Kriegsende und Nachkriegszeit vor 100 Jahren:

Auf den Spuren des Ersten Weltkrieges im Schongauer Land

Andreas Lang Burggen Landtag Weltkrieg Soldat
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Der spätere CSU-Landtagsabgeordnete Andreas Lang als Soldat im Ersten Weltkrieg.

Landkreis – Der kürzlich erschienene „Welf 2020“, herausgegeben vom Historischen Verein – Stadt und Land, handelt wie immer in seinen Aufsätzen ganz unterschiedliche Themen ab. Rainer Schmid beschäftigte sich mit dem Kriegsende und der Nachkriegszeit vor 100 Jahren im Schongauer Land. 

2018 und 2019 jährten sich Ereignisse wie das Ende des Ersten Weltkriegs und die revolutionären Umwälzungen in Deutschland zum 100. Mal. Es gab eine große Gedenkveranstaltung am Arc de Triomphe in Paris mit dem französischen Staatspräsidenten Emmanuel Macron, Bundeskanzlerin Angela Merkel, dem US-Präsidenten Donald Trump und dem russischen Präsidenten Vladimir Putin. Die Stadt München führte eine Reihe von Veranstaltungen durch. Seitdem ist es wieder still geworden um die Erinnerung an das Geschehen vor 100 Jahren.

Dabei ist die Beschäftigung mit dem Ersten Weltkrieg als „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“ (wie ihn der US-Diplomat George F. Kennan bezeichnete) gerade aus lokalgeschichtlicher Sicht zum Verständnis unserer Geschichte insgesamt wichtig. Im „Frankreich-Jahrbuch 2010“, herausgegeben vom Deutsch-Französischen Institut, steht, dass Ortsgeschichte dazu anregt, erneut über die Konstruktion nationaler Identität und deren Verhältnis zur nationalen Erzählung nachzudenken. Es geht demnach darum, das Flüstern einer Geschichte hörbar zu machen, die sich weitab vom Geschehen in der Provinz ereignete.

Das war nämlich Motivation für die fünfteilige Reihe im „Welf“, dem Jahrbuch des Historischen Vereins Schongau – Stadt und Land, die in den Ausgaben von 2014, 2015, 2016, 2017 und 2020 zum Ersten Weltkrieg erschienen ist. Sie hatte den Fokus nicht auf den militärischen und politischen Ereignissen, sondern auf deren Darstellung in örtlichen Quellen wie den Schongauer Nachrichten, Bezirks­amtsmitteilungen, der Bernbeurer Dorfchronik oder den Erinnerungen des Kriegsteilnehmers und späteren CSU-Mitbegründers Andreas Lang aus Burggen. Sie lenkt das Augenmerk nicht auf die Handlungen von Kaisern und Generälen. Diese sind in vielen Büchern ausgiebig beschrieben. Im „Welf“ geht es um das Erleben und die Wirkungen von Krieg und Nachkriegszeit auf die Menschen im damaligen Bezirk Schongau. Dieser war bis November 1918 königlich-bayerisch. Nach der Revolution gehörte er zum Freistaat, wie Bayern heute offiziell heißt. Aber man brauchte noch nach Kriegsende in den Ämtern die königlichen Briefköpfe auf, um im allgemeinen Mangel Papier zu sparen.

Der Krieg und seine Folgen

Dieses Detail zeigt, wie sich der Erste Weltkrieg und seine Folgen vielfältig in den Lebensbereichen fernab des Kampfgeschehens auswirkten. Der Erste Weltkrieg flüstert an vielen Orten im Schongauer Land. Die Kriegerdenkmäler, die seinerzeit errichtet oder erweitert wurden, sind stille, aber nicht stumme Mahner an die Opfer und daran, dass Frieden keine Selbstverständlichkeit ist.

In der Wieskirche oder in der Birkländer Pfarrkirche gibt es Erinnerungstafeln an Kriegs­teilnehmer und Kriegsopfer. An der Straße zwischen Riesen und Steingaden steht ein Gedenkstein mit dem Dank für glückliche Heimkehr. Diese Denkmäler zeigen, wie die Entscheidungen von Kaisern, Königen und Generälen Söhne und Väter aus ihrer Heimat im Schongauer Land fortrissen und Eltern, Frauen und Kinder mit der Arbeit in Haus und Hof und der Ungewissheit um das Schicksal der Angehörigen zurückließen. Viele kehrten nicht zurück. Für sie gibt es von ihren Familien geschaffene Erinnerungstafeln wie auf dem Friedhof in Steingaden. Nur wenige Kriegstote konnten in der Heimat bestattet werden.

