"Habe hier viel Schönes erlebt"

Christian Meier übergibt die Leitung der Schongauer Tafel

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Ein gutes Spendenaufkommen und engagierte Helfer, so wie Iris Garzem (links) und Renate Brauchler (rechts). Darüber freut sich der scheidende Tafel-Leiter, der aber auf Verstärkung hofft. Rund 600 Personen versorgt die Schongauer Einrichtung mit Lebensmitteln.

Schongau – Hätte er einen Wunsch frei, hätte es seine Arbeit der letzten sechs Jahre überhaupt nicht gebraucht. Zum Jahreswechsel hat Christian Meier die Leitung der Schongauer Tafel an seine Nachfolgerin Birgit Gutzeit übergeben. Er selbst widmet sich fortan für Herzogsägmühle einer anderen Tätigkeit. „Da komm ich her, da gehöre ich hin“, sagt er über das Ostallgäu, in dem er verwurzelt ist und in das es ihn nun auch beruflich wieder zieht. Welche Erfahrungen Meier bei der Schongauer Tafel gemacht hat und wie er diese für die Zukunft aufgestellt sieht, erläutert er im Gespräch mit dem Kreisboten.

Herr Meier, ginge es nach Ihnen, hätten Sie in den vergangenen Jahren Ihren Beruf auch gut abseits einer Tafel ausüben können. Was steckt hinter dieser Aussage?

Meier: „Um das einzuordnen: Ich war sehr gerne Leiter der Schongauer Tafel und fand meine Tätigkeit – insofern man das vor diesem Hintergrund sagen kann – sehr schön. Schade und geradezu beschämend ist es in meinen Augen allerdings, dass in Deutschland überhaupt ein Bedarf an Tafeln besteht. 1,8 Millionen Menschen müssen eine solche Einrichtung hierzulande regelmäßig nutzen. Tendenz steigend, Armut ist im Kommen.“

Gilt das auch für Schongau?

Meier: „Ja. Tafeln sind immer ein Abbild der Gesellschaft. Im Jahr 2018 haben wir in Schongau 170 Berechtigungsausweise ausgestellt, durchschnittlich kamen wöchentlich 81 Besucher. Dabei muss man aber bedenken, dass ein Besucher ja oftmals Teil eines Haushalts ist, der mehrere Personen umfasst. Insgesamt versorgt die Schongauer Tafel wohl knapp 600 Personen. Berechtigt wären noch viel mehr Personen, die aber oft aus Scham und Angst gar nicht zur Tafel gehen.“

Welche Personengruppen sind dabei besonders vertreten und inwiefern unterscheidet sich Schongau diesbezüglich von anderen Tafeln?

Meier: „Im Vergleich zu den Tafeln, die ich besser kenne – die Tafel in Marktoberdorf und der Gabentisch in Peißenberg – sehe ich keine großen Unterschiede. Die ergeben sich eher, wenn man in die großen Städte schaut. Rentner sind so eine Bevölkerungsgruppe, die überall stark vertreten ist. Und man wird sehen: Altersarmut nimmt weiter zu. Außerdem kommen viele Alleinerziehende und Alleinstehende zu uns. Und viele, die krankheitsbedingt ihrem Beruf nicht mehr nachgehen können und so in Not geraten. Gäbe es eine ausreichende Existenzsicherung, bräuchte es keine Tafeln. Und man muss festhalten: Die aus Hartz IV resultierenden Bezüge sind viel zu niedrig angesetzt. Speziell in der Region sind zudem die steigenden Mietpreise ein Problem, das sich noch verschärfen wird. Ein immer größerer Anteil des Einkommens muss dafür aufgewandt werden. Dazu kommt, dass zwar eigentlich nahezu Vollbeschäftigung herrscht, darunter aber auch viele und immer mehr schlecht bezahlte Jobs sind.“

Seit einigen Jahren dürften auch Geflüchtete einen nicht unerheblichen Teil der Tafelbesucher ausmachen?

Meier: „Stimmt. Rückblickend war die Zeit um den Jahreswechsel 2015/16 auch eine unserer größten Herausforderungen. Unsere Besucherzahl hat sich damals fast schlagartig nahezu verdoppelt und alle diese Menschen hatten unseren damaligen Kriterien nach einen berechtigten Anspruch. Unserem eigenem Anspruch, jeden zu unterstützen, konnten wir damals irgendwann nicht mehr ausreichend nachkommen, wir sind an Grenzen gestoßen. Sowohl im Hinblick auf die Lebensmittel, als auch auf unsere ehrenamtlichen Helfer. Unter den Besuchern ergaben sich damals teils Unsicherheiten, Ängste, Vorurteile.“

Wie ging es weiter?

Meier: „Für uns war es ein Lernprozess. Da sind Mentalitäten zusammen gekommen, in denen ein ‚Nein‘ unterschiedlich aufgefasst wurde. Wir haben das in unser Auftreten einfließen lassen. Und wir haben gemeinsam mit den engagierten Helferkreisen Lösungen gefunden. Dann ist es immer besser gegangen. Es ist wie so oft: Wenn man miteinander schwätzt und sich kennen lernt, läuft‘s gut. Das gilt auch fürs Miteinander unter unseren Besuchern. Da habe ich insgesamt viel Schönes und Tolles erlebt.“

Wollen Sie ein Beispiel nennen?

Meier: „Man bekommt einfach sehr liebevolle Situationen mit. Es ist schön zu sehen, wie Solidarität und Hilfsbereitschaft untereinander auch in der Not hochgehalten werden. Ein Besucher bleibt mir da besonders in Erinnerung: Hatte er gerade zu wenig, musste er die Tafel selbst in Anspruch nehmen. Konnte er Geld entbehren, hat er säckeweise Kartoffeln gebracht und gespendet.“

Wie sieht es denn insgesamt mit dem Spendenaufkommen in Schongau aus?

Meier: „Zunächst einmal muss man erklären, dass wir ja in der glücklichen Lage sind, dass Herzogsägmühle als Träger etwaige Defizite deckt. Fehlt es an Geld-Spenden, beteiligen sich auch die Kommunen Schongau, Peiting und Altenstadt anteilig. Insgesamt ist das Spendenaufkommen aber zur Zeit ausreichend gut, wir kommen über die Runden. Das wäre ohne all die großen und kleinen Spenden aus der Bevölkerung, den Vereinen und Firmen nicht möglich, Bei den Spendern möchte ich mich hiermit auch nochmals für die oft langjährige Unterstützung herzlich bedanken. Bei den Lebensmittelspenden beteiligen sich nicht nur die großen Supermarktketten aus Schongau und Umgebung, sondern es ist auch schön, dass sich viele kleine Läden, wie zum Beispiel Bäckereien und Gemüseläden sowie Vereine engagieren. Und Private, die uns zum Beispiel die Äpfel aus ihrem Garten vorbeibringen.“

Um die Lebensmittel an den Besucher zu bekommen, braucht es auch ehrenamtliche Helfer.

Meier: „Und auch die sind wirklich spitze. Momentan sind es rund 45 Engagierte, die wöchentlich rund 100 Arbeitsstunden leisten. Die meisten sind seit über zehn Jahren dabei, die Älteste war 82. Wirklich wichtig wäre aber, dass sich neue Helfer finden, um die alte Riege zu entlasten. Wer Interesse hat: Bitte einfach unter Tel. 08861/20444 melden oder bei der Ausgabe in der Dominikus-Zimmermann-Straße 1 vorbeischauen.“

Interview: Rasso Schorer

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