Verschwiegener Grenzgänger

Erich Greißel ist seit 50 Jahren Feldgeschworener und damit Teil einer langen Tradition

Feldgeschworener bei der Arbeit
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Erich Greißel (rechts) hilft als Feldgeschworener dabei, Grenzsteine zu überprüfen und notfalls wieder an den richtigen Platz zu setzen.

Ingenried – Es ist das älteste kommunale Ehrenamt Bayerns. Und doch wissen viele nicht, was es mit den Feldgeschworenen auf sich hat. Der Kreisbote hat Erich Greißel deshalb bei seiner Tätigkeit begleitet und einen tiefen Einblick bekommen. Die gut gehüteten Geheimnisse seiner Zunft hat er sich aber nicht entlocken lassen.

„Früher war das richtige Knochenarbeit“, erinnert sich Greißel. Doch auch an diesem Tag wird der Feldgeschworene noch ordentlich ins Schwitzen kommen. Aber alles der Reihe nach. Greißel ist zu dem Einsatzort im Ortsteil Erbenschwang mit seinem kleinen Traktor samt Anhänger gefahren. Darin jede Menge Utensilien: Eine Schaufel darf auf keinen Fall fehlen. Sie ist sozusagen das Hauptwerkzeug. Auf dem Programm steht an diesem Tag das Setzen und Überprüfen von Grenzsteinen. Das heißt Buddeln. Neue Einfamilienhäuser sind am Orts-

eingang Erbenschwang gebaut worden. Um die Grundstücksgrenzen abzustecken, sollen die Grenzpunkte gesetzt werden. Dafür müssen aber erstmal Referenzpunkte geschaffen werden. Technik sei dank ist das heutzutage etwas einfacher geworden. „Das geht alles über Satellit“, erklärt Greißel. Dafür bekommt der gebürtige Ingenrieder Unterstützung von den Herren vom Amt für Digitalisierung und Vermessung. Mit Hilfe eines Tachymeters lässt sich auf den Zentimeter genau bestimmen, wo ein Grenzstein vergraben ist. Die vom Tachymeter eingefangenen Daten werden dann an einen mobilen Rechner weitergegeben. Die Digitalisierung hat also auch hier Einzug gehalten.

Früher war der Feldgeschworene tatsächlich der einzige, der wusste, wo die Grenzsteine vergraben waren. Und damit er überprüfen konnte, ob der Stein noch an der richtigen Stelle sitzt, hat er ein geheimes Zeichen mit eingegraben. Ein Siebenerzeichen. Daher werden Feldgeschworene in manchen Gegenden auch Siebener genannt. Greißel erzählt, dass jeder Feldgeschworene sein eigenes Zeichen hat. Das kann eine Tonscherbe oder ein Stück Porzellan sein. Welches der Ingenrieder verwendet hat, bleibt natürlich ein wohl gehütetes Geheimnis. Auch wenn diese Zeichen heutzutage wegen der Technik nicht mehr nötig sind, so sind sie doch noch ein Stück Tradition.

Woran die moderne Technik auch nichts geändert hat, ist die Tatsache, dass die Ehrenamtlichen noch selbst die Löcher buddeln müssen. Und so greift Greißel zur Schaufel und legt los. Schon kurz drauf meint der Feldgeschworene: „Da seh‘ ich schwarz.“ Kein Grenzstein. Scheint so, als würde die Technik auch mal Fehler machen. Also Loch wieder zu schaufeln, neu ausmessen und den nächsten Versuch starten. „Da ham an!“ Der Grenzstein sitzt noch genau da, wo er sein soll. Es wird noch ein weiterer Referenzpunkt gesucht und ausgegraben.

Bei Wind und Wetter

Die ersten Schweißtropfen machen sich auf Greißels Stirn bemerkbar. Aber das Lächeln bleibt in seinem Gesicht. Das könnte auch daran liegen, dass es ein angenehmer Sommertag ist. Greißel hat da schon ganz anderes erlebt. Vor ein paar Jahren musste er in einem Schneetreiben zur Tat schreiten. „Es hilft nix. Man muss bei jedem Wetter ran. Der Termin steht ja schließlich fest.“

Als schließlich genügend Referenzpunkte gefunden sind, geht es nun darum, die neuen Grenzsteine zu setzen. Greißel greift in den Anhänger und hebt einen der Grenzsteine heraus. Recht unscheinbar ist er. Ein hellgrauer, viereckiger Stein aus Polyesterharz und Quarzsand. Daran ist ein Metallschaft. Drei bis vier Kilo wiegt so ein Teil im Durchschnitt. Greißel kennt aber noch ganz andere Kaliber. Früher wurden klassischerweise Grenzsteine aus Granit oder Beton bevorzugt. Da kamen dann locker gut 20 Kilo zusammen. Jetzt wird einem auch klar, was Greißel mit Knochenarbeit meinte.

Greißel greift also erneut zur Schaufel. Die Sommersonne, die sich langsam Richtung Zenit bewegt, macht die Arbeit nicht gerade einfacher. Doch eine kleine Pause im Schatten einlegen will der fast 70-Jährige nicht. Er habe doch seinen Strohhut, lacht er.

Ein Ehrenamt auf Lebenszeit

Scheint so, als dürfe man als Feldgeschworener nicht zimperlich sein und auch vor körperlicher Arbeit nicht zurückschrecken. Doch wie ist Greißel überhaupt zu dem Ehrenamt gekommen? „Das hat halt damals der Bürgermeister entschieden“, kommt die Antwort kurz und bündig. 50 Jahre ist das jetzt schon her, da wurde der gelernte Landwirt vom damaligen Rathauschef gefragt, ob er das Amt übernimmt. Greißels einzige Frage damals war: „Was muss ich da machen?“ Schon war er Feldgeschworener. Und wird es auch für den Rest seines Lebens bleiben. Mittlerweile hat er zwar einen Nachfolger. Aber aushilfsweise geht Greißel immer noch auf Termine. Es ist nämlich ein Amt auf Lebenszeit, das man nicht einfach so ablegt.

Je mehr man über die Feldgeschworenen erfährt, desto klarer wird, wie viel Tradition dahintersteckt. Stellt sich also die Frage, ob es nicht vielleicht gerade die Tradition ist, warum es sie heutzutage überhaupt noch gibt. Doch Hugo Arnold vom Amt für Digitalisierung ist da ganz anderer Meinung. Die Feldgeschworenen seien auch heute noch für die Arbeit sehr wichtig. „Sie kennen jeden im Dorf.“ Das erleichtere vieles.

Nicht zu vergessen, dass die klassische Aufgabe eines Feldgeschworenen auch das Vermitteln und Streitschlichten ist. Wenn es also Ärger wegen der Position eines Grenzsteins gibt, kann Greißel schlichten. Wobei das auf dem Land wohl nicht so oft vorkommt. In der Stadt sei das schon eher der Fall, sagt Arnold. Da sei halt auch oft mehr Geld dahinter. An diesem Tag gibt es keinerlei Diskussionen. Die Grundstückseigentümer sehen anfangs zwar noch interessiert zu, machen sich aber dann des Weges. Man merkt: hier vertraut man einander.

Arnold möchte die Feldgeschworenen also nicht missen. Sie sind ein wichtiger Teil für die Arbeit der Vermessungsbehörde. Aber auch kulturell haben sie einen hohen Stellenwert. Von der Unesco wurde das Feldgeschworenenwesen Bayerns 2016 in das bundesweite Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes aufgenommen. Das Ehrenamt wird wohl noch lange erhalten bleiben und die Geheimnisse von Generation zu Generation weitergegeben.

Von Stephanie Novy

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