»Saft komplett abgedreht«

#alarmstuferot: Stadtkapelle Schongau im Lockdown

Stadtkapelle Schongau Lockdown Video #alarmstuferot
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Zusammenpacken und Schluss – dieser Situation sah sich auch die Schongauer Stadtkapelle nun zum zweiten Mal in diesem Jahr gegenüber stehen.

Schongau – Zu den aktuell pausierenden Lebensbereichen, die die Politik ausgewählt hat, um die Kontaktzahlen im November zu reduzieren, gehört die Kultur. Der Lockdown light trifft daher auch die Stadtkapelle Schongau. Über deren aktuelle Situation haben sich ihre Pressewartin Patricia Graf und Erster Vorstand Michael Horn mit dem Kreisboten/Lechkurier unterhalten.

Bis mindestens Ende November gilt der „Lockdown light“. Wie ist die Situation bei der Stadtkapelle?

Graf: „Uns ist komplett der Saft abgedreht. Ebenso wie die Profis dürfen auch die Hobbymusiker gerade nichts machen. Und das gerade jetzt, wo wir viele Auftritte gehabt hätten.“

Horn: „Wir sind eine Kapelle, die sonst rund 60 Auftritte pro Jahr hat. Heuer waren es nach Fasching gerade einmal vier. Wir haben aktuell alles komplett eingestellt; es gibt keine Proben, keine Zusammenkünfte.“

Wie wirkt sich das aus?

Horn: „Das Miteinander leidet. Wir hatten im Frühjahr schon drei Monate Pause und haben die Leute über den Sommer erst wieder mobilisiert. Akute Anzeichen sehe ich bei uns noch keine – aber unter diesen Umständen droht ein Verein auseinanderzubröckeln.“

Pressewartin Patricia Graf

Und musikalisch?

Horn: „Wir werden nach dem Lockdown sicher nicht wieder bei Null anfangen, aber es ergeben sich natürlich schon Probleme, die wir dann wieder aufholen werden müssen. Das musikalische Niveau fällt ohne Proben und Auftritte.“

Graf: „Um allein zu üben, fehlt manchen jetzt sicher ein richtiges Ziel als Motivation. Es fehlt der Auftritt, auf den man hinarbeitet.“

Vielleicht eine naive Frage eines Nicht-Musikers: Lässt sich da online etwas kompensieren?

Horn: „Vorstandssitzungen halten wir online ab. Auch Einzel­unterricht geht. Mehr aber auch nicht, zum Beispiel wegen der Zeitverzögerung.“

Graf: „Es gibt zwar Plattformen, die so etwas anbieten. Da braucht es dann aber irgendein Premium-Deluxe-Paket und das geht dann zu sehr ins Geld. Und für unsere Ansprüche als Stadtkapelle geht das auch am Ziel vorbei. Was wir online aber machen ist, unser wetterbedingt ausgefallenes Wanderkonzert auf unserer Homepage hochzuladen. So können wir uns immerhin auf diesem Weg präsentieren.“

Erster Vorstand Michael Horn

„Ein Alarm, dass das Vereinsleben mit dem Lockdown stirbt.“

Erster Vorstand Michael Horn

Zuletzt hat die Stadtkapelle auch ein Video auf Facebook gepostet: Alles in Schwarzweiß und ohne Ton gehalten, die Musiker packen zusammen, das Licht geht aus. Versehen war das unter anderem mit den Hashtags #sangundklanglos #alarmstuferot #lichtaus #tonaus #ohnekunstwirdsstill. Damit habt Ihr Euch vielen Kulturschaffenden angeschlossen, die ähnliche Inhalte veröffentlicht haben. Welchen Hintergrund hat das?

Graf: „Wir wollten damit vor allem andere Künstler unterstützen. Bei meinem Studium am Leopold-Mozart-Zentrum in Augsburg bekomme ich selbst ganz viele Freunde mit, die davon betroffen sind, dass sie jetzt schauen müssen wie sie ohne Gigs und Konzerte ihr Studium finanzieren.“

Horn: „Auch bei uns in der Stadtkapelle haben wir Profi-Musiker und Studenten, die aktuell unmittelbar und hart betroffen sind. Für mich ist der Hashtag #alarmstuferot auch ein Alarm, dass das Vereinsleben mit dem Lockdown stirbt.“

Ist die Kultur bei der Entscheidung für einen neuerlichen Lockdown außer Acht gelassen worden?

Horn: „Viele Verbandsfunktionäre sitzen auch im Landtag, da sind wir eigentlich gut vertreten. Es ist ganz klar, dass man vernünftig vorgehen muss, um die Lage wieder zu kontrollieren. Uns geht es jetzt aber wie den Gastronomen: Ich kenne keinen Fall, bei dem sich ein Musiker in der Probe angesteckt hat. Warum setzt man uns also komplett auf Null? An uns hat es nicht gelegen.“

Strengere Maßnahmen hatten sich ja angebahnt, die Entscheidung zum Lockdown kam dann aber doch recht schnell und mit einiger Härte. Hättet Ihr Euch eine Kompromisslösung gewünscht?

Graf: „Um das nochmal klar zu sagen: Jeder versteht, dass man die Zahlen eindämmen muss. Meines Wissens sprachen aber keine wissenschaftlichen Beweise dafür, Kultur und Gastronomie zuzumachen. Wir hatten vermutet, dass wir zumindest in Ensembles und Kleingruppen weitermachen dürfen, sodass wir am Ball bleiben können. So wie es jetzt ist, das ist auch die Rückmeldung aus anderen Vereinen, legt man die Klarinette halt für mindestens fünf, sechs Wochen in den Kasten.“

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