Keine Angst zu helfen

Notfallsanitäter vom BRK Weilheim-Schongau über Erste Hilfe

Symbolfoto: zwei Personen führen Reanimation an Puppe durch.
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Erste Hilfe leisten kann jeder. Warum man vor solchen Situationen keine Angst zu haben braucht, erklärt ein Weilheimer Notfallsanitäter.
  • Stephanie Novy
    VonStephanie Novy
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Landkreis – Die 112 und die 110 kennt wohl jedes Kind. Die 116117 hingegen dürfte schon weniger Menschen etwas sagen. Zum Europäischen Tag des Notrufs am 11. Februar erklärt der Kreisbote, was es bei den Nummern zu beachten gibt. Außerdem gibt‘s einen kleinen Auffrischungskurs in Sachen Erste Hilfe.

Die 110 ist für die Polizei reserviert. Bei einem Verkehrsunfall oder im Falle einer Straftat, werden die Beamten verständigt. Wer die Feuerwehr oder den Rettungswagen benötigt, sollte die 112 wählen. Grippe, Ohrenschmerzen, Hexenschuss – das sind alles Fälle für den Kassenärztlichen Notdienst. Dieser ist unter der 116117 zu erreichen. Wer außerhalb der Sprechzeiten einen Haus- oder Facharzt benötigt, der sollte sich dorthin wenden.

Es gibt also für jede Situation die richtige Nummer. Und das deutschlandweit, rund um die Uhr. Die 112 ist sogar in ganz Europa zu erreichen. Von jedem Handy aus, auch ohne Guthaben oder PIN. Das war längst nicht immer so. Den einheitlichen Notruf gibt es in Deutschland seit den Siebziger-Jahren. Der Hintergrund ist allerdings ein tragischer. 1969 starb der achtjährige Björn Steiger nach einem Verkehrsunfall, weil der Krankenwagen nicht schnell genug zur Stelle war, wie es auf der Website des Deutschen Roten Kreuzes heißt. Damals musste man außerhalb der Großstädte im Notfall die nächste Polizei- oder Feuerwache im Telefonbuch nachschlagen. Die Folge: Teilweise kam die Hilfe erst lange Zeit nach dem Unfall. So auch bei Björn. Es dauerte fast eine Stunde, bis der Rettungswagen vor Ort war.

Seine Eltern gründeten daraufhin eine Stiftung, die den Namen ihres Kindes trug, und engagierten sich vehement für eine Reform des Rettungswesens. Dabei entstanden 1973 schließlich auch die einheitlichen Notfallnummern 110 und 112. In Europa ist letztere seit 1991 zu erreichen.

Durchatmen und ruhig bleiben

Oft geht alles ganz schnell. Eine kurze Unaufmerksamkeit führt zu einem Verkehrsunfall. Auf einem vereisten Gehweg rutscht jemand aus und fällt auf den Kopf. Wer in Not gerät, ist meist auf die Hilfe anderer angewiesen. Doch wie genau sollte man vorgehen, wenn man einen Menschen in Not sieht? Und wie behält man einen kühlen Kopf? Christian Lärm erklärt, dass es vollkommen normal ist, nicht sofort zu wissen, was zu tun ist. Lärm ist Notfallsanitäter und für den Bereich Breiten- und Fachausbildung beim BRK Weilheim-Schongau zuständig. Er weiß, dass man meist 30 Sekunden brauche, um einen klaren Kopf zu bekommen.

„Den Eigenschutz vergessen viele“, erzählt Lärm. Er berichtet über den Tunnelblick, den viele in einer Stresssituation bekommen. Die Gefahren durch vorbeifahrende Autos oder die Glasscherben auf dem Boden geraten dabei aus dem Blickfeld. Das Wichtigste ist also zunächst: durchatmen und sich Orientierung verschaffen.

Christian Lärm ist Notfallsanitäter beim BRK Weilheim-Schongau.

Wenn man sich einen Überblick über die Situation verschafft hat, dann heißt es erstmal den Notruf alarmieren. Die 112 führt zu einer Integrierten Leitstelle. Hier im Oberland sitzt diese in Weilheim. Für das geschulte medizinische Personal ist es zunächst wichtig zu wissen, wo man sich befindet. „Falls das Gespräch abbricht, wissen die Einsatzkräfte zumindest schon wo sie hin müssen“, sagt Lärm. Dann gilt es zu erklären, was dem Betroffenen fehlt. Blutungen, Bewusstlosigkeit, starke Schmerzen. Bei Bedarf kann das Personal der Integrierten Leitstelle auch eine Reanimation über das Telefon anleiten.

Wenn die Einsatzkräfte alarmiert sind, dann liegt es an den Ersthelfern sich bis zum Eintreffen des Rettungswagens um den Verunglückten zu kümmern. Sicherlich keine einfache Situation. Lärm empfiehlt zunächst andere Personen direkt anzusprechen. Menschen würden oft nur helfen, wenn man sie aktiv auffordere. Zudem könne man so die „Aufregung und Verantwortung teilen“.

Bei folgenden Dingen muss laut Lärm schnell gehandelt werden: starke Blutungen, Kreislaufstillstand, blockierte Atemwege, Atemstörung und Bewusstlosigkeit. Heißt im Umkehrschluss, wenn nichts dieser Dinge vorliegt, könne man „geistig einen großen grünen Haken setzen“.

