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Nach dem Krankenhaus-Bürgerentscheid in Weilheim-Schongau: Frage nach Zukunft offen

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Von: Stephanie Novy, Rasso Schorer

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Krankenhaus Bürgerentscheid Weilheim Schongau
Am Tag nach dem Bürgerentscheid luden Landratsamt und Krankenhaus GmbH zu einem Pressegespräch. Dabei erklärten unter anderem (v.li.) Landrätin Andrea Jochner-Weiß, Krankenhaus GmbH Geschäftsführer Thomas Lippmann sowie die beiden Chefärzte Prof. Dr. med. Dr. h.c. Reinhold Lang und Prof. Dr. Andreas Knez, wieso ihnen das Ergebnis Sorgen bereitet. © Novy

Landkreis – Die Frage des Bürgerentscheids zur Zukunft der Krankenhäuser Schongau und Weilheim war lang, die Antwort aber eindeutig: 67,2 Prozent der Landkreisbevölkerung, die dem Ruf an die Wahlurne folgte, kreuzte ‚Ja‘ an.

Der Blick auf die Beteiligung und die Zustimmung verteilt über den Landkreis zeigt: Das Aktionsbündnis brachte nicht nur die Wähler des westlichen Landkreises hinter sich. Das Quorum von 10.852 Stimmen war schon nach den ersten Auszählungen rasch erreicht und am Ende mit 52.346 Stimmen um ein Vielfaches erfüllt.

Am größten war die Zustimmung nicht nur in Schongau (85,4 Prozent), der VG Altenstadt (81,8), der VG Bernbeuren (89,4) und Steingaden (79,0). Sondern beispielsweise auch in Penzberg (80,9), Habach (77,6) und Seeshaupt (74,9). Mehrheitlich mit ‚Nein‘ sprachen sich die Wahlberechtigten lediglich in Peißenberg (63 Prozent) – die Marktgemeinde liegt zentral im Landkreis und war auch deshalb als möglicher Standort eines neuen Zentralkrankenhauses gehandelt worden – und Polling (51,8) aus.

Ab Donnerstag letzter Woche hatte auch der Kreisbote/Lechkurier seine Leser in einer Online-Umfrage um ihre Meinung gebeten. Das Ergebnis hier bei 72 Stimmen: 71 Prozent ja, 29 Prozent nein.

„Es kann so oder so ausgehen“, hatte Daniela Puzzovio, Sprecherin des Aktionsbündnisses Pro Krankenhaus Schongau und Zweite Bürgermeisterin der Lechstadt, vorab ein gemischtes Gefühl hinsichtlich des Bürgerwillens. Am Sonntag waren sie und einige Mitstreiter beisammen gesessen, als die ersten Auszählungsergebnisse eintrudelten. Dass es derart deutlich lief, sei eine Überraschung und große Freude gewesen.

Auch die große Beteiligung stimmt das Aktionsbündnis froh. Auf 25.000 gültige Stimmen hatte sie gehofft, erklärt Puzzovio. Nun, angesichts über 52.000 derer, stehe fest: „Man kann das nicht mehr wegdiskutieren.“ Dass auch der Osten sich rege beteiligte, spreche dafür, dass die Wichtigkeit der Krankenhauszukunft im ganzen Landkreis wahrgenommen werde. „Richtig toll“, kommentiert Puzzovio beispielsweise das Penz­berger Ergebnis.

Alles andere als toll sei hingegen der Vorstoß der Landrätin, die Fragestellung sei zu umständlich gewesen. „Den Leuten zu unterstellen, sie hätten nicht verstanden, worum es geht, ist eine Frechheit hoch fünf“, ärgert sich Puzzovio. „Die Frage wurde so formuliert, weil uns alle darin genannten Aspekte auch in dieser Deutlichkeit wichtig waren.“

Krankenhaus Schongau
Wie geht es nun mit dem Krankenhaus in Schongau... © Schorer

Wie geht es jetzt weiter? „Wenn nun ein Jahr lang nix passiert, wäre das der Worst Case“, findet Puzzovio. Für das Aktionsbündnis gelte es jetzt zu beobachten, wie die Gegenseite die sich nun bietende „große Chance“ wahrnimmt. „Die Leute waren entweder gegen die hohen Kosten eines Zentralkrankenhauses oder der Meinung, dass ein Krankenhaus statt zweien in der Fläche zu wenig ist“, glaubt die Sprecherin des Aktionsbündnisses. „Oder sie waren von der nichtssagenden Flut an Hochglanzprospekten genervt.“ Jetzt liege der Ball, es bei einem neuen Anlauf „richtig zu machen“, bei der Krankenhaus GmbH und dem Landrats­amt.

Schließlich finde sich der Ursprung des Aktionsbündnisses und des Bürgerentscheids im Bedürfnis nach Information und Transparenz. „Wir haben nie jemanden schlechtgeredet“, sagt Puzzovio, „sondern Fragen gestellt, sodass die Leute gemerkt haben, dass es nicht in Ordnung ist, wie es läuft.“

Gedrückte Stimmung

Während sich Puzzovio und ihre Mitstreiter über das Ergebnis des Bürgerentscheids freuten, ließ es andere fast schon ratlos zurück. Am Montag luden das Landratsamt und die Krankenhaus GmbH zu einem Pressegespräch. „Wir haben nicht mit so einer deutlichen Mehrheit gerechnet“, erklärte Pflegedirektorin Anne Ertel. Auch die anderen Anwesenden, Land­rätin Andrea Jochner-Weiß, Geschäftsführer Krankenhaus ­GmbH Thomas Lippmann sowie die beiden Chefärzte Prof. Dr. med. Dr. h.c. Reinhold Lang und Prof. Dr. Andreas Knez, zeigten sich allesamt „geschockt“ und „geknickt“.

