»Die waren auf einmal drin«

Zoombombing in Landsberger Schulen: Wenn Fremde digital mitmischen

Hände an Tastatur mit Bildschirm
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Ob Pusten, Schnaufen, Einspielen von Musik oder O-Tönen, Einloggen mit skurrilen Namen, Beleidigungen oder gar mehr: Die Phantasie kennt keine Grenzen und die Bandbreite an Störungen im Online-Unterricht ist groß.

Landkreis – Seit Ende der Weihnachtsferien arbeiten die Schulen im Distanzunterricht vermehrt mit Videokonferenzen. Seitdem mehren sich bayernweit auch Berichte, dass schulische Online-Konferenzen durch unbekannte Eindringle gestört werden. Das kann einfach aus Jux oder Langeweile heraus geschehen. Aber wenn es um Beleidigungen oder Beschimpfungen geht, hört der Spaß auf. Auch Schulen im Landkreis Landsberg sind davon zum Teil betroffen. Und haben bereits Maßnahmen eingeleitet, sich vor solchen Fremdzugriffen zu schützen. 

„Die waren auf einmal drin“, berichtet ein zwölfjähriger Schüler einer Landsberger Schule: zwei Fremde, die die Lehrerin sofort aufgefordert habe, die Konferenz zu verlassen. Als dann eine dritte fremde Person die gleiche Konferenz störte, indem sie ins Mikro pustete, habe die Lehrerin die Konferenz abgebrochen, berichtet der Schüler.

Übergriffe auf Lern-Chats sind im Rahmen des Homeschooling ein neues Phänomen. Oft mag es nur ein lustig gemeinter Streich sein. Witzig ist es aber nicht mehr, wenn Kinder oder Lehrer beschimpft oder beleidigt werden. Gefährlich kann es werden, wenn pornografisches Material eingespielt wird, wie an zwei Schulen in Niederbayern bereits geschehen. Oder wenn daraus ein Social-Media Hype wird: mit Challenges, bei denen fremde Eindringlinge den Online-Unterricht stören und Videos davon online stellen, wie es etwa in Augsburg passiert ist.

Diese Fälle zeigen: Die Schwelle vom harmlosen Streich zur ernsten Straftat ist schnell überschritten. Auch bei der Polizei Landsberg ging Anfang des Jahres eine Anzeige hinsichtlich „Störungen nicht berechtigter Personen“ ein. Allerdings sei es hier „nur“ um Beleidigungen gegangen, die Unberechtigte im Online-Chat geäußert hätten, so die Polizei. Der Fall werde dennoch weiter verfolgt.

Doch wie kann es überhaupt dazu kommen? Besonders einfach haben es die Störer bei offenen Chats, etwa Zoom oder BigBlueButton. Denn da kann jeder rein, der einen Zugangslink hat. Voraussetzung ist natürlich, dass er weitergegeben wird. Und das ist zum Teil gewollt: Zugangsdaten werden an Dritte weitergeleitet, damit diese den Unterricht stören, erklärt ein 16-jähriger Schüler. Zum Teil würden die Links sogar auf sozialen Medien zur Verfügung gestellt. In Social Media Apps wie TikTok oder Instagram gibt es zahlreiche Accounts, die anbieten, Videokonferenzen zu stürmen. Tricks, um langweilige Schulstunden etwas aufzupeppen: „Zoombombing“ nennt sich das im ‚Fachjargon‘. Darüber hinaus gibt es sogar schon Störgeräusche im Internet, die eine schlechte Verbindung vortäuschen. Keine Lust mehr, an der Konferenz teilzunehmen? Keine Ahnung, wie die Antwort lautet? „Sorry, schlechte Verbindung“.

Streiche von heute?

Störungen in den Videokonferenzen gab es auch in der Johann-Winklhofer Realschule, bestätigt Schulleiter Herbert Woerlein. Der schlimmste Fall: Jemand habe sich mit dem Namen Adolf Hitler angemeldet. „Wir wissen nicht, ob das von außen kam oder ein Schüler war.“ In einer anderen Konferenz habe man plötzlich Originaltöne von Hitler gehört. Der fremde Übeltäter sei natürlich sofort aus der Konferenz entfernt worden. „Das habe ich sehr ernst genommen“, sagt Woerlein. Er habe sofort Eltern und auch Schüler angeschrieben und betont, dass er so etwas nicht dulde. „Darüber macht man in Deutschland keine Späße“, so Woerlein. Dennoch müssten sich Eltern keine Sorgen machen, sagt er. Es betreffe nur ein bis zwei Prozent der Konferenzen, man könne also nicht von einem „Großangriff“ sprechen. „Auch früher gab es Schülerstreiche,“ meint er. Das gehöre zur Schule wie das Pausenbrot. Da stecke nicht unbedingt immer gleich kriminelles Potenzial dahinter.