Der »Große Krieg«

Der Erste Weltkrieg, der in Frankreich und in Großbritannien bis heute der „Große Krieg“ genannt wird, nahm die Männer aus der Heimat fort und führte an ihrer Stelle Kriegsgefangene zu. Wir dürfen annehmen, dass etliche unserer Vorfahren es damals zum ersten Mal mit Russen oder Franzosen zu tun hatten. Im landwirtschaftlich geprägten Bezirk Schongau waren die Kriegsgefangenen ein wichtiger Ersatz für die eingezogenen Männer. Sie wurden zum Beispiel bei der Peitnach-Regulierung in der Herzogsägmühle eingesetzt. Nach der Kriegs-Volkszählung vom 5. Dezember 1917 gab es im Bezirk Schongau 487 Kriegsgefangene. Das waren immerhin 5,6 Prozent der hiesigen männlichen Bevölkerung. Auf dem Friedhof in Maria Egg in Peiting ist bis heute das Grab eines russischen Kriegsgefangenen erhalten. Auch er fand fern der Heimat seine letzte Ruhestätte.

Zum Glück konnten nach Kriegsende Millionen überlebende Soldaten in ihre Heimat zurückkehren. Auch im Schongauer Land kamen die demobilisierten Soldaten nach Hause. Deren Wiedereingliederung ins zivile Leben war nach Jahren von Gewalt und Tod eine wichtige Herausforderung. In den Gemeinden im Schongauer Land gab es für die Heimkehrer Begrüßungsfeiern, deren Stimmung sich im Rahmen hielt zwischen angemessener Zurückhaltung wegen der militärischen Niederlage und dem Gedenken an die Opfer sowie der Freude und Erleichterung über die Heimkehr der Soldaten.

Diese Feiern verliefen immer in ähnlicher Weise: Gottesdienst, Umzug, Ansprachen, Gesang, Gedichte und Festessen. Heimkehr und Feiern dieser Art waren und sind im Schongauer Land eine einmalige lokalgeschichtliche Erfahrung. Für die Heimkehrer gab es Spendensammlungen und Wohltätigkeitskonzerte, um sie bei der Wiederaufnahme ihres zivilen Lebens zu unterstützen.

Die Soldaten kamen in eine Heimat zurück, die während und nach dem Krieg wie andere ländliche Regionen von Hamsterei und Diebstählen heimgesucht worden war. Die Stadt Schongau gab auch nach Kriegsende Heizmaterial wie Kohle und Grundnahrungsmittel wie Kartoffeln ab, um die ärgste Not zu lindern. Noch 1920 gab es in Schongau Lebensmittelmarken. Aber aus Heeresgut konnten die Menschen Schuhe, Rechen, Mistgabeln oder Küchengeschirr erwerben. Die Versteigerung von Pferden und Pferdegeschirr kam der Landwirtschaft zugute.

Die Heimkehrer fanden ein verändertes Land vor. Kaiser und König waren verschwunden, die Generäle in den Hintergrund getreten. Sie überließen Republik und Demokratie das Aufräumen des Scherbenhaufens, den sie hinterlassen hatten. Die Niederlage von 1918, der Versailler Vertrag von 1919 führten zu unruhigen Zuständen nach dem Krieg. Ortswehren wurden gegründet. In Schongau marschierte Ende April 1919 während des kurzlebigen Experiments der Münchner Räterepublik das Militär ein und verhaftete politisch linksstehende Personen. Das Schongauer Land war aber katholisch-konservativ geprägt. Das zeigte sich auch an den Wahlen, an denen ab 1919 erstmals Frauen teilnehmen konnten. Das Schongauer Land wählte großteils die Bayerische Volkspartei, eine Vorgängerin der CSU.

Die Darstellung der Wirkungen des Großen Krieges auf die kleine Welt war dem Autor das zentrale Anliegen. Denn über Kriegsopfer wie Dominikus Geiger aus Birk­land gibt es keine dicken Bücher wie über seinen damaligen Kaiser Wilhelm II., für den er vier Monate vor Kriegsende in Frankreich sterben musste.

R. Schmid

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