Drei Politikerinnen sprechen über Gründe und Lösungen

In der Kommunalpolitik sind Frauen deutlich in der Minderheit

Diagramm Frauen in Kommunalpolitik Landkreis Weilheim-Schongau
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Die Grafik zeigt, dass nicht nur im Landkreis Weilheim-Schongau Frauen in der Kommunalpolitik unterrepräsentiert sind. Dieses Bild zeichnet sich bayernweit ab.

Landkreis – Frauen sind in kommunalpolitischen Ämtern deutlich unterrepräsentiert. Doch woran liegt das? Mangelndes politisches Interesse seitens der Frauen? Benachteiligung? Der Kreisbote hat sich mit drei Frauen unterhalten, die es wissen müssen.

Alexandra Bertl, Susann Enders und Andrea Jochner-Weiß sind schon lange politisch aktiv – und haben dabei einiges erreicht. Bertl sitzt zum Beispiel für die CSU im Weilheimer Stadtrat sowie im Kreistag und vertritt als Bezirksrätin seit 2013 den Stimmkreis Weilheim. Nebenbei hat sie noch ein Familienleben mit drei Kindern zu managen. Das sieht Bertl auch als einen der Gründe an, warum es oftmals an weiblichen Politikern mangelt. Frauen würden „meist nach wie vor die Hauptlast in der Familienarbeit“ tragen. „Da bleibt nicht leicht Platz für politisches Engagement.“

Parteikollegin und Landrätin Jochner-Weiß sieht das genauso: „Frauen kämpfen nach wie vor an vielen Fronten. Denn wenn sie eine Familie gründen, was heute zum Großteil immer noch in traditionellen Rollen gelebt wird, stehen sie schnell vor sehr großen Herausforderungen.“ Berufliche Selbstverwirklichung sei heute zwar auch mit Kindern möglich. Doch es sei „kein einfacher Spagat“. „Und wenn, wie so häufig, automatisch davon ausgegangen wird, dass die Frau den Großteil der Familienarbeit übernimmt, macht das den Spagat manchmal gar unmöglich.“

Enders sieht das Thema Familie auch als eine Herausforderung. Sie selbst habe sich deshalb erst so richtig auf das politische Parkett begeben, als ihre Kinder schon älter waren. Mittlerweile hat sie gleich mehrere Ämter und Posten inne: Sie ist Generalsekretärin der Freien Wähler Bayern, Landtagsabgeordnete, Sprecherin für Soziales, Familie und Barrierefreiheit,

Gesundheitspolitische Sprecherin sowie Kreisvorsitzende der Freien Wähler Weilheim-Schongau. Des Weiteren ist auch sie im Kreistag und Weilheimer Stadtrat.

Frauen, die es in die Kommunalpolitik verschlägt, sind oft noch ein rares Gut. Im Kreistag sind von 61 Mitgliedern (inklusive Landrätin) nur 17 weiblich. Im Weilheimer Stadtrat sind unter den 31 Mitgliedern elf Frauen. Aber immerhin: Mit beispielsweise Jochner-Weiß als Landrätin und Angelika Flock (CSU) als Weilheims Zweite Bürgermeisterin, haben es zwei Politikerinnen auf hohe Positionen geschafft. Eine Erste Bürgermeisterin sucht man in den Landkreis-Gemeinden jedoch vergeblich. Wobei das kein lokales Phänomen ist. Jochner-Weiß erklärt: „Frauen stellen zwar mehr als die Hälfte der Bevölkerung in der Bundesrepublik, in politischen Ämtern sind sie jedoch stark unterrepräsentiert. In den 294 deutschen Landkreisen gibt es aktuell 22 Landrätinnen. In den 20 oberbayerischen Landkreisen bin ich derzeit die einzige Frau.“

