Grenzgänger im Wunderland

Corona-Einschränkungen: Eine Analyse von Werner Lauff

Parkplatze Breitachklamm
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Wandern geht auch in Zeiten von Corona, doch im Herbst 2020 drohte das System zu kollabieren – etwa wie hier in der Breitachklamm bei Oberstdorf.

Region – Unter der Überschrift „Das Virus und das Volk“ hatte der Kreisbote im Mai 2020 die Argumentation von Corona-Leugnern und Masken-Gegnern analysiert. Schränkt der Staat willkürlich Grundrechte ein oder schützt er das Recht auf Leben? Ist das Virus weniger schlimm als eine Grippe oder laufen wir auf eine Krise unseres Gesundheitssystems zu? Haben sich die Staats- und Regierungschefs verschworen oder treffen sie nur ähnliche Maßnahmen? Die einen sagen: Der Staat drangsaliert uns. Er zwingt uns zum Verzicht. Er demütigt uns mit der Maskenpflicht. Die anderen sagen: Die Politik hat das Virus doch nicht erfunden. Sie reagiert darauf mit der notwendigen Entschlossenheit. Und sie wägt immer wieder ab, was erforderlich ist.

Die Gruppe der Fundamental-Kritiker ist inzwischen nicht wesentlich größer geworden. Aber es gibt Anzeichen einer Verfestigung und Vernetzung. Rechtsradikale, Systemfeinde, Populisten, Medienkritiker, Verschwörungsgläubige, unwissenschaftlich agierende Mediziner, Corona-Leugner und Maskengegner kommen sich immer näher, was bei Demonstrationen offenbar wird. Unter dem gemeinsamen Nenner „Hass“ bilden sie eine verhängnisvolle Allianz der Negation. Corona ist für viele nur der willkommene Anlass für eine dauerhafte destruktive Agitation.

Chatgruppen bei Telegram und anderen Diensten spielen dabei eine große Rolle. Die sozialen Medien sind inzwischen so atomisiert, dass die Nutzer weder Kontrolle noch Widerspruch fürchten müssen. Die Filterblasen werden kleiner und wirksamer. Die Gruppenmitglieder bestärken sich gegenseitig; die angestrebten Gefühle Zugehörigkeit, Bedeutung und Anerkennung werden vollständig erreicht.

Dadurch entstehen sektenähnliche Strukturen. Freundschaften mit Nicht-Mitgliedern zerbrechen schnell. Gespräche, die früher ins Detail gingen, werden nur noch vorsichtig und unverbindlich geführt. Die Kluft wird irgendwann unüberwindbar. „Corona hat mich dazu gebracht, Menschen satt zu haben, die ich mein ganzes Leben lang kenne“, schrieb ein Psychologe. Echte Freundschaft setze eben doch voraus, dass man in Grundfragen nicht meilenweit auseinander ist.

Auch der Staat kommt mit dieser Entwicklung nicht zurecht. Es gibt keinen Grund, stundenlange Demonstrationen in Innenstädten zu genehmigen. Es ist naiv, die Einhaltung der Auflagen „Abstand und Maskenpflicht“ zu unterstellen, obwohl man weiß, dass ihre Nichteinhaltung integraler Bestandteil der Demo ist. Und es ist unverständlich, wenn Behördenvertreter ein „Attest“ zur Befreiung von der Maskenpflicht ernst nehmen und sich so verhalten, als sei die begünstigte Person ansteckungsberechtigt. Masken schützen Mitmenschen. Wer keine Maske tragen kann, darf sich Mitmenschen nicht nähern. Die Teilnahme an einer Demonstration ist damit ausgeschlossen.

Der Zwischenstand: Der Riss ist größer geworden. Und unsere Demokratie ist noch nicht wehrhaft genug. Wir leisten zur Absonderung von Teilen der Gesellschaft ins Absurde sogar noch Beihilfe.

