Asylsituation in Schongau in der Kritik

"Wer würde hier gern wohnen?"

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Abdul Karim (2. v. li.) berichtete aus dem Alltag im Asylheim. (v.l.n.r.): Alexander Thal (Bay. Flüchtlingsrat), Gerli Lantzberg (ehrenamtlich tätig im Asylbewerberheim Schongau), Moderator Lukas Gerbig (Karawane München), Antonella Giamattei (Dolmetscherin).

Schongau – „Als Flüchtling in Schongau“ lautete das Thema einer Podiumsdiskussion im Rahmen der Aktionswoche „uns[er]leben -- Schongau wird inklusiv“ am vergangenen Montag. Zahlreiche Besucher kamen, um sich zu informieren und mitzudiskutieren.

Die Jugend von heute sei politisch nicht interessiert, lautet ein gängiges Vorurteil, das man so keinesfalls stehen lassen kann. Das zumindest demonstrierte die Podiumsdiskussion im Jakob-Pfeifer-Haus zur Flüchtlingssituation in Schongau auf eindrucksvolle Weise. Trotz hochsommerlichen Temperaturen besuchten zahlreiche Gäste die Veranstaltung, unter ihnen – und das war auffällig – viele Jugendliche und junge Erwachsene. 

Veranstalter waren neben der Stiftung Scheuklappen, die Jusos Weilheim-Schongau, die Amnesty-International Jugendgruppe Schongau sowie die Flüchtlingshilfsorganisation Karawane München. Mit dabei auch Alexander Thal vom Bayerischen Flüchtlingsrat, der die bisherige Flüchtlingspolitik Deutschlands als gescheitert betrachtet. „80 Prozent der Asylbewerber bleiben über Umwege eh hier in Deutschland“, sagte Thal. „Was mir nicht in den Kopf will ist, warum wir das Geld dann nicht in die Integration stecken, statt in den Abschiebungsprozess.“ 

Zur Situation in Schongau äußerte sich Thal nach der Veranstaltung wie folgt: „Klar ist, es werden mehr Menschen nach Deutschland kommen und die Kommunen werden sich gezwungenermaßen nach Möglichkeiten und Alternativen umsehen müssen, die Flüchtlinge unterzubringen. Nachdem die Sache mit dem Forsthaus in Schongau für viele erst mal ausgestanden scheint, sitzen wieder alle beruhigt in den Biergärten. Von den Verantwortlichen ist keiner hier, um sich zu informieren.“ 

 In der Tat meldete sich aus dem politischen Establishment lediglich Schongaus Bürgermeister Karl-Heinz Gerbl zu Wort und gestand ein, dass man in der Vergangenheit „nicht sehr viel für die Asylbewerber getan hat,“ betonte jedoch, dass man den Menschen im Asylbewerberheim mittlerweile kostenlos Fahrräder zur Verfügung stelle. Doch das fanden die meisten der Anwesenden nicht genug. „Es bewegt sich nichts und es ist seit Jahren ein Thema“, kritisierte ein Besucher. „Die Missstände gehen uns alle an. Was sich hier abspielt, finde ich pervers“ empörte sich eine 18-jährige Abiturientin später lautstark. 

Wohl dem sensiblen Thema und der komplexen Materie der Flüchtlingspolitik geschuldet, drehte sich die Diskussion weitestgehend um allgemeine Fakten zur Situation von Asylsuchenden in Deutschland. Erst gegen Ende erkundigte sich ein Mann aus dem Publikum nach der konkreten Problematik hier in Schongau. Dass die Situation im „Lager“ – wie das Flüchtlingsheim von allen nichtbeschönigend genannt wurde – in der Tat nicht mehr tragbar ist, erfuhren die Anwesenden dann aus erster Hand. 

Glen Ogbebor, Asylsuchender aus Nigeria und Bewohner des Asylbewerberun-terkunft in Schongau, brachte die Missstände auf den Punkt: Das größte Manko sei die geografische Lage in einem Industriegebiet und neben einem Tierheim. Die Bewohner seien enormem Lärm und giftigen Substanzen ausgesetzt. Ein Problem in den „Baracken“ sei außerdem die schlechte Isolation – im Sommer unerträglich heiß, im Winter so kalt, dass man auch Nachts heizen müsse, was zu Kopfschmerzen und gesundheitlichen Problemen führe. Außerdem sei das Freizeitangebot mäßig bis nicht vorhanden. 

Des Weiteren ergänzte Abdul Karim, der eine längere Zeit im Flüchtlingscamp in Schongau lebte, mittlerweile einen Aufenthaltsstatus hat und sich für die Organisation Jugendliche ohne Grenzen Bayern engagiert: „Das Lager ist das allerletzte Haus der Stadt. Es ist ein weiter Weg, um an den Bahnhof zu kommen. Im Winter, wenn es früh dunkel wird, müssen die Leute im Dunkeln gehen, da die Strecke teilweise nicht beleuchtet ist. Wer würde hier gerne wohnen?“ Eines wird an diesem Abend klar: die Asylbewerber suchen Anschluss. Sie möchten am städtischen Leben teilhaben, die Möglichkeit haben, Deutsch zu lernen, sowie eine bessere Anbindung an den öffentlichen Nahverkehr. 

Fazit: Die Situation der Asylsuchenden hier in Schongau bleibt prekär. Ohne die engagierten ehrenamtlichen Helfer des Freundeskreis Asyl Schongau ginge nichts. Und Fahrräder von Seiten der Stadt mögen eine nette Geste sein – mehr aber auch nicht.

Moritz Fink

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