Emotionsgeladene Info-Veranstaltung

Asylbewerber in Peiting: "Gemeinsam kriegen wir es hin!"

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Zahlreiche Besucher trugen sich nach der Veranstaltung spontan in die Helferlisten ein.

Peiting – 75 neue Asylbewerber sollen zum Jahresende in einer Gemeinschaftsunterkunft an der Erlachstraße untergebracht werden. Bei der Informationsveranstaltung am Dienstagabend im Sparkassensaal schwankten die Emotionen der Besucher im voll besetzten Saal von spontaner Hilfsbereitschaft bis zu Ängsten und Kritik an der bayerischen Asylpolitik.

Schuld sind wieder einmal die Kosten. Gemeinschaftsunterkünfte werden vom Freistaat finanziert, Einzelunterkünfte bezahlt der Landkreis, wie Kreiskämmerer Norbert Merk ausführte. Allerdings räumte Bürgermeister Michael Asam ein, dass Kämmerer Christian Hollrieder im Vorfeld vergeblich nach mietbarem Wohnraum für Asylbewerber gesucht hätte. 

Ein weiterer Grund, warum der Landkreis bei der Unterbringung von Asylbewerbern nach Osten tendiert, seien günstigere Miet- und Grundstückspreise, so Merk. Irina Ortner vom Landratsamt führte aus, dass nach Verteilerschlüssel bis Ende 2015 rund 1200 Flüchtlinge im Landkreis untergebracht werden müssen. 

Da der Kreis bisher weiniger Flüchtlinge als gefordert aufgenommen hat, macht das etwa 800 Neuaufnahmen bis zum Jahresende. „Die Regierung von Oberbayern ist ihrer gesetzlichen Verpflichtung, in jedem Landkreis eine Gemein-schaftsunterkunft zu errichten, nicht nachgekommen", erklärte Helmut Estermann von der Ausländerbehörde des Landratsamts. 

Der schwarze Peter liegt deshalb jetzt beim Landkreis, dem nichts anderes übrig bleibt, als Grundstücke zu erwerben und an den Freistaat zu vermieten. „Es ist nicht leicht, Wohnraum anzumieten und darin Asylbewerber unterzubringen“, betonte Estermann. Norbert Merk fügte hinzu, dass man alles tun wolle, um die Unterbringung in Zelten und Turnhallen zu verhindern. 

Fündig geworden ist er bei einem Grundstück an der Erlachstraße, das in den 1950er Jahren von der Diözese München-Freising erworben wurde, um darauf ein neues Pfarrzentrum zu bauen. „Als für uns die Überlegung anstand, über die Unterbringung von Flüchtlingen zu entscheiden, haben alle beteiligten Gremien spontan Ja gesagt“, so Pfarrer Hans Speckbacher. 

Die Pfarrgemeinde habe lediglich die Auflage gemacht, dass alle Anrainer „sauber informiert werden“. Deshalb wurde laut Bürgermeister Michael Asam auch die Informationsveranstaltung anberaumt. 

Bei einigen Anwohnern stieß er damit aber auf Unverständnis. Joe Sellmaier stieß sich an der Art und Weise des Vorgehens der Gemeinde und an der Konzentration der Asylbewerber an einem Wohnort. „Meine Nachbarn und ich haben dabei schon ein komisches Gefühl im Magen“, so Sellmaier. 

Robert Turansky sah ein erhöhtes Konfliktpotenzial und eine Einbuße bei den umliegenden Grundstückswerten. „Die Ängste, die wir als direkte Anwohner haben, sollten respektiert werden“, meinte er. Dies konterte Asam damit, dass die Unterkunft nur für eine begrenzte Zeit, maximal acht Jahre geplant sei. „Da gibt es keinen Wertverlust.“ 

Siegfried Buchner hätte die Unterkünfte lieber auf dem Bahnhofsgelände gesehen. 

Die Berührungsängste zu Menschen aus einem fremden Kulturkreis versuchten Sabine Haser und Gabi Sanktjohanser-Pfeffer zu zerstreuen, die sich seit geraumer Zeit um die in Peiting bereits wohnenden Flüchtlinge kümmern. „Diese Arbeit hat unser Leben ungemein bereichert“, so Haser und Sanktjohanser-Pfeffer fügte hinzu, dass es sie sehr beeindruckt habe, wie sich die Neuankömmlinge bemühen, Deutsch zu lernen.