Unrealistische Sicht

Es gibt aber auch ein Phänomen, das Corona offenbart und möglicherweise sogar noch verstärkt hat. Dieses Phänomen lässt sich in etwa so formulieren: Ganz viele von uns haben eine unrealistische Sicht auf das Leben, die sie unvermindert auch an jüngere Generationen weitergeben. Man erkennt diese Tendenz nur, wenn man genau hinsieht und hinhört.

Im Bayerischen Rundfunk sagte eine Moderatorin, das Jahr 2020 sei „wegen der Einschränkungen“ ein schlechtes Jahr gewesen. Sie hoffe darauf, dass sie bald wegfallen. Mit Verlaub: Das Fatale am Jahr 2020 waren nicht die Einschränkungen, sondern die Tatsache, dass an manchen Tagen bis zu 30 000 Menschen an Corona erkrankten und 1 000 daran starben. Unsere Hoffnung muss darauf zielen, dass wir die Pandemie im Jahr 2021 mit Impfungen in den Griff bekommen. Es geht nicht um Annehmlichkeiten, es geht um Leben und Tod.

Der gleiche Sender rief im Sommer dazu auf, Ausflüge in Bayerns Touristenorte zu machen, mal empfahl man Bamberg, mal Oberstdorf: „Machen Sie es sich schön!“ Mit Verlaub: Alle Hörer in die Innenstädte und sogar noch an die gleichen Orte zu schicken, ist in Corona-Zeiten Unsinn. Die genannten Ziele waren gar nicht in der Lage, den Ansturm zu bewältigen. Die Bewohner bekamen berechtigte Angst.

Die Angabe der Ordnungsbehörden, selbstverständlich könne man zum Essen und Trinken die Mund-Nasenbedeckung abnehmen, diente vor Weihnachten zur Legitimierung gemeinsamen Glühwein-Trinkens in den Innenstädten. Mit Verlaub: Die Polizei hat nicht davon gesprochen, dass Abstand nun keine Rolle mehr spielt. Sie hat den Wirten auch keine Ausnahmegenehmigung erteilt.

Episoden wie diese geben einen ersten Anhaltspunkt: Kann es sein, dass wir im vergangenen Jahr vor allem danach gestrebt haben, das Erlaubte, genauer gesagt, das nicht Verbotene, so weit wie möglich auszureizen?

Ein Grundproblem dabei ist: Maske und Abstand sind oft Pflicht, gleichzeitig aber auch eine Fiktion. Ein Mann geht ins Zentrum, wo Maskenpflicht besteht, sieht einen Polizeiwagen, hält sich eine Maske an den Mund und lässt sie wieder sinken, als die Ordnungshüter vorbeigefahren sind. Eine Frau kommt aus dem Supermarkt, reißt sich noch im Vorraum die Bedeckung herunter und erledigt alles Weitere, samt Rückgabe des Einkaufswagens und Betrachtung der Weihnachtssterne, im Schulterschluss mit anderen Maskenlosen. Ein Taxi-Fahrgast steigt ohne Mund- und Nasenschutz ein; im Zug hatte er die Bedeckung noch auf. Ein Paketbote wird im Hausflur abgepasst, wobei das Distanzgebot in Vergessenheit gerät. Jemand klingelt an der Tür, wir sagen reflexartig „Komm rein!“. Im Restaurant sinken Umsicht und Abstand mit steigender Stimmung; dass keine Gaststätte mehr öffnen darf, liegt nicht an den Gastronomen.

Über die fortlaufende Nutzungsdauer ein und derselben Maske wünschen wir uns übrigens gar keine Informationen; manche sehen jedenfalls so aus, als würden sie seit März benutzt.

Was darf ich noch?

