"Zivilcourage ist der beste Schutz"

Heimliche Fotos unter den Rock: Gespräch mit der Beratungsstelle Weilheim und Oberland

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Eine Rolltreppe kann Tatort für sogenanntes Upskirting sein – das erst seit Anfang Juli eine Straftat darstellt. „Die ganze Thematik rund um sexualisierte Gewalt wird in der Politik nun endlich immer ernster genommen“, hofft Beraterin Michaela Zeilmeir.

Landkreis – Das heimliche Fotografieren in den Ausschnitt oder unter den Rock, sogenanntes Upskirting, ist eine Straftat – allerdings erst seit Anfang Juli, als der Bundestag ein entsprechendes Gesetz beschloss. Das gleiche gilt seither für das Fotografieren von Unfalltoten. Der Kreisbote hat sich mit Michaela Zeilmeir über das Thema unterhalten. Sie arbeitet für das Netz gegen sexuelle Gewalt – Beratungsstelle Weilheim und Oberland.

Nachgefragt bei der Schongauer Polizei

Auf Anfrage des Kreisboten habe er das Archiv der letzten zwei Jahre nach Upskirting-Fällen durchgesehen und dabei nichts gefunden, erklärt Herbert Kieweg, Chef der Schongauer Polizeiinspektion. „Das heißt aber nix“, verweist Kieweg darauf, dass die Dunkelziffer durchaus höher liegen könnte. Die Gründe dafür schildert Michaela Zeilmeir (Netz gegen sexuelle Gewalt – Beratungsstelle Weilheim und Oberland) im Interview.

Michaela Zeilmeir im Gespräch

Frau Zeilmeir, seit Anfang Juli gilt Upskirting als Straftat. Das wirft die Frage auf: Wieso ist das nicht schon immer so?

Zeilmeir: „Bisher wurde Upskirting als Ordnungswidrigkeit eingestuft, mit geringen Geldbußen. Vergewaltigung in der Ehe musste auch erst gesetzlich verboten werden, weil es offensichtlich Männer gibt, die es auch in der Ehe nicht für selbstverständlich halten, dies nicht zu tun. Die ganze Thematik rund um sexualisierte Gewalt wird in der Politik nun endlich immer ernster genommen.“

Sind wir in Deutschland diesbezüglich spät dran?

Zeilmeir: „In den USA ist diese Form von Übergriff, also Upskirting, schon länger verboten.“

Wie häufig kommt es vor, dass sich Betroffene an Sie wenden?

Zeilmeir: „Mir ist kein Fall aus unserer Beratungsstelle Weilheim und Oberland bekannt. Dennoch ist das Thema sehr relevant, da es widerspiegelt, dass Mädchen und Frauen mitunter als verfügbar wahrgenommen werden und persönliche Grenzen nicht gewahrt werden müssen.“

Auch eine Kreisboten-Anfrage bei der Schongauer Polizeiinspektion ergab, dass keine Fälle bekannt sind.

Zeilmeir: „Möglicherweise haben die Betroffenen das Fotografieren nicht mitbekommen. Es wird betont unauffällig oder sehr geschickt vorgegangen. In ein Gespräch verwickelt, damit die Aufmerksamkeit abgelenkt wird, wenn fotografiert wird. Benutzt werden oft Handykameras, Tatorte sind Treppen, Rolltreppen oder Leitern. Betroffene schämen sich möglicherweise auch, dass ihnen ein sexualisierter Übergriff widerfahren ist. Die Aussicht, dass keine oder geringe Konsequenzen für den Täter folgen, ist vermutlich auch ein Hemmnis, zur Polizei zu gehen. Vielleicht stellt sich auch Angst ein, dass der Täter weiter gehen könnte.“

Welche Folgen kann so ein Übergriff haben?

Zeilmeir: „Die Betroffenen werden zum Opfer dieses Voyeurismus. Sie werden misstrauisch, fühlen sich nicht mehr sicher. Sie könnten Aggressionen gegen Männer entwickeln und auch anderen Menschen gegenüber bei grenzverletzender Sprache und Verhalten oder anders bedrohlichen Situationen. Betroffene fühlen sich abgewertet durch die Verletzung ihrer Intimsphäre. Der effektivste Schutz: Passanten, die einen Mann beim Upskirting beobachten, sollten die betroffene Frau oder das betroffene Mädchen darauf aufmerksam machen und mit ihr gemeinsam den Täter ansprechen. Hier ist jeder einzelne gefragt, seine Umwelt im Blick zu behalten und im Fall der Fälle Zivilcourage zu zeigen.“

Interview: Rasso Schorer

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