Aktionstag am Schongauer Krankenhaus

Aha-Effekt gegen den Schmerz

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Thomas Lippmann, Dr. Eva Mareen Bakemeier und Rico Lehnert mit einigen Exponaten der anstehenden Ausstellung.

Schongau – Millionen von Deutschen leiden darunter, viele verzweifeln daran: chronischer Schmerz. Ein Aktionstag am 21. Juni soll Aufmerksamkeit schaffen, das Schongauer Krankenhaus beteiligt sich. Denn seit zwei Jahren findet sich hier die Tagesklinik für Schmerztherapie, die mit multimodalen, also möglichst ganzheitlichen, Ansätzen aufwartet

„Ich hab‘s am Rücken, nicht am Kopf.“ Die Begeisterung der Patienten, die sich zum Diagnostiktermin in der Tagesklinik für Schmerztheraphie am Schongauer Krankenhaus einfinden, hält sich anfangs oftmals in Grenzen, beschreibt die leitende Ärztin Dr. Eva Mareen Bakemeier. Multimodal sei hier die Herangehensweise; das heißt, dass sich Experten mehrerer Fachrichtungen des Geplagten annehmen, sein Leid aus verschiedenen Perspektiven beleuchten – und das unter einem Dach. „So kann man viel ausprobieren“, erläutert Bakemeier. Doch probiert haben die bei ihr Hilfesuchenden meist schon so einiges.

Jahrelanges Leiden

„Der durchschnittliche Patient, der hier ankommt, hat seit drei Jahren Schmerzen, Operationen und Reha-Aufenthalte hinter sich und stapelweise Untersuchungsergebnisse dabei.“ Der sehnlichste Wunsch: Endlich eine Diagnose, endlich Linderung. Dass Spezialisten aus fünf Disziplinen, unter anderem Psychologie, einen neuen Anlauf nehmen, leuchte da nicht direkt ein.

Und dann das: Ergotherapeut Rico Lehnert schwört auf die Wirkung kreativen Arbeitens, bittetdie Patienten zur Kunststunde. Malen, Strukturbilder erstellen oder Nanas – Pappmaché-Plastiken, die wie steinzeitliche Venus-Figuren anmuten – modellieren. „Die Menschen reagieren anfangs oft neutral bis negativ“, ist Lehnert realistisch.

Doch dann setze der Aha-Effekt ein. „Kein Einigeln mehr wegen des Schmerzes – sich ausdrücken können, das hilft“, ist der Ergotherapeut überzeugt. Oftmals vergäßen die Patienten ihre Leiden vorübergehend. Ein großer Erfolg.

Überzeugung leisten

„Es geht ums Überzeugen“, erklärt Bakemeier. Zwei Tage dauert der ausführliche Diagnostiktermin an der Tagesklinik. So wie der Patient die Therapie kennen lerne, müssten sich auch die Mediziner ein Bild machen. Dann falle die Entscheidung, ob die fünfwöchige Behandlung erfolgversprechend sei. „Zu 70 Prozent wird bewilligt“, so Bakemeier. In dem Fall übernähmen die Kassen die kompletten Kosten für 25 Behandlungstage, die vorrangig ein Ziel haben: Den Gepeinigten durch theoretischen Input und praktische Anleitungen zum „aktiven Selbstmanager“ zu befähigen, wie die Ärztin formuliert. Der Patient, der mobil und der deutschen Sprache mächtig sein sowie die „notwendigen intellektuellen Fähigkeiten“ mitbringe müsse, werde vom „Ruderer zum Kapitän“.

Seit zwei Jahren gibt es die Tagesklinik für Schmerztherapie am Schongauer Krankenhaus, inklusive weiterer Behandlungsformen suchten seitdem 400 Geplagte um Hilfe und Rat. „Wir haben einen großen weißen Fleck auf der Landkarte besetzt“, findet Geschäftsführer Thomas Lippmann. Auch wenn das Angebot aus wirtschaftlicher Sicht wenig reizvoll sei: „Der Leidensdruck ist hoch, genau da müssen wir reingehen und als Versorger unsere Verantwortung wahrnehmen.“

Anlässlich des Aktionstages gegen den Schmerz am 21. Juni eröffnet um 17 Uhr im Röntgen-Wartebereich eine Ausstellung mit Schaustücken, die Patienten unter Anleitung Lehnerts angefertigt haben. Um 18 Uhr hält Bakemeier einen Vortrag, in dem sie wissenschaftliche Erkenntnisse, beispielsweise zur Placebo-Forschung, beleuchtet. Das Thema: „Ich bilde mir den Schmerz nicht ein! Wie hilft die Hirnforschung in der Therapie chronischer Schmerzen?“

Rasso Schorer

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