Auch Elfriede Scheffler, die den Asylbewerbern aktuell Deutschunterricht gibt, versicherte: „Das sind höfliche, zuvorkommende, freundliche und zurückhaltende Leute!“ Die Anwohner forderte sie auf: „Kommen Sie und erleben Sie was das für Menschen sind. Ihre Ängste werden weniger werden.“

Alragab Fadi, ein Arzt, der in einem Militärhospital in Syrien gearbeitet hatte und seit einiger Zeit in Peiting untergebracht ist, schilderte seine Erlebnisse so: „Ich musste jeden Tag erleben, wie Menschen durch den Krieg starben und fühlte mich selbst zunehmend bedroht, so dass ich beschloss, meine Heimat zu verlassen. Ich kam auf einem gefährlichen Weg hierher und danke den ehrenamtlichen Betreuern. Ohne sie wäre ich in Peiting verloren gewesen.“ 

Auf Peitinger Geist bauen Auch der evangelische Pfarrer Jost Hermann aus Weilheim, der dort seit Jahren Flüchtlinge betreut, sah keinen großen Grund für Ängste: „Sobald es uns gelingt, eine Beziehung zu diesen Menschen aufzunehmen, dann droht keine Gefahr mehr.“ 

Bürgermeister Michael Asam ermutigte die Anwohner, auf den Peitinger Geist zu bauen: „Gemeinsam kriegen wir das hin!"

Das hat die Besucher der Informationsveranstaltung besonders interessiert:

  • Wie lange sollen die Flüchtlinge in Peiting untergebracht werden und wie sehen die Gebäude aus? 

Pfarrer Hans Speckbacher: „Der Pachtvertrag hat eine Laufzeit von fünf Jahren beginnend ab dem 1. April. Es gibt eine Zeichnung, wie es ungefähr aussehen soll. Bei Interesse können Sie das einsehen.“ 

Norbert Merk: „Wir sind noch in Verhandlungen, was die Laufzeit betrifft. Wie die Gebäude aussehen sollen, wissen wir noch nicht. Es sind aber einzelne Wohneiheiten mit Küche und Bad vorgesehen. Für die Maßnahme werden etwa 1,5 Millionen Euro investiert.“

  • Was für Leute sollen nach Peiting kommen? 

Helmut Estermann: „Das sind überwiegend junge Männer im Alter zwischen 20 und 30 Jahren. Die Flüchtlinge kommen aus Ländern, wo es gesellschaftlich meist nicht denkbar ist, dass Frauen alleine irgendwo hingehen. Die Männer versuchen hier Fuß zu fassen und die Familien nachzuholen. Es gibt auch in kleinem Maße ganze Familien, die hier ankommen.“ 

Reinhold Böttger (ehrenamtlicher Betreuer): „Es sind total freundliche Menschen, die meist aus Syrien und der dortigen Mittelschicht stammen. Man braucht keine Angst vor ihnen zu haben.“ 

  • Wäre das alte Bundeswehrgelände nicht eine schöne Alternative für die Unterkunft gewesen, statt auf der grünen Wiese zu bauen? 

Bürgermeister Michael Asam: „Für das Gelände liegt noch kein genehmigter Bebauungsplan vor, der Gemeinderat hat noch keine Entscheidungen getroffen. Kurzfristig ist da nichts zu machen.“ 

  • Ich habe beim Landratsamt ein Zimmer für Asylbewerber angeboten und die Auskunft bekommen, das ginge nicht. Warum? 

Helmut Estermann: „Asylbewerber sind verpflichtet, in einer Unterkunft zu wohnen. Eine private Wohnsitznahme ist erst möglich, wenn gesichert ist, dass sie ihren Unterhalt selbst bestreiten können. Um einzelne Zimmer anzumieten ist der Verwaltungsaufwand zu groß.“ 

  • An wen kann man sich wenden, wenn es Probleme gibt? 

Bürgermeister Michael Asam: „Es wird einen Ansprechpartner im Rathaus geben. Zudem wird die Unterkunft von einem Sozialpädagogen betreut.“

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