Frauen überlegen, Männer tun‘s einfach

Doch sind die familiären Verpflichtungen der einzige Grund für diese Situation? Oder sind Männer einfach zu dominant und wollen lieber unter sich sein? Bertl sieht das Thema „Platzhirsch“ eher als ein Klischee an. Auch Jochner-Weiß scheint davon nicht so ganz überzeugt: „Für mich gibt es keine ‚Platzhirsche‘, sondern nur Alphatiere, die es in allen Geschlechtern geben kann.“

Enders sagt zwar freimütig, dass – gerade in Wahlkampfzeiten – durchaus die Ellenbogen ausgefahren werden. Aber das gebe es in anderen Berufen genauso. Man müsse eben einstecken und auch austeilen können. Wobei ein „intelligenter und respektvoller Umgang“ dabei eine Rolle spiele und sie das bisher auch so erlebt habe.

Enders sieht eher die allgemeine Einstellung vieler Frauen als Hindernis. „Frauen überlegen sich oft: ‚Kann ich das?‘ Wir Frauen wissen gar nicht, wie gut wir sind.“ Bei Männern seien solche Zweifel eher selten zu beobachten. Wobei Enders da auch Unterschiede bei den Generationen sieht: „Junge Frauen wissen eher wer sie sind und was sie wollen.“

Bertl schlägt in die gleiche Kerbe. Sie sollten „sich einen Ruck geben, sich trauen. Frauen können viel mehr als sie oft denken.“ Helfen könnten dabei zum Beispiel Frauennetzwerke. „In der Frauen Union beispielsweise gibt es dafür ein erfolgreiches Mentoringprogramm.“

Von einer Frauenquote, wie es sie in der Wirtschaft bereits gibt, hält Bertl indes wenig: „Eine Quote läuft für mich quer zum Prinzip demokratischer Auswahlprozesse. In Wissenschaft und Wirtschaft liegt der Fall etwas anders. Offenbar bringen Quoten in der Politik auch weniger als sich manche davon versprechen. Die Grünen haben sie schon lang und ich kann mich trotzdem nicht an eine einzige grüne Landratskandidatin oder Bürgermeisterkandidatin hier in Weilheim erinnern.“

Auch Jochner-Weiß ist von einer verbindlichen Quote nicht überzeugt. „Ein höherer Anteil von Frauen in der Politik ist nicht nur wünschenswert, sondern auch sehr wichtig, denn politische Entscheidungen betreffen Menschen jedes Geschlechts. Darum sollten auch alle Geschlechter in den Entscheidungsprozess einbezogen werden.“ Doch eine Quote sei für sie „reine Schaufensterpolitik“. Die „wahren Ursachen für den Frauenmangel in der Politik“ ließen sich dadurch nicht regeln.

Kritisch sieht auch Enders das Thema Frauenquote. „Wer möchte schon eine Quotenfrau sein?“ Dennoch sei es ein „Instrument, um das wir im Moment nicht herumkommen.“ Patriarchale Strukturen seien bei vielen Menschen noch in den Köpfen und diese würde man nur schwer wegbekommen.

Diese Denke scheint nicht nur PolitikerInnen zu beeinflussen, sondern auch die Wähler. „Ich habe schon manchmal das Gefühl, dass Frauen mit mehr Vorurteilen konfrontiert werden“, meint Jochner-Weiß. „Man traut einer politisch engagierten Frau und Kandidatin vielleicht weniger zu als einem Mann. Frauen müssen sich deshalb oft stärker engagieren, um dieselbe Anerkennung wie die männlichen Kollegen zu erhalten.“

Nichts Besonderes mehr

Der Konsens scheint zu sein, dass Frauen durchaus etwas mehr Selbstbewusstsein an den Tag legen sollten. „Frauen machen genauso starke Politik, von der Bundeskanzlerin bis zur Bürgermeisterin“, ist Bertl überzeugt. Männer könnten dabei ihres dazu tun, um etwas an der Situation zu ändern. „Frauen ermutigen. Frauen vorschlagen. Frauen wählen.“

Das Ziel erreicht sieht Enders, „wenn es kein Aufsehen mehr erregt, dass eine Frau eine Führungsposition innehält“.

Von Stephie Novy

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