Der Zeuge wird zum Angeklagten

Ein Angeklagter, der als Unschuldiger nach Hause geht, und ein Zeuge, der sich im Gerichtssaal als Schuldiger zu erkennen gibt – diese Wendung hat eine Verhandlung vor dem Jugend­- schöffen­gericht genommen. Zwei junge Landsberger waren wegen gefährlicher Körperverletzung angeklagt. Sie sollten einen Dritten im Eingangsbereich einer Spielhalle in Kaufering verprügelt haben. Einer war schuldig. Der andere war nur vor Gericht gelandet, weil sich eine Zeugin getäuscht hatte.

Gregor L. (Name geändert) feierte im vergangenen November in einer Kauferinger Disco in seinen 18. Geburtstag hinein. Irgendwann nach Mitternacht ging er in die angrenzende Spielothek und beob­- achtete dort, wie ein junger Mann von einem anderen Gast mit Faustschlägen zu Boden gestreckt und getreten wurde. Die Freundin des Schlägers zog ihn auf die Seite. Da versetzte Gregor L. dem Opfer noch weitere Tritte. „Ich weiß selber nicht, warum ich das gemacht habe“, so der 18-Jährige zerknirscht. „Ich war richtig besoffen.“ Gregor L. hatte Pech. Er ging zurück in die Disco, doch eine Mitarbeiterin der Spielothek erkannte ihn an seiner auffällig kräftigen Statur und führte die Polizei direkt zu ihm. Den Haupttäter glaubte sie ebenfalls wiederzuerkennen – an seinem Schal und seinem südländischen Aussehen. Sie erwischte jedoch den Falschen. Der 19-Jährige verstand die Welt nicht mehr, als ihm Monate später die Anklageschrift ins Haus flatterte. In einem Brief an das Amtsgericht nannte er den Namen des eigentlichen Schlägers – man kannte sich über gemeinsame Freunde. Richter Alexander Kessler lud den Betref­- fenden, einen 20-Jährigen aus Landsberg, als Zeugen vor. „Ich war derjenige, der geschlagen hat“, gab der junge Mann im Zeugenstand unumwunden zu. „Ich will nicht, dass wegen mir ein Unschuldiger bestraft wird.“ Davon, dass an dem Abend im November die Polizei in die Disco kam, hatte er gar nichts mehr mitbekommen – seine Freundin und ein Kumpel hatten ihn direkt nach dem Vorfall nach Hause verfrachtet. Es habe eine Rempelei zwischen ihm und dem Geschädigten gegeben, so der 20-Jährige. „Ich hatte das Gefühl, er haut mir gleich eine rein. Da habe ich zuerst zugeschlagen.“ Gegen ihn wird nun ein gesondertes Verfahren eingeleitet. Der 19-Jährige, der zu Unrecht beschuldigt worden war, wurde freigesprochen. Und Gregor L. muss wegen gefährlicher Körperverletzung für zwei Wochen in Dauerarrest und ein soziales Intensivtraining absolvieren. „Sie haben sich in eine Auseinandersetzung eingemischt, mit der Sie nichts zu tun hatten. Das war so überflüssig wie ein Kropf“, tadelte der Vorsitzende Richter Kessler. Der 18-Jährige wurde nach Jugendstrafrecht verurteilt, ansonsten wäre die Strafe härter ausgefallen, so Kessler. „Fußtritte gegen einen, der wehrlos am Boden liegt, gehen gar nicht. Sie haben einen Menschen wie ein Stück Dreck behandelt.“

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