"Zeitschriften-Management"

Was das Jugendschöffengericht am Mittwoch zu hören bekam, verblüffte und schockierte: Der wegen Betrugs und Urkundenfälschung Angeklagte (22), erzählte vom „Zeitschriften-Management“ in Landsberg und welchem Druck er und seine Kollegen als Abo-Verkäufer von ihrem Chef ausgesetzt gewesen seien. Der Fall ist nicht der einzige – wie während der Verhandlung bekannt wurde, standen Angestellte der Firma schon öfter vor Gericht. „Diese Arbeit ist zwangsläufig mit Betrug und Urkundenfälschung verbunden, weil man sonst davon nicht leben kann.“, erklärte auch die Verteidigerin, Rechtsanwältin Anita Trautwein.

In 15 Fällen hatte der 22-Jährige aus Sachsen-Anhalt Kunden an der Haustür betrogen und Abonnements von Zeitungen und Zeitschriften selbst ausgestellt habe, um die Provision zu kassieren. Etwa sieben Euro hätte er auf diese Weise pro abgeschlossenem Vertrag bekommen. Nicht viel, aber immerhin. Der gelernte Lagerist füllte dazu selbst Bestellscheine aus und unterschrieb mit anderen Namen. Oder er überredete die Leute an der Haustür unter einem Vorwand einen Schein zu unterschreiben. Ihnen gaukelte er vor, dadurch nur kostenlose Angebote – Werbematerial – per Post zu erhalten. Richter Alexander Kessler als Vorsitzender des Jugendschöffengerichts hielt eine Freiheitsstrafe von zehn Monaten, die für drei Jahre auf Bewährung ausgesetzt wird, für angemessen. „Geständig und freimütig“ hätte der Angeklagte seine Taten eingeräumt, was ihm auch Staatsanwalt Hans-Peter Dischinger bescheinigte. Dischinger hatte für die zehnmonatige Bewährungsstrafe, Verteidigerin Trautwein dagegen für nur sechs Monate plädiert. Es ist die erste Freiheitsstrafe für den jungen Mann, der aber laut Bundeszentralregister schon mehrfach vor Gericht stand, unter anderem wegen Diebstahls. „Lassen sie sich das zur Warnung dienen“, mahnte ihn Kessler. Wie man Leute „weichklopft und das ein Nein nicht zählt“, sei dem 22-Jährige in einer Drei-Tage-Schulung beigebracht worden. „Bei Jüngeren geht der Kinderspruch (die Hälfte des Geldes geht an bedürftige Kinder), bei alten Leuten zieht der Alten-Pfleger-Spruch“, berichtete er, der per Zeitungsannonce zu diesem Job gekommen war. Ohne Arbeit in Sachsen-Anhalt, schien ihm das Angebot aus Landsberg wohl wie eine neue Chance. „Schein oder nicht Schein, darum gings“, war dann die Wirklichkeit, die er erfahren haben müsse. Freitag sei Zahltag gewesen und der Druck bis dahin möglichst viele neue Leser, also Abo-Bestellscheine, zu haben, entsprechend hoch. „Ich verstehe nicht, warum ich hier als einziger sitze“, sagte der nun wieder Arbeitslose und wusste von einem Kollegen, der sogar Briefe aufgerissen habe, um an Unterschriften zu kommen. Auch gegenseitig hätten sich die Abo-Verkäufer die Unterschriften auf Bestellscheinen gefälscht. „Man mag es kaum glauben, wie dort Leute gehalten werden“, schilderte Kessler seinen Eindruck vom Drückermilieu, das im Raum Augsburg, München und Kempten unterwegs ist. Dass die Angestellten ihren Personalausweis in der Firma abgeben müssten, war da nur einer der weiteren unglaublichen Fakten, die der frühere Verkäufer vortrug.

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