„Auch wir hatten Störungen,“ berichtet Bruno Bayer, Schulleiter des Dominikus-Zimmermann-Gymnasums Landsberg, „aber selten und nicht bösartig.“ Man habe sofort die nötigen technischen Schritte veranlasst, um das zu unterbinden, arbeite jedoch eh schon mit zwei geschlossenen, relativ sicheren Systemen. Bisher hätten zwar die Störungen im (Distanz-)Schulalltag kein sonderlich großes Problem dargestellt. Allerdings gehe so etwas ja im Präsenzunterricht auch nicht, „dass ein Fremder ins Schulgebäude kommt und sich plötzlich in ein Klassenzimmer setzt“. Allein, wenn jemand nur in diesem privaten Raum ‚drin ist‘, sei das schon nicht in Ordnung, meint eine Lehrerin an einer weiterführenden Schule in Landsberg, die anonym bleiben möchte. „Wir sehen hier die Gefahren, die Videokonferenzen auch bergen,“ so die Lehrerin. Trotzdem würden sie eine gute Möglichkeit bieten, mit den Schülern in Kontakt zu treten. Sie direkt fragen zu können, wie es ihnen geht. „Etwas mehr Nähe in diesen Zeiten.“

Digitaler Warteraum

Die Störer könne man „rauskicken“, sagt diese Lehrerin. Aber dazu müsse man sie erst erfassen. Und das dauere einige Zeit. Eine weitere Möglichkeit: Man kann die Konferenz verlassen und einen neuen Link versenden. Auch das ist aber mühsam und zeitaufwendig. Um zu vermeiden, dass eine fremde Person überhaupt hineinkommt, können Lehrer einen digitalen Warteraum einrichten und dann jeden einzelnen Schüler in den Chat mit aufnehmen. Sie dürfen als Moderator also entscheiden, wer reindarf und wer nicht. So handhabt es unter anderem auch die Realschule Kaufering. Auch hier habe es einige wenige Störfälle gegeben, sagt Schulleiterin Annette Ring. Die Möglichkeit des Warteraums habe man auch schon zuvor gehabt, er sei nur nicht aktiviert gewesen. „Mit solchen Vorfällen haben wir ja nicht gerechnet,“ meint Ring. „Wir begrüßen jetzt jeden Schüler einzeln“, sagt sie. Man erkenne ja die Stimmen, eine zusätzliche Sicherheit. Hinzu komme die soziale Note, die auch wichtig sei. Seit dieser digitalen Anwesenheitskontrolle habe es keinen Vorfall mehr gegeben.

Zusätzlich sei es aber wichtig, die Kinder darauf aufmerksam zu machen, verantwortungsvoll mit den Zugangsdaten umzugehen, meint Ring. Die Schulplattform biete keinen Platz für Schabernack. Darauf sollten sowohl Lehrer als auch Eltern achten. Das meint auch Herbert Woerlein, der nicht plötzlich „Killerjoe2“ im Chat erleben möchte. Durch die technischen Änderungen wird es den Eindringlingen schwerer gemacht. Aber nicht ganz unmöglich. Bei allen befragten Schulen kam es im Zuge der verstärkten Reglementierung aber zunächst zu keinen weiteren Vorfällen.

Allerdings gebe es da ein weiteres Problem, so Anja Schweikert, kommissarische Leiterin der Mittelschule Landsberg. Und das seien leider oftmals die Eltern. Denn die setzten sich zum Teil während der Online-Konferenz neben ihr Kind, um zu schauen, „wie die Lehrer das so machen.“ Das sei, allein schon datenschutzrechtlich, problematisch. Dass dann im Anschluss Beschwerden kommen, „der Lehrer redet zu schnell oder der andere zu leise,“ stehe auf einem anderen Blatt. Daher habe Schweikert die ausdrückliche Bitte an die Eltern herangetragen, den virtuellen Raum zu verlassen. Immerhin sei das Angebot einer Videokonferenz kein Muss, sondern ein „Zusatzbonbon.“
Andrea Schmelzle

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