Der Intuition folgen

Aber auch, wenn schwerere gesundheitliche Probleme vorliegen, gibt es keinen Grund zur Panik. Das wird bei Lärms Ausführungen deutlich. „Vieles baut auf dem gesunden Menschenverstand auf.“ Thema Verband anlegen zum Beispiel: Hier sei das Wichtigste, dass der Verband seinen Zweck erfüllt. Es brauche keine bestimmte Technik, „man macht das intuitiv richtig“. Wissen müsse man nur, dass im Verbandskasten alles steril ist, was in Papier verpackt ist. Das Material in Plastik hingegen ist nicht steril. Wer das beim Verbinden beachtet, kann eigentlich nichts falsch machen.

Auch die stabile Seitenlage muss nicht nach Lehrbuch durchgeführt werden. Auf welche Seite wird gedreht, wo liegt welche Hand,....: „Wichtig ist, dass der Mund der tiefste Punkt ist und der Kopf überstreckt wird, um die Atemwege frei zumachen“, erklärt der Notfallsanitäter.

Vor einer Reanimation haben Ersthelfer vielleicht am meisten Angst. Aber auch die kann Lärm nehmen. Um zu überprüfen, ob jemand überhaupt wiederbelebt werden muss, gilt es auf die Atmung zu achten. Den Puls fühlen ist unnötig und raubt Zeit. „Den findet man sowieso schwer. Vor allem, wenn man aufgeregt ist“, weiß Lärm. Stattdessen für etwa sechs bis zehn Sekunden hören, ob man eine Atmung vernimmt. Hebt sich der Brustkorb? Verfärbt sich das Gesicht blau?

Wer sich nicht sicher ist, sollte dennoch mit der Wiederbelebung beginnen. Lärm versichert, auch wenn noch ein Puls vorhanden sein sollte, sei eine Herzdruckmassage unproblematisch. Der Experte ermutigt: „Im Zweifel drücken.“

Auch hier gilt es, sich nicht zu viele Gedanken um die Ausführung zu machen. Manch einer wird sich vielleicht noch erinnern, dass bei den Erste-Hilfe-Kursen gezeigt wurde, wie man den richtigen Druckpunkt findet. Heute werde das nicht mehr gemacht, sagt Lärm. Es gilt: Möglichst nah am Herzen, in der Mitte der Brust. Dann rund 100-mal pro Minute den Brustkorb etwa fünf bis sechs Zentimeter eindrücken. Ein guter Tipp für den richtigen Rhythmus: Das Lied „Staying alive“ von den Bee Gees im Kopf singen und im Takt drücken.

Die Beatmung ist nicht zwangsläufig notwendig. Bei fremden Menschen eine Mund-zu-Mund-Beatmung durchzuführen, sei vielen unangenehm, berichtet Lärm aus Erfahrung. Daher sei sie kein Muss. Effektiver ist es aber dennoch. Nach 30-mal drücken pustet man zweimal in den Mund des Patienten, bis sich der Brustkorb hebt.

Eine große Unterstützung bei der Wiederbelebung ist ein Defibrillator. Diese kleinen Geräte sind mittlerweile in vielen öffentlichen Gebäuden zu finden. Vor allem in Banken oder auch an Haltestellen der Deutschen Bahn werden sie häufig installiert. Bedienen kann sie jeder, wie Lärm an einem Übungs-Modell vorführt. Das Gerät beschreibt Schritt für Schritt, was zu tun ist – bei Bedarf auch in anderen Sprachen. Der Defibrillator misst den Herzschlag, gibt wenn nötig einen Stromstoß und sagt, wann mit der Herzdruckmassage begonnen werden muss. Er gibt per Signalton sogar den Rhythmus vor.

Woran‘s scheitert

Wenn man Lärms Ausführungen zuhört, wird klar: Erste Hilfe kann jeder leisten. Angst zu haben, etwas falsch zu machen, ist unnötig. Und doch ist es nicht selbstverständlich, dass Menschen in Not Geratenen helfen. „Erste Hilfe scheitert am großen Ganzen“, meint Lärm. Die Bereitschaft zu helfen fehle manchmal. Deshalb führt das BRK neben den Erste-Hilfe-Kursen für Erwachsene auch spezielle Angebote für Kinder durch. Einige Kindergärten im Landkreis machen beim Trau-Dich-Programm mit. Hier werde „das Bewusstsein geschärft für die Notwendigkeit der Solidarität“. Das fängt bei den Kleinen damit an, dass sie andere Kinder trösten, wenn diese sich weh getan haben. Auch für Schüler gibt es spezielle Programme, bei denen dann konkrete Maßnahmen wie Druckverband anlegen oder ähnliches gezeigt werden.

Von klein auf dieses wichtige Thema ins Bewusstsein rücken und „am Ball bleiben“ – auch als Erwachsener – ist wichtig. Erste Hilfe kann so zu etwas Selbstverständlichen werden.

Ein Erklärvideo des Jugendrotkreuz Weilheim-Schongau gibt es auf unserer Facebook-Seite zu sehen.

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