Instrument. Zeit wurde zu Geld. Die Beschleunigung nahm in Laufe der Jahrhunderte immer krassere Formen an, bis hin zur Beschleunigung der Natur – man denke an die immer kürzeren Mastzeiten von Schlachtvieh.

Mit den positiven und negativen Folgen dieser Entwicklung für unser tägliches Leben setzte sich Zeitberater Jonas Geißler auseinander. „Wir gewinnen Freiheit und Ereignisvielfalt, haben mehr Wahlmöglichkeiten und Flexibilität als je zuvor.“ Die Kehrseite der Medaille: „Wir verlieren die Orientierung und den Überblick, Reflexions- und Pausenzeiten gehen verloren.“ Dauernde Erreichbarkeit führt zu häufigen Störungen, die wiederum Zeit kosten – weil es eben dauert, sich wieder auf die unterbrochene Aufgabe zu konzentrieren.

Kleine Rituale

Die Abhilfe heißt Zeitkompetenz. Geißler riet den IdW-Mitgliedern, was er auch seinen Klienten ans Herz legt: nach Möglichkeit rhythmisch leben und arbeiten, Grenzen setzen und diese auch kommunizieren. „Muss es wirklich sein, dass jeder Mitarbeiter in jedem E-Mail-Verteiler steht?“ Die ständige Erreichbarkeit und Über- flutung mit Information hält auf und lenkt ab. Besser fährt, wer auswählt, auch mal verzichtet, sich auf das Hier und Jetzt fokussiert. Geißler empfiehlt, mit kleinen Ritualen die Arbeit zu beginnen und zu beenden, bewusst Pausen zu machen und die dann tatsächlich auch abseits des Schreibtisches zu verbringen.

Seine Schlusskarikatur sprach für sich: zwei Verkaufsschalter, einer für die, die Zeit haben, der andere für die, die keine haben. Vor dem Schalter für die Gehetzten steht eine riesige Menschenmenge an, vor dem anderen nur ein Einzelner. „Wo stellen Sie sich an?“, fragte Geißler zum Abschluss und Stefan Jörg entließ augenzwinkernd die Gäste des Abends zu gemeinsamen Gesprächen ans Buffet.

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