Zwischen Himmel und Erde

Sprayer-Kunst mit kritischer Botschaft gibt es seit Kurzem an verschiedenen Gebäuden des Klosters St. Ottilien zu sehen. Foto: Osman

Der Sargdeckel hebt sich. Zum Vorschein kommt ein Skelett in Lederhose, der Trachtenhut fliegt ihm im Luftzug vom Kopf. Von oben regnet es Geldscheine. Darüber steht die Inschrift „Memento Money“, eine satirische Abwandlung der lateinischen Mahnung „Memento mori“ (Bedenke, dass du sterben musst). Das Werk des österreichischen Künstlers Nychos prangt riesengroß an der Fassade des alten Kuhstalls von St. Ottilien und ist im Zuge des Festivals „Heaven meets Earth“ entstanden, bei dem international renommierte Streetart-Künstler die Klostermauern bemalen.

Den Sarg im Geldregen kann man auf unterschiedliche Weise deuten. Kurator Christian Burchard sieht das Bild als künstlerischen Kommentar zur aktuellen Diskussion um Kirchensteuer und Kirchenzugehörigkeit – ohne Money keine Sakramente. Pater Cyrill Schäfer, ebenfalls Kurator des Projekts, versteht die Botschaft allgemeiner – als Kritik an der Konsumgesellschaft und der ewigen Jagd nach dem Geld. Dass das Werk ausgerechnet auf dem Klostergelände als Provokation verstanden werden kann, räumt er ein. „Das ist eben der Stil des Künstlers.“ Sowohl einzelne Besucher als auch Mitbrüder hätten befremdet reagiert, doch Pater Cyrill bleibt entspannt. „Wer sich das Motiv richtig anschaut, versteht schon, was der Künstler sagen will.“ Die Fassade des ehemaligen Feuerwehrhauses gehört Loomit, einem deutschen Sprayer-Star. Sein Bild passt zur Geschichte des Gebäudes: Ein Feuerwehrmann in Mönchskutte, Helm und Atemschutz löscht einen Brand. Das Bild kommt mit wenigen Farben und wenigen Symbolen aus: das Herz, das unter Strom steht, der rote Hahn, der im Begriff ist, in einer wasserblauen Hand zu verschwinden. Für Loomit war der Einsatz in St. Ottilien nach 30 Jahren in der Szene eine Premiere. „Kirchen habe ich schon bemalt, ein Kloster noch nie“, sagt er. Nicht alle der Werke sind gesprüht. „Ich bin ja kein Sprayer“, sagt Karl Witti. Er ist Grafiker und Bühnenmaler, und genauso hat er sein Wand-Bild gestaltet. Es basiert auf einer seiner Bleistiftzeichnungen. Der Räuber Matthias Kneißl steht auf einer Insel aus Steinen, um ihn herum aufbrechende Gefängnismauern und blauer Himmel, Segel blähen sich als Symbol der Hoffnung. Witti hat die Grafik kopiert und vergrößert, auf Packpapier übertragen und die Konturen mit einem Schneiderrädchen nachgezogen. „Dadurch entstanden winzige Löcher, durch die die Linien auf die Wand gemalt wurden“, erklärt der 65-Jährige. Eine mühsame Arbeit, zwölf Tage hat er allein für die Vorbereitungen gebraucht. Das Bild ziert die Stirnwand des Schwimmbads, das zum Rhabanus-Maurus-Gymnasium gehört. Die Schulkinder hatten Spaß daran, ihm bei der Arbeit zuzusehen. „Sie kamen in den Pausen und stellten kluge Fragen“, sagt der Künstler. „Das hat mir gefallen.“ Begeistert vom Arbeiten auf dem Klostergelände ist auch Glas- und Multimediakünstler Tobias Krug. „Es ist so ein schöner Ort hier“, schwärmt er und betrachtet die Mauer, auf die er eine 40 Meter lange Abfolge von Planetenstellungen aus geozentrischer Sicht gemalt hat. 111 Jahre will er auf diese Weise symbolisieren, beginnend mit der Weihe der Klosterkirche 1903. Dass seitdem erst 109 Jahre vergangen sind, störte am Tag der offiziellen Festival-Eröffnung unter der Schirmherrschaft von Ex-Staatsminister Thomas Goppel keinen der Besucher, die im strömenden Regen das Werk bewunderten. Goppel hat sogar Parallelen zwischen Streetart und Politik ausgemacht: „Auch die Politik muss auf die Straße gehen, um wahrgenommen zu werden. Allerdings darf sie sich nicht so viele Experimente leisten.“

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