Was muss ich schon, was darf ich noch? Das scheint unsere Devise des Jahres 2020 zu sein. Dass wir eigentlich alle zusammen mehr tun müssen, um Ansteckungen zu reduzieren, ist nicht in den Köpfen verankert. Dabei ist es doch klar, dass der Staat allenfalls das Typische und Gemeinsame des komplexen individuellen Lebens regeln kann – und das ist nur ein Bruchteil des realen Daseins. Was nicht verboten ist, das ist nicht etwa erlaubt, sondern fällt in die Kategorie „selbst denken, selbst abwägen, selbst entscheiden“.

Interessant ist dabei, dass man im persönlichen Gespräch durchaus auf Bewusstsein stößt. Jeder beteuert, besonders aufzupassen. Doch in der Praxis geben wir uns allzu gern Erlaubnis, unvorsichtig zu sein. Warum ist das so? Verhalten wir uns so unbedacht, weil das Virus unsichtbar ist? Eigentlich kann es das nicht sein. Die Verstrahlung von Tschernobyl, die bis in Bayerns Wälder reichte, war ja auch unsichtbar. Verdrehte Eiweiße, die BSE auslösten, schlummerten genauso im Verborgenen. Kolibakterien wie Ehec können wir auch nicht durch bloßes Hinsehen erkennen. Nein, das Problem geht ein Stück weiter. Wir halten es für eine Selbstverständlichkeit, dass wir unser Leben auf hohem Niveau fortsetzen können. Wir glauben, geradezu einen Anspruch darauf zu haben. Und wir wollen nicht wahrhaben, dass es keine Garantie dafür gibt.

Genau betrachtet ist es ja bereits eine außergewöhnliche Gunst, dass die meisten der derzeit lebenden Deutschen bislang keine Kriege, keine Vertreibung, keine Hungersnot und keine Zerstörungen erleben mussten. Das ist anderswo anders. In der Welt gibt es derzeit 80 Millionen Flüchtlinge. 2019 verzeichneten wir 27 Kriege und bewaffnete Auseinandersetzungen. In über 60 Regionen der Welt gibt es ein hohes oder extrem hohes Risiko, Opfer von Gewalt zu werden. 2020 standen halbe Kontinente in Flammen. Viele Länder litten unter Naturkatastrophen. 70 Millionen Menschen verdienen weniger als zwei Dollar pro Tag.

Wir aber meinen, dass es unabdingbar ist, am letzten Tag vor dem Lockdown noch zu IKEA zu fahren. Wir halten die Schließung des Haxenwirts für einen Grundrechtsverstoß. Wir fahren ins Risikogebiet in den Urlaub, wir passen ja auf. Wir rechnen uns aus, wie viele Eins-zu-Eins-Kontakte man an einem Tag an Weihnachten wohl hinbekommt. Wir verhalten uns, als wäre Deutschland ein Wunderland, für das wir eine Dauerkarte haben.

Dabei ist selbst diese Analyse noch unvollständig. Seien wir ehrlich: Wir tasten uns nicht nur an die Limits heran, wir überschreiten sie auch immer wieder, wenn niemand Zeuge ist. Wir sind Grenzgänger nach dem Ich-Prinzip. In vielen bayerischen Landkreisen gibt es enorm viele Unfallfluchten. Das heißt: Hunderte Male pro Jahr machen sich Autobesitzer feige aus dem Staub und lassen die Geschädigten mit dem Schaden allein. Das Ich-Prinzip kommt aber auch bei harmloseren Aktionen zum Ausdruck, etwa beim Verzicht aufs Blinken bei der Ausfahrt aus dem Kreisverkehr. Dass da ein anderer wartet und nun länger warten muss, das ist doch egal. Es gäbe viele Beispiele aus diesem Bereich, aber schon mit dem Benennen macht man sich lächerlich: Du bist ja vielleicht naiv. Das machen doch alle so.

