Zwei Frauen beherzt für Ruanda – Lale Heim und Anna Dushime helfen mit HIV-infizierten Müttern

Eines Abends im Oktober vergangenen Jahres saß die Landsbergerin Lale Heim auf einem Plastikstuhl vor ihrem Zimmer und beobachtete, wie die Tropensonne Ruandas hinter einem Hügel unterging und die Hütten Kigalis in ein warmes Licht tauchte. An diesem Tag hatte sie erfahren, dass die Frauen, die seit einiger Zeit ihren Hygienekurs im Sozialzentrum „Apabena“ besuchten, alle mit HIV infiziert waren. Lale war traurig und erschüttert; die Bitte der Frauen nach Hilfe, drehte sich in ihrem Kopf. Am nächsten Tag hat sie ihnen vorgeschlagen, ihre Geschichten zu erzählen, um diese später in Deutschland zu veröffentlichen.

„Zum einen haben mich ihre Geschichten wirklich interessiert“, erklärte die 28-Jährige jüngst bei ihrer Lesung in Landsberg. „Ich wollte wissen, wie sie ihr Leben meistern. Zum anderen wollte ich, dass sie selbst etwas zu ihrer Hilfe beitragen können.“ Die Erlöse aus Veröffentlichungen und Lesungen sollten schließlich den Frauen als Anschubfinanzierung für ein eigenes Gewerbe dienen. Zehn der 38 Frauen aus dem Hygienekurs waren bereit, von ihrem Leben zu erzählen. Die anderen fanden nicht den Mut, denn das Thema HIV/Aids ist in Ruanda ein Tabu, obwohl 13 Prozent der Bevölkerung infiziert ist. So berichtet Uwimana Angelique in ihrer Geschichte, dass sie wegen der Infektion von ihrer eigenen Mutter gemieden wird und nicht am gemeinsamen Abendessen teilnehmen darf. Manchmal wird sogar nicht einmal für sie mitgekocht. Mit dem Virus wurde sie von ihrem inzwischen verstorbenen Mann angesteckt, der ein Trinker war und viele Affären hatte. 160 Eier pro Tag Mit den Einnahmen wird derzeit in Ruanda eine Hühnerfarm für die zehn Frauen aufgebaut. Die Ställe stehen schon. Letzte Woche kamen die ersten von 200 Hühnern. Mit dem Verkauf der durchschnittlich 160 Eier pro Tag können sich die Frauen ein Monatsgehalt von umgerechnet 18 Euro erwirtschaften. Als sie das hörten, sind sie aufgesprungen und haben getanzt und geweint vor Freude. „Jetzt sind wir reiche Menschen“, jubelten sie. Reichtum wird in Ruanda tatsächlich im Besitz von Rindern oder Hühnern gemessen, berichtet Lale Heim. Das Land gehört zu den am dichtesten bevölkerten der Erde. Es ist in etwa so groß wie Brandenburg, zählt aber 8,7 Millionen Menschen. Der Ackerboden ist vorwiegend durch Regenwaldrodung ent- standen und nur wenig ergiebig. Die Landwirtschaft ist daher ineffizient und reicht höchstens für den Eigenbedarf – wenn überhaupt. So gesehen ist die Freude der Frauen über ihre Hühnerzucht sehr verständlich. „Die Frauen tanzen und singen auch sonst sehr oft, trotz ihrer traurigen Geschichten“, fügt Anna Dushime hinzu. Anna zeigte sich auch tief beeindruckt von dem Glauben der Frauen: „Sie sind sich sicher, bei Gott aufgehoben zu sein.“ Und das trotz der Erlebnisse, „die den Rahmen sprengen.“ Anna Dushime stammt selbst aus Ruanda. Im Alter von fünf Jahren ist sie zusammen mit ihrer Mutter vor dem Genozid geflohen, bei dem etwa eine Millionen Menschen ermordet wurden. Auch Annas Vater gehört zu den Opfern. Eine Station auf ihrer Flucht war das Hotel Mille Collines, das durch den Film „Hotel Ruanda“ weltbekannt wurde. Die 19-Jährige lebt seit neun Jahren in Deutschland und studiert heute Internationales Marketing in Venlo. Anna blickt nach vorn, wie alle im Ausland lebenden Ruander, die sie kennt: „Wir haben das Gerede von Hutus oder Tutsis satt“, sagt sie auch an diesem Abend im Landsberger Pfarrzentrum. Ihre frische, kluge Art und ihr Vortrag, der mühelos zwischen perfektem Deutsch und fließendem Kinyarwanda wechselt, hinterlässt beim Zuhörer keinen Zweifel daran, dass sie das Zeug dazu hat, eines Tages die Marketingabteilung eines Weltkonzerns zu leiten. Und doch: Wie werden sich ihre Wurzeln in Ruanda, einem der traurigsten Orte dieser Welt, in ihrer Biografie auswirken? Das Projekt mit den Frauen in „Apabena“ hat Dushime jedenfalls in Kigali weiter geführt, nachdem Lale Heim Ruanda wegen eines Krankheitsfalles in ihrer Familie früher als geplant verlassen musste. Ihr Entschluss war genauso spontan, wie der Lales an jenem Abend im Oktober. Totale Stille im IKG Die beiden jungen Frauen haben keine Business-Pläne und groß gedachte Visionen für das Land Ruanda aufgestellt, bevor sie sich entschieden haben zu helfen. Doch jetzt könnten sie einen abendfüllenden Vortrag über Hühnerzucht halten. Ihr persönlicher Einsatz ist enorm. Und ihre emotionale Beteiligung überträgt sich sofort auf die Zuhörer. So hatten sie am selben Tag auch Auftritte in Landsberger Schulen. Am Ignaz-Kögler-Gymnasium sprachen sie überwiegend vor der achten Jahrgangsstufe. Ein älterer, anwesender Schüler stellte am Ende erstaunt fest: „Unglaublich, jetzt waren drei achte Klassen eineinhalb Stunden lang total still.“ Projekt erweitert Während es sich die reichen Länder erlaubt haben, 3.000 Milliarden Euro in einer Finanzkrise zu verbrennen, bauen Lale Heim und Anna Dushime Hühnerställe gegen die Traurigkeit in Ruanda und machen 10 Frauen mit je 18 Euro pro Monat zu „reichen Menschen“. Doch wirklich reich sind diese Frauen nicht einmal für ruandische Verhältnisse. Zusammen haben sie 44 Kinder. Einige davon sind Kriegswaisen, die sie adoptiert haben. Schon jetzt ist klar, dass die Frauen ihre Kinder mit dem neuen Gehalt nur gerade eben versorgen können. An schulische Bildung oder medizinische Absicherung in Notfällen ist noch nicht zu denken. Um auch die Kinder der Frauen unterstützen zu können, ist der Umfang des Projektes im Vergleich zur ursprünglichen Planung gestiegen. Für Spenden sind Lale Heim und Anna Dushime deshalb weiterhin sehr dankbar. Als nächstes ist geplant, die Geschichten in einem Buch zu veröffentlichen. Einen Verlag dafür will Lale demnächst suchen. Es ist der nächste Brocken auf ihrem Weg. Doch bislang hat ihre Arbeit immer genau zum richtigen Zeitpunkt „zufällig“ die Unterstützung bekommen, die sie brauchte. Die Ausrichtung stimmt also. Infos zu dem Projekt gibt’s im Internet: http://sites.google.com/site/apabena/. Das Spendenkonto für das Ruanda-Frauenprojekt: 1425410600 bei der Sparkasse am Niederrhein, BLZ 35450000; Kontakt: laleheim@hotmail.com.

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