Keine Kontrolle mehr

Vorbestrafter Schongauer wird zu Freiheitsstrafe verurteilt

Amtsgericht Weilheim von außen.
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Vor dem Amtsgericht Weilheim musste sich ein Schongauer gleich wegen drei Delikten verantworten.
  • Stephanie Novy
    vonStephanie Novy
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Schongau/Weilheim – Es waren schwerwiegende Vorwürfe, mit denen sich ein 27-Jähriger aus Schongau vor dem Amtsgericht Weilheim konfrontiert sah. Es ging um sexuellen Missbrauch, schwere Körperverletzung und Nötigung – alles im Zusammenhang mit Minderjährigen.

Die Vorwürfe, die die Staatsanwaltschaft gegen den 27-Jährigen erhebt, sind gravierend. Die zum Tatzeitpunkt neunjährige Nichte seiner Freundin soll der Mann auf den Mund geküsst und auch immer wieder Küsse auf die Wange von ihr verlangt haben. Zudem steht in der Anklageschrift, dass der Schongauer das Mädchen ins Gesäß gebissen und über die Ohrmuschel geleckt haben soll.

„Das stimmt so nicht“, widerspricht der Angeklagte dem Vorwurf des sexuellen Missbrauchs. Er spricht von Gute-Nacht-Bussis auf die Wange; nicht von Küssen auf den Mund. Einmal habe das Mädchen dabei seinen Kopf gedreht und so sei es zu dem Bussi auf den Mund gekommen. Am nächsten Morgen sei die Neunjährige dann zu ihm und seiner Freundin ins Bett gekommen. Man habe gekuschelt.

Die Mutter des Mädchens berichtet im Zeugenstand jedoch von Erzählungen ihrer Tochter. Sie habe ihr gesagt, dass der Angeklagte sie immer wieder auf den Mund geküsst habe. Auch die Beamtin von der Kriminalpolizei Weilheim, die die Vernehmung des Mädchens übernommen hatte, schildert die Vorkommnisse anders. Der 27-Jährige habe laut der Nichte immer wieder versucht, sie zu küssen, habe sie „abgeschleckt“ und sich auf sie gelegt. „Ihr war das unangenehm“, gibt die Beamtin die Worte der Neunjährigen wieder.

Die Mutter des Mädchens schien mit den Äußerungen ihrer Tochter zunächst etwas überfordert. „Ich wusste erst nicht, wie ich damit umgehen soll“, erzählt sie der Vorsitzenden Richterin Claudia von Hirschfeld. Doch dann habe sie ihrer Tochter verboten, nochmal bei dem 27-Jährigen zu übernachten. Ihrer Schwester habe sie per Smartphone-Nachricht mitgeteilt: „Solange du mit diesem Menschen zusammen bist, möchte ich keinen Kontakt.“ Für das Mädchen sei die Situation schwer gewesen, „weil sie ihre Tante nicht mehr sehen konnte“, sagt ihre Mutter.

Wie schwer die Vorwürfe die Familie belastet haben, wird bei der weiteren Aussage der Mutter klar. Mittlerweile habe sie wieder Kontakt zu ihrer Schwester und deren Freund. „Meine Tochter und ich haben sie sehr vermisst“, erklärt sie und kann die Tränen dabei nicht zurückhalten. Als die Richterin sie nach der Beziehung zu ihrer Schwester und dem Angeklagten fragt, ringt sie sichtbar nach Worten. „Sehr angespannt“, sagt sie daraufhin. „Ich finde es nicht gut, wie er in der Familie agiert.“ Allerdings: „Ich muss ja akzeptieren, dass sie mit ihm zusammen ist.“ Mittlerweile habe ihre Schwester ein Baby mit dem Angeklagten und eine Hochzeit stehe auch an.

Fünfjähriger schwer verletzt

Ein weiterer Anklagepunkt gegen den 27-Jährigen ist schwere Körperverletzung. Im Streit mit dem damals fünf Jahre alten Sohn seiner Freundin soll der Mann die Kinderzimmertür zugeschlagen haben. Dabei stand der Junge laut Anklageschrift im Türrahmen und ihm wurde die Fingerkuppe eines Mittelfingers abgetrennt.

Der 27-Jährige widerspricht der Anklageschrift. Einen Streit habe es nicht gegeben. Er habe Fangen mit dem Jungen gespielt. Dabei sei er aus dem Kinderzimmer vor dem Jungen weggelaufen und habe hinter sich die Türe zugemacht. Der Junge sei zu diesem Zeitpunkt jedoch in der Mitte des Raumes gewesen.

Der Polizeibeamte, der mit dem kleinen Jungen sprach, schildert den Hergang allerdings so wie in der Anklageschrift festgehalten. Zudem berichtet er von dem wohl angespannten Verhältnis zwischen dem Jungen und dem Angeklagten. Der 27-Jährige haben den Bub schon vorher „aufgezogen“, weil sich dieser „wie ein Mädchen verhalte“. Zudem habe er ihn mit Ohrenschnipsen und dem Ansprühen mit einer Sprühflasche drangsaliert.

Erst einige Zeit später, gibt der Angeklagte während der Verhandlung zu, dass es durchaus Streit gegeben habe. Deshalb habe er auch die Türe zugeschlagen. „Ich war sehr gereizt und überfordert.“ Verletzen wollte er den Bub aber nicht.

Beim dritten Anklagepunkt bestreitet der Mann nichts. Seinen 16-jährigen Nachbarn habe er am Telefon bedroht. „Wenn‘s sein muss, stech‘ ich dich ab“, war laut der Staatsanwältin eine der Aussagen. Grund war wohl, dass die damalige Freundin des Nachbarn dem Angeklagten von Streitigkeiten in der Beziehung berichtet hatte. Dass der Nachbar dem 27-Jährigen körperliche Gewalt offenbar zutraut, zeigte sich darin, dass er die Nacht woanders verbrachte. Er habe Angst gehabt, nach Hause zu gehen.

Der Angeklagte gibt die Tat zu. Erklärt aber zugleich, dass er an diesem Abend eineinhalb Flaschen Wodka getrunken habe. „Ich hatte keine Kontrolle mehr.“

Dass der Angeklagte mit einer Gefängnisstrafe rechnen muss, war schnell klar. Mehrfach vorbestraft, eine bereits verbüßte Haftstrafe, offene Bewährung, drei Therapieabbrüche – eine positive Sozialprognose kann das Gericht so kaum stellen. Richterin von Hirschfeld spricht von einer Impulskontrollstörung, Drogen und Alkohol. „Sie sitzen mit zwei Kindern in der Wohnung und haben es bisher nicht geschafft, eine Therapie auch nur ansatzweise zu Ende zu bringen.“

Das Urteil: zwei Jahre Freiheitsstrafe ohne Bewährung wegen gefährlicher Körperverletzung und Nötigung. Vom Vorwurf des sexuellen Missbrauchs wurde er freigesprochen. Schon während der Verhandlung erkannte die Richterin zwar ein „absolut unangebrachtes Verhalten“, eine sexuelle Erregung seitens des Angeklagten gab es wohl aber nicht.

Sowohl die Verteidigung als auch die Staatsanwaltschaft haben Berufung gegen das Urteil eingelegt.

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