Dabei wurde deutlich: Eine der größten Sorgen ist jetzt, dass das Personal abwandert. Pflegedirektorin Ertel meinte, das Zentralklinikum sei eine Zukunftsperspektive für die Mitarbeitenden gewesen. „Diese Perspektive wurde ihnen nun genommen.“ Geschäftsführer Lippmann formulierte es so: dem Personal wurde „der Boden unter den Füßen weggezogen“.

Da wundert es nicht, dass noch am Montag nicht nur der Aufsichtsrat zusammenkam, sondern auch Personalversammlungen in Schongau und Weilheim stattfanden. Vor allem in Schongau sei es „sehr emotional“ gewesen, wie die Landrätin, die auch Aufsichtsratsvorsitzende ist, rekapitulierte. Zumal, einen „Plan B“ könne man derzeit noch nicht vorlegen. Allerdings, so betonte Jochner-Weiß, es stehe fest, dass die beiden Häuser auch zukünftig in kommunaler Hand bleiben sollen. Und man werde alles tun, um die Mitarbeitenden zu halten.

Krankenhaus Weilheim
... und im Krankenhaus Weilheim weiter? © Dincel

Die Frage ist auch, wie neue Ärzte gewonnen werden können, die dringend benötigt werden. „Ich weiß es im Moment nicht“, gab Chefarzt Knez offen zu. „Die Sorgenfalten werden mehr.“ Knez macht auch etwas anderes zu schaffen – „das Gefühl, man hat uns nicht vertraut, dass ein Zentralklinikum die beste Lösung für den Landkreis ist“.

Die demokratisch getroffene Entscheidung der Bürgerinnen und Bürger wollen Knez wie auch alle anderen natürlich akzeptieren. „Wir werden alles dafür tun, dass zwei Häuser erhalten bleiben“, so der Chefarzt. Wie das funktionieren soll, darauf hatte beim Pressegespräch noch niemand eine Antwort. Für Chef­arzt Lang steht aber fest: „Das Aktionsbündnis kann sich nicht vor der Verantwortung drücken.“ Verantwortung für das, was die nächsten Jahre passiere.

Über die Zukunft der beiden Häuser muss also weiter diskutiert werden. Wobei Jochner-Weiß meinte, jetzt brauche es erst mal eine „Weihnachtsruhe“. Aber bereits im Januar stünden Gespräche mit dem Aufsichtsrat an. Mit dabei: der Geschäftsführer der Bayerischen Krankenhausgesellschaft Roland Engehausen. Bereits im Kreistag hatte er ausführlich über die Situation der Krankenhäuser in Deutschland und speziell in Bayern gesprochen (wir berichteten). Beim Pressegespräch betonte er, dass er zukünftig weiter beratend zur Seite stehen wird.

Auch Engehausen hätte sich offenbar ein anderes Ergebnis beim Bürgerentscheid gewünscht. Es gebe für Krankenhäuser – nicht nur im Landkreis – „zwei Engpässe“: Durch die „Finanzierungslogik des Bundes“ sei es „gerade für kleinere Häuser“ extrem schwer wirtschaftlich zu agieren. Zudem gebe es ein massives Personalproblem. Um die Situation zu verdeutlichen, erläuterte Engehausen in Bezug auf Bayern: „Von 2021 bis 2022 hatten wir 1.000 Azubis weniger in der Pflege.“ Das liege unter anderem daran, dass es keine „ausreichende Zukunftsperspektive“ gebe. Ein Zentralklinikum wäre so eine Perspektive gewesen.

Der Bürgerentscheid in Zahlen

Ja-Stimmen 35.151 (67,2 Prozent); Nein 17.195 (32,8); Quorum: 10.852 Stimmen; Gültig 52.346: Ungültig 307

Bernried: 722 gültige Stimmen, 67,5 Prozent Ja
Hohenpeißenberg: 1.730 gültige Stimmen; 52,4 Prozent Ja
Pähl: 877; 62,7
Peißenberg: 5.288; 37,0
Peiting: 4.887; 70,0
Penzberg: 4.616; 80,9
Polling: 1.474; 48,2
Raisting: 897; 63,8
Schongau: 4.713; 85,4
Weilheim: 8.399; 60,5
Wessobrunn: 851; 59,0
Wielenbach: 1.407; 68,9
VG Altenstadt: 4.066; 81,8
VG Bernbeuren: 2.046; 89,4
VG Habach: 1.909; 77,6
VG Huglfing: 2.914; 55,4
VG Rottenbuch: 1.465; 57,3
VG Seeshaupt: 1.928; 74,9
VG Steingaden: 2.157; 79,0

Fragestellung: „Sind Sie dafür, dass kein Zentralkrankenhaus gebaut wird, sondern dass die beiden Krankenhäuser in Schongau und Weilheim langfristig betrieben werden mit Gewährleistung einer Grund- und Regelversorgung mindestens der Stufe 1 sowie einer Notfallversorgung an 7 Tagen pro Woche und 24 Stunden am Tag, und dass am Standort Schongau die Geburtenstation weiterbetrieben wird?“

Alle Zahlen, im Falle der Verwaltungsgemeinschaften auch unterteilt nach untergeordneten Gebieten, hier.

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