Lage auf der Schongauer Intensivstation:

»Halten weiterhin aus und durch«

Krankenhaus Schongau Corona Krankentransport Schutzkleidung
+
Die Arbeit in kompletter Montur – hier ein Krankentransport – erschwert den direkten Kontakt zum Patienten. Ein „Riesen-Problem“, findet Dr. Hans Michel.
  • vonRasso Schorer
    schließen

Schongau – Der Anzahl der Intensivbetten kommt derzeit vor dem Hintergrund der Dritten Welle in der Corona-Pandemie wieder große Aufmerksamkeit zu. Wie sich die Lage auf der Schongauer Station darstellt, dazu gab das Krankenhaus am gestrigen Mittwoch im Rahmen eines Online-Pressegesprächs Auskunft.

Rund eine Dekade jünger als zu Beginn der Pandemie sei der durchschnittliche Patient auf der Intensivstation mittlerweile, schildert Dr. Florian Amor. Der Oberarzt der Klinik für Innere Medizin erkennt darin einen Effekt der fortschreitenden Impfkampagne, die die älteren Jahrgänge mittlerweile zu einem großen Teil erreicht hat. „65, männlich, übergewichtig – das sehen wir derzeit häufiger.“

Vielen dieser Schicksale gehe dieselbe Entwicklung voraus: „Die Patienten sind häufig schon positiv getestet zuhause, wo sich ihr Zustand sukzessive verschlechtert“, schildert Dr. Amor. Wem die Situation, meist aufgrund Fieber und Atemnot, zu bedrohlich wird, der landet in der Notaufnahme, von wo aus es weiter auf die Isolier- oder die Intensivstation geht.

»Noch absolut machbar«

Derzeit ist die dortige Lage vergleichsweise entspannt. „Wir können gerade alles leisten“, sagt Dr. Hans Michel, Oberarzt der Klinik für Anästhesie und Intensivmedizin. Als „noch absolut machbar“ fasst Dr. Amor das Pensum zusammen. Dramatik sieht auch Rick Breunig, Leiter der Pflege auf der Intensivstation, keine. „Wir halten das weiterhin aus und durch.“ Die Pandemie bezeichnet er als Herausforderung. Beispielsweise in der Planung der Arbeitsabläufe: Ein permanentes Hin- und Herwechseln zwischen den Räumlichkeiten sei unmöglich. „Wir mussten uns deutlich besser strukturieren.“

Die Anzahl der SARS-CoV-2-Patienten im Schongauer Krankenhaus seit Oktober, unterteilt in Normal- (blau) und Intensivstation (orange). Ein zahlenmäßiges Tal inmitten der Dritten Welle sorge derzeit für Entspannung, fasst der Ärztliche Direktor Dr. Michael Platz zusammen.

Mit, Stand Mittwoch, drei nicht-invasiv beatmeten Patienten auf der Intensiv- und acht auf der Isolierstation befinde sich sein Schongauer Krankenhaus inmitten der Dritten Welle in einem zahlenmäßigen Tal, sagt der Ärztliche Direktor Dr. Michael Platz. Optimistisch, dass diese erfreuliche Momentaufnahme länger Bestand hat, sei er aber nicht.

Die mit anspruchsvollste Aufgabe im Alltag, so Dr. Michel, sei die Weitergabe von Empathie. Zum einen an den Patienten: „Wir mussten alle lernen, wie anders die Arbeit mit Schutzanzug, Maske und Brille ist“. Die Komplettverhüllung bezeichnet er als „Riesen-Problem“. Für den Kranken sei die Pflegekraft als wichtige Bezugsperson nicht mehr an Gesicht und Stimme, sondern vielleicht nur noch an den Schuhen zu erkennen, weiß Breunig. „Da befindet sich der Patient in einer Ausnahmesituation und hat es dann nur noch mit Vermummten zu tun“, nimmt Dr. Michel dessen Perspektive ein. „Wir müssen über Empathie klarmachen, dass er es mit guten Leuten zu tun hat und nicht auf einem Raumschiff gelandet ist.“ In ihrer Schutzmontur abrüsten dürfen aber auch jene Krankenhausangestellten nicht, die bereits zweifach geimpft sind, stellt Dr. Platz klar.

»Bett allein rettet nicht«

Empathie sei indes auch innerhalb der Belegschaft der Schlüssel, um die Situation zu meistern, ist sich die Runde am Mittwoch einig. „Wir achten aufeinander, denn wir brauchen jeden“, unterstreicht Dr. Amor. „Ein Bett allein rettet einen Patienten nicht.“

Bei der Zahl der Intensivpflegekräfte bemühe sich das Krankenhaus auch weiterhin sehr um Zuwachs, sei aber ordentlich aufgestellt, findet Dr. Platz. Die neu definierte Pflegeuntergrenze sei dadurch für Schongau unproblematisch: Zum Jahr 2020 war deutschlandweit festgelegt worden, dass eine Pflegekraft in der Tagschicht 2,5, in der Nachtschicht 3,0 Intensivbetten betreuen darf. Zum 1. Januar dieses Jahres wurden beide Werte nochmals um je 0,5 nach unten geschraubt – Häuser, die diese Marke verpassen, riskieren Strafzahlungen. Dort, wo Personal­engpässe herrschen, kann eine Reduzierung der Bettenzahl die Folge sein.