Der Viktualienmarkt in München, eine über 200 Jahre alte kulturelle und städtebauliche Errungenschaft, steht vor dem Aus, weil monatelang Käufer wegblieben. Sie stießen immer wieder auf Menschen, die ihre Sorglosigkeit selbstbewusst zur Schau trugen. Die Politik hatte das maskenlose „Durchqueren und Flanieren“ des Markts nämlich erlaubt; nur wer etwas kaufen wollte, musste einen Schutz tragen. Natürlich hatte jeder der „Durchquerer und Flanierer“ eine Maske dabei, denn er benötigte ja vielleicht auch mal eine Semmel. Aber der Gedanke „Ich setze hier keine Maske auf. Ich muss das nicht“ war offenbar viel zu dominant.

Unglaubwürdige Politik

Insofern hat auch die Politik Fehler gemacht. Der größte war, sich auf die Verkündung von Einschränkungen und deren Aufhebung zu konzentrieren. Es wäre wohl sinnvoller gewesen, den Ernst der Lage zu verdeutlichen und viel mehr für das drohende Leid zu sensibilisieren. Auf jeder Zigarettenschachtel steht ein abschreckendes Bild, das uns vom Rauchen abhalten soll. Wo sind die Plakatwände mit den Gesichtern der Corona-Toten? Wo die Fotos aus der Intensivstation? Wo sind die Berichte der erschöpften Pfleger? Wo sieht man die Trauer der Witwen und Waisen?

Es ist aber auch die Unglaubwürdigkeit, mit der uns die Politik Probleme macht. Da gibt es Gemeinderatssitzungen mit angeblicher „Sitzungsverpflegung“, die dann kurz vor dem Lockdown zum Bier-Wein-und-Häppchen-Chillout mutieren; an der verantwortlichen Amtsausübung von Verwaltungschefs kann man da zweifeln. Mitten in der Krise beraten Landkreise, Städte und Märkte über Investitionsprogramme, die die Verbindlichkeiten vervielfachen würden. Da ist es ja schon fast verständlich, dass der normale Bürger vom Sich-etwas-Gönnen nicht ablassen kann.

Die Politik schafft sich damit ein doppeltes Problem. Irgendwann müssen die Schulden des Bundes, der Länder, der Landkreise und der Kommunen wieder abgetragen werden. Und dann kollidieren das Anspruchsdenken und Kontinuitätsstreben der Bürger mit den Möglichkeiten des Staates. Beide Haltungen zusammen bilden auch eine hohe Hürde für die Bewältigung des Klimawandels. Glauben wir ernsthaft, die Bürger würden massive Beschränkungen ihrer Mobilität akzeptieren? Da sie es nicht tun, müssen die Kommunen mit viel Geld vorher Systeme alternativer Mobilität schaffen. Können sie das überhaupt noch? Oder haben sie sich zuvor längst übernommen?

Das Fazit: Wir sind allzu oft Grenzgänger im Wunderland. Wir sollten das An-die-Grenzen-Gehen in Frage stellen. Dies gilt umso mehr, als diese Haltung oft rücksichtslos ist, das „Ich“ in den Vordergrund stellt und die Interessen anderer missachtet. Das gilt während der Corona-Pandemie genauso wie später. Etwas ist nicht verboten heißt nur: Die Sache ist der eigenen Vernunft überantwortet.

Und diese Vernunft können wir nur ausüben, wenn wir uns nicht irreleiten lassen. Von dem Gefühl, wir bräuchten permanent Genuss. Von dem Wunsch nach stetigen Kontakten, egal wie sinnvoll sie sind. Vom Drang, schneller zu sein als andere. Vom Irrglauben, dass alles bleibt, wie es ist. Nur dann kommen wir, nur dann kommen auch Kinder und Enkel, mit der Tatsache zurecht, dass wir eben nicht in einem Wunderland leben, in dem alles gegeben ist und nichts genommen wird, sondern dass wir unser Leben permanent neu gestalten müssen. Nichts ist dauerhaft. Nichts ist selbstverständlich. Auf nichts gibt es Anspruch. Wenn wir das jetzt nicht lernen, wann lernen wir es dann?

Von Werner Lauff

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