Rick Breunig (Leitung Pflege Intensivstation), Dr. Hans Michel (Oberarzt Intensivstation Klinik für Anästhesie und Intensivmedizin), Dr. Florian Amor (Oberarzt Intensivstation Klinik für Innere Medizin) und Dr. Michael Platz (Ärztlicher Direktor Krankenhaus Schongau) (v. links).

Empathie und Zeitdruck vertragen sich nun mal nicht, erklärt Dr. Platz. Sei die Zahl der schwereren Covid-Erkrankungen vor zwei bis eineinhalb Wochen noch höher gewesen, so habe sich die Lage auf der Schongauer Intensivstation mittlerweile wieder entspannt. Doch das könne sich ändern, ist ihre Auslastung doch Spiegelbild des Ansteckungsgeschehens, wie es sich bis zu vier Wochen zuvor darstellte.

Diese Latenz erschwert Voraussagen. Ob sie ihrerseits die umstrittene, aber für Lockerungen derzeit maßgebliche, Sieben-Tage-Inzidenz oder die Intensivstationaufnahmen binnen einer Woche als aussagekräftigere Kennzahl erachten, das können die drei Ärzte und Pflegeleiter Breunig entsprechend schwerlich beantworten. Auch in Sachen Lockdown-Maßnahmen wollen sie keinen Appell an die Politik richten. Denn dabei spielen derart viele Facetten eine Rolle, dass es wohl keine für alle befriedigende Lösung geben könne, so Amor. Das zeige schon der Blick in die Region: „Wir haben hier die dritte Welle gar nicht richtig bemerkt, während Kaufbeuren riesige Probleme hat.“

Längere Verweildauer

Dass sich die Betten auch auf der Schongauer Intensivstation – die sich ja unvermindert auch Notfällen jenseits von Corona widmet – schnell füllen können, das liege auch an der Behandlungsdauer, die mit Covid einhergeht, erklärt Dr. Amor: Befinde sich ein Patient mit einer „klassischen Lungenentzündung“ rund zwei Wochen auf der Intensivstation, so seien es bei Covid-Patienten eher drei. „Bei manchen haben wir auch nach zwei Monaten noch gute Erfolge.“ Ein Bett wird somit länger belegt.

Für den Fall einer Zuspitzung liegen Pläne bereit, so Dr. Amor. Aufgesetzt im Frühjahr 2020 sei es noch nie soweit gekommen, dass diese aktiviert wurden. Am Herzen liegt ihm diese Botschaft: „Wichtig ist, dass die Bevölkerung weiß, dass wir da sind.“ Wer Hilfe braucht, der bekomme sie – und zwar bei Notfällen aller Art.

Pro Impfung

Neben dem Appell zu gesellschaftlicher Geschlossenheit und Rücksichtnahme, den Dr. Platz und Breunig an die Bürger richten, sehen sie nur einen vielversprechenden Weg zurück zur Normalität: Impfung. Komplett geimpft sind die Intensiv­pflegekräfte des Schongauer Krankenhauses aber längst nicht: „Wie haben die magische Quote von 60 Prozent erreicht“, berichtet Breunig, Leiter der Pflege auf der Intensivstation. Das sei eine hohe Zahl. „Wir bemühen uns, leisten viel Aufklärung“, so Dr. Amor. Seine persönliche Meinung ist klar: „Wenn man täglich sieht, wie fürchterlich sich ein Krankheitsbild darstellen kann, bekommt man ein anderes Bewusstsein.“ Nämlich pro Impfung.

Von Eigenbehandlung mit Cortisonsprays absehen

Als vermeintlich wirksames Mittel im Falle einer Erkrankung oder auch schon davor macht ein Cortison-Asthmaspray die Runde. Eine Antibiotika- und hochdosierte Cortisontheraphie werde seit Beginn der Pandemie bei Covid-Patienten im Schongauer Krankenhaus angewandt, erklärt Dr. Amor.

Asthmaspray kommt dabei aber nicht zum Einsatz, das Cortison wird intravenös verabreicht. Von der Idee, sich mittels solch eines Sprays selbst prophylaktisch gegen Corona zu wappnen, rät der Oberarzt der Klinik für Innere Medizin ab: „Da würden das Risiko gegenüber dem Nutzen überwiegen.“

Auch interessant

Mehr zum Thema:

Meistgelesene Artikel

Kommentare